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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIV (1979 / Heft 166 und 167)

gegenstände zu bezeichnen, die in sieben Erschei- 
nungen eröffnet werden Sblllerlws. 
Vom Standpunkt eines religiöse Werke schnitzen- 
den Bildhauers jener Zeit muß man sich einmal ver- 
gegenwärtigen, daß außer Orgelbekrönungen und 
Kanzeln sowie additiv-figürlichem Beiwerk an und 
auf Altären vor allem ein im Zentrum der Betrach- 
tung stehendes Tabernakelgehäuse der richtige Ort 
war, um dort Engelkinder in allen erdenklichen Po- 
sen anzubringen, wobei der bildhauerischen Phan- 
tasie kaum jemals Grenzen gezogen waren. Für die 
erstaunliche Freiheit der dort vorhandenen Darstel- 
lungen in Haltung, Bewegung und Ausdruck im 
Zeitalter des Rckoko ist gerade die Komposition der 
Stuttgarter Tabernakelbekrönungsgruppe als be- 
sonders einleuchtender Beweis anzuführen. Es ist 
verständlich, daß der figürliche Stil des Bildhauers 
im Verlauf einer viele Jahre umfassenden Schaffens- 
tätigkeit mehreren sichtbaren Wandlungen unter- 
worfen war. Es bedarf daher keiner eingehenden Er- 
läuterung, daß ein solcher Stilwandel sich auch bei 
den von ihm geschnitzten Engelputten feststellen 
läßt. Ihr Typus findet sich in allen seinen Werkpha- 
sen. Ein ersterAnsatzpunkt auf diesem Sektor bietet 
die um 1730 ausgeführte Engelkindergruppe, die 
J. B. Straubwährend seiner WienerTätigkeitfürden 
Korpus der einst in der Schwarzspanierkirche be- 
findlichen Kanzel (heute in LaxenburglNO.) schnitz- 
tew. Sind diese Straubschen Kinderengel ver- 
gleichsweise noch schwerfällig und eher etwas be- 
fangen und vor allem keineswegs räumlich konzi- 
piert, so ändert sich der vom Bildhauer verwendete 
Typus in späteren Werken zusehends. Man kann 
dies etwa so beschreiben: er wird in zunehmendem 
Maß proportionierter. Zugleich wird er im Gesamt- 
habitus wesentlich geschickter. Es zeigen dies in 
besonderer Weise jene hervorragenden Kinderen- 
gel in betont ausgelassener Bewegung und einer 
gleichsam tänzerischen Beschwingtheit, die der 
Bildhauer um 1739 als Fietabelbekrönung für die 
beiden Choraltäre in der ehem. Augustiner-Chor- 
herren-Stiftskirche in Diessen am Ammersee 
schnitzte". Aufgrund einer solchen Stillage ist aus 
den in diesem Fall sich anbietenden Gründen anzu- 
nehmen, daß die Engelkinder der Stuttgarter Bekrä- 
nungsgruppe entsprechend später anzusetzen sind. 
Man geht deshalb gewiß nicht fehl, wenn man sie 
aufgrund dieser Voraussetzungen in das Jahrzehnt 
zwischen 1740 und 1750 datiert. Es ist genau der 
Zeitabschnitt, welcher der mittleren Schaffenspe- 
riode des Münchener Bildhauers entspricht. Sicher 
würde man ihr heute weit weniger Bedeutung bei- 
messen, müßte man sich andererseits nicht im- 
merzu vor Augen halten, daß sie es war, die aus- 
schließlich typenprägend und typenbildend für je- 
nen damaligen Schüler Straubs war, der heute als 
die Inkarnation der Münchener Flokokoplastik 
schlechthin gilt. Gemeint ist damit lgnaz Günther. 
