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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIV (1979 / Heft 166 und 167)

I Aktuelles KunstgeschehenlÖsterreich 
 
Wien 
Künstlerhaus 
Franz Probst 
Der Maler, heuer 77 Jahre alt, war lange Zeit vollkom- 
men vergessen. Er malte viele Jahre nach dern zweiten 
Weltkrieg nicht mehr und begann erst wieder in den 
60er Jahren in einer ganz anderen Stilrichtung zu arbei- 
ten. Wilfrid Daim, der auch Otto Rudolf Schatz wieder 
ins Bewußtsein der kunstinteressierten Menschen 
brachte, ist es auch zu verdanken, daß Franz Probst der 
Vergessenheit entrissen wurde. Probst studierte am 
Weimarer Bauhaus. Franz Cizek und Johannes ltten wa- 
ren für ihn wichtige Begegnungen seiner Jugend. Otto 
Kalller stellte schon 1925 zusammen mit Bildern von 
Faistauer und Schatz in seiner Neuen Galerie Werke 
von Probst aus. Der Künstler kommt vom Expressionis- 
mus, auch die Neue Sachlichkeit ist bei manchen seiner 
Werke zu spüren. Besonders sind seine Graphiken her- 
vorzuheben. Mit großem Engagement zeichnet er die La- 
ge der Menschen seiner Zeit. Es ist die Zelt der großen 
Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit, der harten Aus- 
einandersetzungen der Parteien. Blätter wie jene von 
Schattendorf, von dem Leben der Juden in der Leopold- 
stadt, von den Arbeitslosen und den satten Bankiers, 
den Proleten und Dirnen, Blätter, auf denen mit wenigen 
spröden Strichen ganz und gar Charakteristisches fest- 
gehalten ist, haben sowohl einen hohen künstlerischen 
als auch kulturhistorischen Wert. (10. 8. -9. 9. 1979) - 
(Abb. 1) 
Secession 
Konzepte '79 
Die Ausstellung wurde mit einer sehr persönlichen Stel- 
lungnahme des jetzigen Präsidenten der Secession Her- 
mann J. Painitz eingeleitet, die viel Widerspruch und 
Aggressivität ausgelöst hat. Wie immer gibt es dabei 
Richtiges und Anfechtbares. In Painitz' Vorwort ist, ab 
gesehen von unnötigen Schlagworten (wdieses Töchter! 
aus kapitalistisohem Haus-i oder wdreieckige Platitüden 
in den Grundfarbenw) leider sehr viel mit Flecht Anfecht- 
bares. Painitz will mit seinem Text den Titel der Aus- 
stellung erläutern. Die gezeigten Werke und ihre Schüp 
fer haben das aber meist gar nicht nötig. Da ist etwa 
Joannis Avramidls, der mit seinen Arbeiten zur großen 
Agora ganz deutlich und souverän beweist, daß er ein 
Konzept hat. Da ist Tassilo Blittersdorf, der mit seiner 
"Herzserie- einem Begriff nachgeht und bei aller Ernst- 
haftigkeit auch Humor verrät. Da ist Oskar Höfinger mit 
seinem Raumkonzept, Gerhardt Moswitzer, der eine ähn- 
liche Basis wieder ganz anders angeht, Oskar Putz 
konstruktivistisch-streng, Ingeborg G. Pluhar gelassen- 
heiter. Und noch in den schon etwas welken Gemüse- 
beeten von K. u. Sch. ist ein Konzept ersichtlich. Dabei 
fallen einem freilich wieder die Namen Rudolf v. Alt. Gu- 
stav Klimt, Josef Hoffmann und Oskar Kokoschka ein, 
die der Präsident als Mitglieder des Hauses zitierte. im 
ganzen sind es jedenfalls 15 zeitgenössische Mitglieder 
der Secession, die an dieser Ausstellung beteiligt wa- 
ren. Zeitgenossen, die ein Konzept haben. (17. 8. - 15. 9. 
1979) - (Abb. 2) 
Galerie Würthle 
Karl Stark 
Es sind 75 Arbeiten, die der Künstler hier ausstellte. Die 
meisten sind in den letzten Jahren entstanden. Aus al- 
len, den Zeichnungen, Aquarellen, Gouachen und Ölbil- 
dem, ist ein klares Konzept des Malers ersichtlich. 
