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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXV (1980 / Heft 168)

dieses Renaissancekunstwerk von hohem Wert der 
Wissenschaft und den Fachleuten des lnlandes so- 
wie des Auslandes unbekannt. lm Besitz des Mu- 
seums für angewandte Kunst in Budapest befindet 
sich von diesem Ofen jedoch eine Ofenkachel (36 x 
55,5), welche auch zur San-Marco-Sammlung ge- 
hörte, die in unseren Ofen nicht eingebaut wurde 
und die man dem Museum als Geschenk überlassen 
hat. Auf dieser Kachel wurde der junge Tobias mit 
dem Erzengel Raphael beim Fischfang dargestellt 
(Abb. 10). In einem balusterförmigen gewölbten 
Rahmen, der mit einem Engel verziert ist, besitzt er 
auch eine Namentafel". 
Diese Reliefkachel wurde von Konrad Strauß als 
eine hervorragende Arbeit dem Hans Kraut aus Vil- 
lingen zugeschrieben. Gleichfalls wurde der Relief- 
ofen im Österreichischen Museum für angewandte 
Kunst in Wien (Abb. 11) von Konrad Strauß als die 
Arbeit des Hans Kraut erörterts, obwohl dieser Ofen 
früher in Laxenburg stand und in den lnventaren als 
ein aus Salzburg stammender Ofen bezeichnet wur- 
des. 
Im Gegensatzzu Konrad Strauß behauptet Rosmarie 
Franz', daß, obwohl die türkisblau-grünlichen Far- 
ben der Reliefkacheln eine gewisse Venuandtschaft 
mit den Farbtönen des Hans Kraut aufweisen, die 
technische Ausführung der Reliefkacheln, der Stil 
der Fayencebemalung auf einen anderen Meister 
deuten. Sie beruft sich auf den Fayenceofen von 
großer Qualität, welchen Friedrich Strobl im Jahre 
1608 fürdas bei Salzburg liegende Schloß Hellbrunn 
gebaut hat, und ist der Ansicht, daß infolge eines 
gewissen Einklanges in bezug auf die Art des Auf- 
baues. der Themenauswahl, der Farben und der 
Maltechnik der Wiener Ofen auch aus der Werkstatt 
Strobl stammt und vielleicht die Arbeit des älteren 
Strobl sein könnte". Demnach wäre der Zeitpunkt 
der Anfertigung des Ofens das letzte Viertel des 
16. Jahrhunderts. 
Für uns ist der Wiener Ofen des Österreichischen 
Museums für angewandte Kunst von sehr großer 
Bedeutung, dadieArt und WeisederSchilderungen. 
derThemenauswahl und Farbenpracht der Kacheln 
dem Graner Ofen sehr nahestehen (Abb. 11). 
Der Unterbau des Wiener Renaissanceofens wird 
aus fünf, der Oberbau aus vier großen Reliefkacheln 
gebildet. Die horizontale Gliederung ist von plasti- 
schen und farbigen Gesimsen und die vertikale mit 
aus Hermen und Pilastern ausgebauten Säulen be- 
wirkt. Ausgenommen die große Kachel der Stirnsei- 
te, sind alle Szenen der übrigen Kacheln in gleiche 
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Rahmen gefaßt, welche in Balusterform mit charak- 
teristischen Säulen, Bögen. Engeln und Namentä- 
felchen ausgebildet sind. Unter den Kacheln befin- 
den sich Friese mit in Blau gehaltenen Figuren und 
Landschaften. Über den Kacheln wurden Tafeln mit 
Zitaten aus der Heiligen Schrift gesetzt. Die Reliefs 
der Kacheln - von links nach rechts gesehen - be- 
ziehen sich auf die Vision desJeremias. dann auf die 
Szene, in welcher Esaias die Sündigen beweint. Auf 
der Stirnseite sehen wir die Szene, welche sich auf 
das wLamm Gottes-A bezieht. auf der anderen Seite 
Susanna und die Alten sowie Daniel in der Löwen- 
grube. Auf der Stirnseite des Oberbaues erscheint 
Moses vor dem Pharao, auf der linken Seite sehen 
wir die Szene mit der Schlange, auf der rechten Mo- 
ses vor dern brennenden Dornbusch. Die Bilder 
wurden auf dem bläulichen Hintergrund der etwas 
konkaven Kacheln und in türkisblauen, kcbaltblau- 
en, grünen, mangangetönten, braunen, gelben und 
weißen Farben ausgeführt. Man findet hie und da 
auch verwischte Spuren der Vergoldung, die bloßen 
Körperteile sind jedoch ohne Glasur. 