Die künstlerische Konzeption seines Frühwerks - 
der Hochaltar in der Pfarrkirche in Koprivna-Gep- 
persdorflCSSFl" - setzt eindeutig Stilerfahrungen 
voraus, wie sie sich einst in Gestalt solcher Werke 
Straubs. wie beispielsweise der Stuttgarter Taber- 
nakelbekrönungsgruppe mit ihren schönen Engel- 
kindern, als unvergeßliches Bildungserlebnis dem 
eine Generation jüngeren Bildhauer in München 
dargeboten haben. 
Daß andererseits bei J. B. Straub eine keineswegs 
zu unterschätzende Variationsbreite gerade bei den 
von ihm in späterer Zeit geschnitzten Kinderengeln 
unleugbar vorhanden ist, zeigen zwei andere Werke 
gleichen Themas. Es ist dies zunächst ein aus- 
drucksstarker sitzender Putto, der offensichtlich 
einst für einen größeren szenarischen Zusammen- 
hang komponiert war (H. 36,5 cm). Erwird hier erst- 
mals Straub stilistisch zugeschrieben. Dieser 
Straub-Putto befindet sich in den Städtischen 
Kunstsammlungen in Augsburg". An diesen Stil 
schließt sich ein anderes Werk Straubs von gleicher 
AD 
Qualität an. Es handelt sich um einen freundlich lä- 
chelnden vergoldeten Kinderengel. Er befindet sich 
zur Linken des von dem Münchener Bildhauer aus- 
geführten Hochaltartabernakels in Schäftlarn". 
An dieserStelleistnoch einmal aufdie lkonographie 
zurückzukommen. Vorauszusetzen ist bei der Stutt- 
garter Bekrönung, daß man sich, wie gesagt, den 
unteren Teil zu ergänzen hat. Auch bei diesem Werk 
muß man sich vorstellen, daß das Ganze einst als 
selbständiges Gehäuse komponiert war. Es war ur- 
sprünglich auf einer Mensa aufgestellt. Mittelpunkt 
einer solchen Anlage im wörtlichen wie im übertra- 
genen Sinn ist nach dem Zentraldogma der Euchari- 
stie das unsichtbar im Tabernakel vorhandene My- 
sterium vom eucharistisch anwesenden Erlöser. 
Nach dem biblischen Einsetzungsbericht (Luk. 
22,10) ist das Sakrament des Altars- die hl. Euchari- 
stie - identisch mit dem Sakrament der Danksa- 
gung. Der dort bewahrten Hostie gilt die ewige An- 
betung (Geh. Offenbar. 8,3 ff.) in Gestalt der immer 
bei Straub-Tabernakeln vorhandenen symmetrisch 
angeordneten, seitlich knienden Engel. Sie erschei- 
nen als Vertreter der beiden obersten Engelschöre, 
Ihre inhaltlich mehrschichtige Bedeutung resultiert 
aus der überlieferten Idee der Kirche, wonach sie als 
Angeli missae bei der Feier des Meßopfers anwe- 
send sind's. 
Dem in Rede stehenden Tabernakeltypus entspricht 
es, daß das Gehäuse stets zwei Gelasse enthält. Das 
untere befindet sich im Sockel. Bestimmungsgemäß 
enthält es zwei Flügeltüren für die Aufnahme der 
Hostien zur Kommunionspendung. Das unmittelbar 
darüber befindliche, etwas höhere Gelaß enthält 
eine Drehtüre für die Aufnahme der Monstranz. Die 
kleine Türe ist häufig mit einem Flachrelief ge- 
schmückt. im Werk Straubs finden sich zwei solche 
Themenkreise. In Schäftlarn und in Eschenlohe ist 
beispielsweise die Szene dargestellt, bei der Jesus 
in Emmaus (Luk. 24,30) vor den zwei Jüngern das 
Brot bricht und segnet. Als Vorbild der Eucharistie 
(1. Kor. 10,3) und der himmlischen Seligkeit (Geh. 