Stark arbeitet vor allem mit malerischen Mitteln. Stark 
ist ein Maler! Er beherrscht seine Mittel und es gelingt 
ihm mit ihnen, Seiendes auszusagen, das von den mel- 
sten Menschen heute gar nicht mehr wahrgenommen 
wird, weil sie sich ihren Gesichtskreis mit einer Sekun- 
därwelt verbauen, vermauern und damit einengen. 
Starks Beziehung zur Natur und dem ursprünglichen, 
auch heute noch nicht wegzudlsputierende Erscheinun- 
gen dieser Erde, sind stark und finden in allen seinen 
Werken einen Niederschlag. Das ist in den weinfachenn 
Blumenstilleben zu spüren, in einem weiblichen Akt 
oder in dem Bild einer Kärntner Landschaft. Haben die 
Ölbilder, es waren 23 ausgestellt, etwas Schweres, 
oft Lastendes, so wirkten die Gouachen, in dieser 
Schau 19, auch dort, wo sie eher düstere Motive zeigen, 
viel lebendiger. Ebensolches kann man von den Aquarel- 
len sagen. Was hier mit Farbe, mit ihren Variationen, 
übergangen, Schlleren erreicht wird, ist wohl auf das 
engste mit dem Konzept des Malers: der Bewahrheitung 
des Goethewortes i-zum Schauen bestellt-i zu konkreti- 
sieren, verbunden. Und, so wlll es mir scheinen, es ge 
llngt diesem Künstler sehr wohl auch den anderen, den 
Betrachter seiner Werke, ohne eine lange verbale Er- 
läuterung das Sehen zu lehren. ich glaube auch, daß 
gerade die i-anspruchslosenu Blumenstücke und die 
i-gewbhnlichenc Akte in diesem Zusammenhang ge- 
nannt werden müssen. (6.- 29. 9. 1979) - (Abb. 3) 
68 
Galerie auf der Stubenbastei 
Ewald Walser 
Der 1947 in Weis geborene Maler zeigte Pastellkreide 
zeichnungen, meistens größeren Formats. Wir finden in 
diesen Blättern, die hauptsächlich in sehr gedämpften 
Farben, ja eher blaß gehalten sind, großflächige Ver- 
spannungen, in denen fragmentartig menschliche Figu- 
ren aufgehen oder durchscheinen. Die Dominanz der Li- 
nie ist eindeutig. Die Farbflächen sind meist hart abge 
setzt und in sich stark variierend, auch scheinen die ver- 
schiedenen Tönungen hauptsächlich Emotionsträger zu 
sein. Die Körperlichkeit des Menschen wird nirgends 
voll ausgeführt, ist fragmentarisch, ab und zu mit grafi- 
scher Unterstützung angedeutet, was sicher auch eine 
gestalterisch bewußt eingesetzte Seite der Darstellung 
ist. So zeigt Ewald Walser unser Eingespanntsein in ein 
undeutbares und nicht einmal als Ordnungsgefüge er- 
kennbares Koordinatensystem. (26. 6.- 14. 7. 1979) w 
(Abb. 4) 
Eduard Sauerzopf 
Der burgenländische Zeichner legte hier 33 Arbeiten vor. 
Er ist kein Professioneller, doch er ist ein i-Getriebenerlt, 
wie ihn Alfred Schmeller einmal bezeichnete. Getrieben 
von seinem Zeichenstift, alles und überall festzuhalten, 
was er glaubt festhalten zu müssen, und, so fragen sich 
seine Freunde, gibt es etwas, was für ihn nicht festzu- 
halten wert wäre? Natürlich gibt es da Qualitätsunter- 
schiede. Doch bei wem gibt es die nicht? In dieser Aus- 
stellung ist eine ganze Anzahl guter Porträts vertreten, 
besonders aber und geradezu eine Konzentration finden 
wir in den Blättern mit den reihenweise aufgezeichneten 
Figuren. Ob es sich nun um die Spieler beim Eishockey 
handelt oder um die Soldaten der Türkenkriege. Das 
ganze Blatt ist letzten Endes mit hieroglyphenähnlichen 
oder den chinesischen Schriftzeichen ähnlichen Formen 
bedeckt, deren Striche, wenn man sie einzeln und näher 
betrachtet, doch sehr deutlich die Bewegung der 
Hockeyspieler wiedergeben oder die Adjustierungen der 
Musketiere von Mogersdorf erkennen lassen. Die Rei- 
hungen führen oft zu einer Patterung, die an Zeichenset- 
zungen erinnern, wie sie einst Prelog, allerdings in ganz 
anderer Voraussetzung, einsetzte. (6.- 29. 9. 1979) - 
(Abb. 5) 
Galerie Alte Schmiede 
Herbert Bednarik und Peter Dressler 
Beide sind Fotografen. beide fotografieren in der Stadt. 
