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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIV (1979 / Heft 166 und 167)

Karl Kosel 
Studien zur spätbarppken 
Stuckdekoration in Osterreich 
und Schwaben 
OR 
Wenn hier nach meinen beiden vorangegangenen 
Veröffentlichungen der Versuch unternommen 
wird, die Auswirkungen der Konstellation Fischer 
v. Erlach - Barbarino in einem größeren zeitlichen 
und räumlichen Zusammenhang darzustellen, so 
sind hierfür zwei Gründe der unmittelbare AnlaB: 1. 
Die mit seltener Eindeutigkeit faßbare Auswirkung 
des Dekorationsstils der Italiener und Fischers v. Er- 
lach in der figürlichen Stukkatur der Klosterkirche 
Holzen, wo mit Pater Christoph Vogt als örtlichem 
Bauleiter der spätere Stiftsbaumeister von Ottobeu- 
ren tätig war'. Christoph Vogt und der aus Holzen 
gebürtige Kaspar Ftadmiller importierten die Ideen 
von Fischers Salzburger Kirchenbauten nach Ot- 
tobeurenz. 2. im Zusammenhang damit ist es die 
Neuauflage der Monographie Hans Sedlmayrs über 
Fischer v. Erlach, die den letzten Anstoß zu diesem 
Versuch gabJ. Der Hinweis auf die Auswirkungen 
der Salzburger Kollegienkirchenfassade in Schwa- 
ben und auf seinen Einfluß beim Ludwigsburger 
Schloßbau steckte das Dreieck Salzburg. 0ttobeu- 
ren und Ludwigsburg als Rahmen meiner Untersu- 
chung ab'. Dabei gehe ich von der Überlegung aus. 
daß den Ausstrahlungen von Fischers Ornamentstil 
nicht nur eine punktuelle Wirkung beschieden ge- 
wesen sein konnte, wie dies im Schloßbau der Fall 
ist. Um es vorwegzunehmen: Für Diego Francesco 
Carlone als den genialen Interpreten von Fischers 
Salzburger Ornamentstil gilt Sedlmayrs Feststel- 
lung hinsichtlich des Schloßbaus, daß die ersten 
Adepten von Fischers Kunst im deutschen "Aus- 
land- gerade Italiener warens. Die durch ihn vermit- 
telte Ausstrahlung des Dekorationsstils Fischers 
v. Erlach auf die Wessobrunner Stukkatoren, vor al- 
lem auf die Gebrüder Zimmermann und Schmuzer. 
war erhebliche. - Es sei hier nur kurz darauf hinge- 
wiesen, daB auch Ehrgott Bernhard Bendl bei der 
Verbreitung von Fischers Salzburger Dekorations- 
stil eine Rolle gespielt hat. DerWclkenhimmel seiner 
Stuckdekoration am Langhausgewölbe der Wall- 
fahrtskirche Gartlberg bei Pfarrkirchen (1713) stellt 
eine phantasievolle Übersetzung der Stuckglorie 
des Hochaltars in der Salzburger Kollegienkirche 
dar'. 
Auch bei den späteren Stuckdekorationen, die Fi- 
scher v. Erlach nachweislich entworfen hat, spielt 
das Girlandenmotiv eine wesentliche Rolle. Es sei 
hier nur an die Kuppelstukkatur in der Vorhalle der 
Salzburger Kollegienkirche erinnert. Die künstleri- 
sche Entwicklung von Diego Franceso Carlone wird 
durch seine Zusammenarbeit mit Fischer v. Erlach 
in Salzburg entscheidend geprägt. Von hier aus 
setzt die Ausstrahlung des Ornamentstils Fischers 
v. Erlach nach Schwaben ein. Den vollen Umfang 
dieser Auswirkungen beginnt man erst jetzt in Um- 
rissen zu ahnena. Die beiden Hauptzentren dieses 
italienischen Einflusses unter umgekehrtem Vor- 
zeichen sind Schloß Ludwigsburg und Kloster Ot- 
tobeuren. Bei den wenigen Beispielen, die hier be- 
handelt werden können, wird sich auch noch im 
zweiten und dritten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts 
die Auswirkung Barbarinos bis zur dritten Hand klar 
feststellen lassen. 
Noch während seiner Zusammenarbeit mit Fischer 
v. Erlach in Salzburg stuckiert Diego Francesco Car- 
lone 1708109 das Ambulatorium im Stift Lambachs. 