Offenbar. 2,17) dient eine andere Darstellung in Ge- 
stalt des Manna-Wundere. Eine solche reliefierte 
Szene findet sich am Straub-Tabernakel in der Al- 
lerheiligenkirche am Kreuz in München. Die jeweils 
halbrund eingetiefte Expositionsnische des Taber- 
nakels bietet außerdem noch genügend Flaum für 
das hier aufzustellende kleine Altarkreuz. Als Bei- 
spiel sei das aus der Werkstatt des Bildhauers 
stammende kleine vergoldete Altarkruzifix von der 
Allerheiligenkirche am Kreuz in München ge- 
nannt". 
Der hier des öfteren zitierte Tabernakeltypus, wie er 
uns in den vorgenannten Werken des Münchener 
Bildhauers entgegentritt, entspricht genau dem, der 
sich seit der Gegenreformation in den katholischen 
Ländern eingebürgert hat. Wie man exakt nachwei- 
sen kann, hat ersich aus Vorschriften entwickelt, die 
ursprünglich der hl. Karl Borromäus (1538-1584) als 
Kardinal und Erzbischof von Mailand für die ihm un- 
terstellte Erzdiözese aufstellte". 
Gleichsam mit einem Blick des Abschieds ist in be- 
zug auf die Qualität der Stuttgarter Tabernakelbe- 
krönungsgruppe ganz exakt festzustellen, daß sie 
zweifellos zu den liebenswürdigsten Schöpfungen 
J. B. Straubs gehört. Dies gilt vor allem für die in ge- 
radezu sprechender Lebendigkeit wiedergegebe- 
nen Engelkinder ebenso wie für das den Betrachter 
unvenivandt anblickende Agnus dei. im Hinblick auf 
die themengleichen Werke seines Meisterschülers 
lgnaz Günther hat man bisherdie seines LehrersJo- 
hann Baptist Straub meist ein wenig unterschätzt. 
Angesichts der meisterhaft geschnitzten Taberna- 
kelbekrönungsgruppe in Stuttgart muß ein solches 
Urteil jedoch unbedingt revidiert werden. Sie ist un- 
verkennbar eine Bereicherung unserer bisherigen 
Kenntnis über das Schaffen dieses Bildhauers, den 
man einmal mit Recht als eVater der bayerischen 
Ftokokoplastikn apostrophierte. 
Anmerkungen 9-17 
' Der gleiche Symbolwen der hier In Betracht kommen 
lung finde! sich im Erslun Respcnsorium zu den Lekti: 
tunn am Feste Circumcisionis Domini Nostn Josu Chr 
lßk der TQXQ: IEOCB AQIIUS dei. E009. qui tolln pacoata f 
u: quo dloobam vob' ui posr me venit. am: meiam 
non sum dignus corrigiam calcaamenti. solvere. Oui d 
lerm loqultur; qui dacollo venit. superomnasest-u-B 
turgische Studien. l. Regensburg und Rom 1912. S. 
"' Vl.. Ein in Wien enrstandenes Frühwerk Johann Bap 
dil aus der Schwsrzspanierkirche St. Mariä stammen 
der Pfarrklrcho in Laxenburglml. in: Alte und moderl 
1973. S. 15H. mit Abb. G. S. 19. 
" Ebenda. Abb 11. S. 22. 
" vc.. Franz lgnaz Günther. Der große Bildhauer des bay 
kuko, Regtnnburg 1971. s. sno mit zum. 4-1. 40-42. 
" F01. Helga Schmidt-Glulsner (Deutscher Kunstverlag 
" Fot. Buch- und Kunstvarlag Emn Nr. 30:42. 
" e. Woeckol-E Herzog. lgnaz Günthers Fruhwerk 
(GapparsdmfVGSSR. I. in: Panrhaun. XXIV. esse. s. 2 
" A. Schulz. Kreuzkircha i" MürlChBn. Op. CiL. Abb. S. 
" .1. Braun. Der chrisllicha Altar und seine geschichtlil 
lung, 2. München 1974. S. 6451 

	        

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