Die Stadt heißt Wien. Bednarik nimmt Wiener i-Gretzln- 
aufs Korn. Er fotografiert jene Winkel, die langsam in 
dieser Stadt aussterben oder sich in andere Viertel ver- 
lagern. Die alten Häuserfronten mit abbrbckelndem Mor- 
tel, alten kriegsbedingten Anschriften, Piakatresten, 
blinden Fenstern u. ä. Es sind Zeichen einer lebenden 
Stadt, denn auch der Verfall gehört zum Leben. Gestern 
waren es noch die Häuser der Gründerzeit, heute sind 
es die Gemeindebauten in den Stadtrandsiedlungen. Pe- 
ter Dressler geht einen ganz anderen Weg. Auch er zeigt 
mit seiner Kamera die Fleichhaltigkeit und Vielfalt unse 
rer Stadtlandschaft auf. Doch er greift jeweils nach ei- 
nem bestimmten, eng begrenzten Thema und reicht die 
Wiedergabe eines in seinen vielfältigen Formen festge- 
haltenen Gegenstandes dann nebeneinander zu einem 
Tableau. So hat er etwa eine ganze Serie Türschnallen 
fotografiert. Wer würde es glauben, daß es in einer von 
der Norm so geprägten Zeit wie der unseren noch eine 
solche Vielfalt von Türschnallen gibt? Mit einem Neben- 
einandersetzen wird oft eine Steigerung, oft, wie bei den 
Grabsteinen für die wHunderln-i, eine lronisierung er- 
reicht. (12. 9. -20. 10. 1979) - (Abb. 5) 
Galerie Basilisk 
Heinz Gohlke und Sigmund Lasselsberger 
Beide sind sehr jung und beide zeigen Aquarelle. Gohl- 
ke (1953) hat sehr kräftige, aber eher in düsteren Farben 
gehaltene Blätter. Er konzentriert seine sonst spritzig, 
schmisslg hingesetzten Wischer zu Zentren, die dann 
sehr ferne Landschaften oder ähnliches assoziieren. Die 
Bilder haben etwas Bedrückendes, vielleicht sogar et- 
was Krankhaftes. Anders die Blatter Lasselsbergers 
(1955). Er setzt großflächig Farbakzente, läßt sie verrin- 
nen, auswaschen, gibt da und dort einen stärkeren Ton 
als Akkord und erreicht damit ein iandschaftliches Ge 
füge von großer Lockerheit, das meist auch in seiner 
Atmosphäre heiter stimmt. Seine Farben sind frisch und 
hell. (23. 8.- 12. 9. 1979) 
Galerie Contact 
Jorge Castillo 
Der Maler gilt heute als einer der bedeutendsten Vertre 
ter der spanischen Malerei der Gegenwart. Castillo ist 
ein großer Erzähler, er erzählt phantastische Geschich- 
ten, die er auf einen Hintergrund projiziert, den sein 
Landsmann Tapie gemalt haben könnte, nur daß er hier 
schoner, gleichsam blumiger, marchenhafter ist. i-Die 
Kunst Castillos vermittelt uns die Vision der feierlichen 
Groteske des Lebens durch ihre Schönheit-i (4.- 22. 9. 
1979) - (Abb. 7) 
Museum des 20. Jahrhunderts 
Monte Verita - Ascona - Berg der 
Wahrheit 
Anarchie. Sozialutopie, Seelenreform, Lebensreform, 
Geistesreform, Korperreform, Psychologie, Mythologie, 
Tanz und Musik, Literatur, Kunst, diese Worte strahlt 
das Licht, das über dem Hügel von Ascona leuchtet, auf 
dem Plakat der Dokumentation aus. Welche großen 
Worte! Und wie viele Träger bekannter Namen des euro 
päischen Geisteslebens sind mit diesem Ort in Berüh- 
rung gekommen! Und doch, heute: mondaner Kurort! 