Die Bedeutung dieser Stuckdekoration, womit die 
direkte Entwicklung zu seinen reifen Werken in 
Ludwigsburg eingeleitet wird, liegt in zwei Tatsa- 
chen begründet: 1. ist sie sein erstes selbständiges 
Werk unmittelbar vor dem Abschluß seiner Salzbur- 
gerTätigkeit, 2. bringen ihn die LambacherAufträge 
in die unmittelbare Nachbarschaft von Kremsmün- 
ster. Hier seien nur die Girlande und die verklam- 
mernden Kartuschenformen in ihrer bildlich-räum- 
lichen Struktur herausgegriffen. Diese bilden, op- 
tisch vor der Gewölbefläche schwebend, ein rhyth- 
misch reich variiertes Beziehungssystem zwischen 
den gemalten und stuckierten Bildern (Abb. 1). Im 
bildlichen Gesamtzusammenhang der Gewölbede- 
koration dominieren sie entschieden über die unter- 
teilenden Rahmenformen und erfüllen mit ihrem il- 
lusionierenden Schwebezustand lene bildräumliche 
Grundstruktur, die wir bei Barbarino in der Serviten- 
kirche Wien und in Kremsmünster beobachtet ha- 
ben. Die Verdichtung der rhythmisierten Girlanden 
zwischen den Bildzentren der einzelnen Gewölbe- 
abschnitte und ihre Zusammenfassung durch die 
Kartuschen läßt sie, von der Flächenbindung gelöst. 
als integrierende Bestandteile der Bildräumlichkeit 
erscheinen. Dieser Bildräumlichkeit im illusionisti- 
schen Sinneentsprichtihre gesamträumliche Struk- 
tur im architektonischen Sinne. Unterhalb des Ge- 
simses erscheinen sie in fast völliger Freiräumlich- 
keit als Umrahmungen an den Oberkanten der Fen- 
sternischen und an den Schmalseiten des Saales in 
den Bekrönungen der Figurennischen und der Tür- 
rahmungen. Die Zusammenfassung dieser frei 
rhythmisierten Girlanden, die als Rahmenmotive in 
subtil differenzierter Spannung zur geometrischen 
Strenge der Wandgliederung stehen, erfolgt im De- 
kor der Säulenkapitelle. Die zwischen den Voluten 
herabhängenden Blattgirlanden beweisen einwand- 
frei die Übernahme dieses Kapitelltyps aus der 
Stiftskirche Kremsmünster. Gewiß sind die Stuck- 
dekorationen Fischers v. Erlach als die primäre Stil- 
quellen für Diego Francescc Carlone anzusehen, 
doch ergibt sich daraus mindestens eine indirekte 
Berührung mit dem Dekorationsstil Barbarinos. 
Ein genauer Vergleich mit der Stuckdekoration der 
Kollegienkirche (1705-1707) ergibt selbstverständ- 
lich zunächst ein hohes Maß an struktureller und 
motivischer Übereinstimmung". Doch auch dann, 
wenn man die nicht ausgeführten Decken- und 
Wandgemälde in Betracht zieht, bleiben einige we- 
sentliche Unterschiede zwischen der Salzburger 
und Lambacher Dekoration bestehen, die auf ihre 
Beziehung zu Barbarino zu untersuchen sind. Das 
rhythmische Verhältnis der Girlanden zu den Rah- 
menleisten in Lambach, die den Gewölbespiegel 
umgrenzen. ist ohne das Vorbild der Salzburger 
Vorhallenstukkatur nicht denkbar (Abb. 2). Die An- 
hebung der Girlande und der Puttengruppen durch 
einen architektonisch geformten Bildsockel über 
den toskanischen Pilasterkapltellen unter Einschal- 
tung von Muscheln mit Engelsköpfen in den bemalt 
zu denkenden Bildraum des Gewölbes steht eindeu- 
tig in Beziehung zur Stuckdekoration in der Kuppel 
der oberen Gruftkapelle des Grazer Mausoleums 
und damit zu den Gewölbestukkaturen Barbarinos 
in den Seitenschiffen der Stiftskirche Kremsmün- 
ster. Mit dem architektonischen Bildsockel verbin- 
det sich aber eine stärkere Tektonisierung des bild- 
räumlichen Aufbaues der Stuckdekoration. Diese 
Tektonisierung wird im Innenraum der Kollegienkir- 
che zur dominierenden Struktur der Stuckdekora- 
tion. Die Wandstukkaturen in den Ouerarmen über 
den Durchgängen zu den Seitenkapellen machen 
dies anschaulich (Abb. 3). Die Bildräumlichkeit der 
prospekthaft hintereinander gestaffelten Dekora- 
tionspartien in den Seitenkapellen und Ouerarmen 
ist mit wunderbarer Übersichtlichkeit und Transpa- 
renz durchgeführt, doch bleiben die einzelnen Be- 
reiche-Architektur,Stukkaturund geplante Malerei 
- klar voneinander getrennt. Die zeichnerische Klar- 
heit der Wandstukkatur in ihrem Schwebezustand 
vor der Wandfläche ist völlig aus der Reliefschich- 
tung der Architektur entwickelt. Die tektonische 
Grundstruktur des Ornaments kommt besonders 
klar bei den Kartuschen an den Bogenscheiteln zum 
Ausdruck. Die Aufwölbung ihrer Binnenfläche läßt 
im Gegensatz zur rhythmischen Freiräumlichkeit 
der umgrenzenden Voluten das Bogenprcfil durch- 
schimmern und bekundet damit die Bindung an die 
Architektur. In Lambach dagegen ist bei völliger 
Übereinstimmung mit der Salzburger Kartuschen- 
form die Flächengliederung in den Übergängen zwi- 
schen den Deckengemälden überlagert, ja völlig
	        

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