Vieles bei dieser Dokumentation erinnert an die Hippie- 
Bewegung der jüngsten Vergangenheit. diese Naturmen- 
schen, Barfußprediger, Freikörperkulturler, sie alle 
wollten schon damals eine nGegenwelt-i, zumindest 
aber eine Gegengesellschaft gründen. Manche Ideen 
gingen von hier aus weiter und gestalteten diese und je- 
ne v-Bewegung-i. im großen gesehen blieben sie schließ- 
lich alle esoterisch. Wie viele Vegetarier und Naturapo- 
stei, die ich in der Jugend zum Geudium der Wiener 
Gassenbuben mit langem Haar und barfüßig durch die 
Straßen der Stadt wandern gesehen habe, trugen bereits 
1939 die Marschstiefel der Großdeutschen Wehrmacht, 
wie viele andere machten wie heute noch und wieder 
mit wda-dau ihr Geschäft, und wie viele glaubten in 
einem l-Berufenenit ihren Heiland gefunden zu haben. 
Trotzdem, ein interessanter Überblick. Für jenen freilich, 
der diese Zeit, und sei es auch nur im Ausklang, erlebt 
hat, auch ein Rückblick in Trauer und Skepsis. (15. 9. 
bis 11. 11. 1979) - (Abb. 8) 
Salzburg 
Trakl-Haus 
im Geburtshaus Georg Trakls am Waagplatz fand an- 
läßlich der heurigen Verleihung des vom Bundesministe- 
rium für Unterricht und Kunst und vom Bundesland Salz- 
burg gemeinsam gestifteten Georg-Trakl-Preises für Ly- 
rik an llse Aichinger die Enthüllung einer von Herbert 
Post gestalteten und von Josef Zenzmaier in Bronze ge 
gossenen Schrifttafel mit Trakls iwDie schöne Stadt-i 
statt. (31. 10. 1979) 
Galerie im Studentenhaus 
Gertraud Schönauer 
Die Farbgraphik der in Innsbruck lebenden Malerin 
stellt Metamorphosen dar, Ubergange, von Tieren in 
Menschen, von Menschen in Pflanzen; Ubergänge auch 
vom Körper zum Flaum, vom Festen zum Verfließenden. 
(7. 9. - 3. 10. 1979) 
Galerie Armstorfer 
Günther Schatzdorfer 
Neue Öl- und Acrylbilder des Schriftstellers und Malers, 
beachtenswerte Arbeiten des Autodidakten. (17. 10. bis 
4. 11. 1979) 
Galerie Academia 
Hans Muhr 
Mit seinen iKinetischen Brunnenskulpturenu will der 
1934 in Graz geborene Bildhauer und Keramiker durch 
die Einbeziehung des Wassers wirksame Beiträge zu 
dem Thema Umweltgeetaltung leisten: Die Vltallsierung 
des scheinbar toten Steins durch das Llber ihn fließende 
Wasser wird zum Symbol des Lebens, gleichzeitig auch 
zum Ausdruck überzeugender Persönlichkeit. (20. 9. bis 
31. 10. 1979) - (Abb. 9) 
Valentin Oman 
Mit Recht meint Peter Baum, daß Oman in seinen neuen 
Mischtechniken mit hoher Sensibilität und sparsamem 
Stricheinsatz Landschaft und Mensch zu spannungsge- 
ladenen Niederschriften verwoben hat. Wie Hans Muhr 
ist auch Oman ein unverwechselbarer und kompromiß- 
loser Einzelgänger. (20. 9. '31. 10. 1979) 
Kunstverein 
Die im großen Saal des Künstlerhauses gezeigten elf 
Skulpturen, vornehmlich in Marmor, waren eines der be- 
sonderen Ereignisse dieses Salzburger Ausstellungs- 
herbstes. in diesen torsoähnlichen Auseinandersetzun- 
gen mit dem menschlichen Körper wird tatsächlich 
wPlastik-i geschaffen - für sensible Betrachter über- 
trägt sich sofort Floseis Faszination vom Material, vom 
Stein, von dessen Existenz, Bearbeitbarkeit, Formbar- 
keit. (28. 8. -23. 9. 1979) 
Zell am SeelGalerIe Zell am See 
Margret Litzlbauer 
Bleistiftzeichnungen der In Salzburg lebenden Künstle- 
rin, Materialbiider und Objekte; diese sind puppenähn- 
liche Gebilde, deren Körper öfters mit zarten Geweben 
umspannen sind; sie dienen dann auch als Motiv und 
Vorlage zu den kräftigen Zeichnungen. (Oktober 1979)
	        

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