Wenn wir die Reliefkacheln der beiden Öfen mitein- 
ander vergleichen, so weist die hohe plastische 
Ausbildung und das freie Modellieren der Figuren 
 
 
auf eine gewisse Identität hin. Die Figuren des Sam- 
sons und des Tobias sind auf dem Graner Ofen mit 
derselben charakteristischen Bildhauertechnik ge- 
schnitten wie die Prophet- und Königtiguren des 
Wiener Ofens. Der Gesichtsausdruck der Gestalten 
spiegelt dieselben Gefühle: Freude und Traurigkeit. 
Die bloßen Körperteile der Gestalten sind auf beiden 
Öfen immer ohne Glasur. Die schuppenartige Aus- 
arbeitung der Bäume in den Landschaftsbildern der 
Kacheln ist auch dieselbe. Der leere Raum hinter 
den Figuren ist auf gleiche Weise mit Blumen. Vö- 
geln und Tieren ausgefüllt. Im Hintergrund der Dar- 
stellungen sehen wir sowohl auf den Graner wie auf 
den WienerOfenkacheln die Umrisseeiner Burg. Bei 
allen diesen Szenen. welche sich in einem geschlos- 
senen Raum abspielen, versucht der Meister, die 
Perspektive mit rhombusartigen Fliesen zu markie- 
ren. Das Maß der großen wie der kleineren Kacheln 
ist dasselbe. Die Rahmen der Reliefs zeigen desglei- 
chen eine gewisse Verwandtschaft. Auch der dop- 
pelte Bogen der großen Wiener Kachel ist auf dem 
Mittelstück des GranerOfenswiederzufinden, doch 
mit dem Unterschied, daß die Verzierung am Wiener 
Ofen reicher ausgestaltet wurde. Im übrigen weist 
die Umrahmung der kleineren Wiener Kacheln, Ba- 
luster, Säulen, Engeln und Täfelchen betreffend, 
eine große Ähnlichkeit mit jener der Tobias-Kachel 
des Graner Ofens auf, man könnte beinahe von einer 
Identität sprechen. Vor dem lavendelblauen Hinter- 
grund der Kacheln beider Öfen treten die Farben 
Türkisblau, Kobaltblau, Grün, Mangan, Braun, Gelb 
und Weiß in derselben feurigen Art und Weise her- 
vor. Die Bearbeitung derKacheln erinnert an den Stil 
der Fayencemalerei. Spuren der Vergoldung sind 
noch auf beiden Ofen aufzufinden. Die Gorgonen- 
köpfe, die Lisenen unter dem Muschelornament ge- 
ben in ihrer allegorischen Auffassung denselben 
Eindruck. Die plastische Ausbildung der Gesimse 
mit dem dreiteiligen Blattornament weist auch eine 
große Ähnlichkeit auf. Doch trotz dieser großen 
Verwandtschaft der Kacheln gibt es nun aber einen 
ausgesprochenen deutlichen Unterschied im Auf- 
bau der beiden Ofen. Die Pilaster und Lisenen, wel- 
che die Kacheln auf dem Wiener Ofen voneinander 
trennen, die Eckteile sowie die mit Sprüchen verse- 
henen Tafeln sind aut dem Graner Ofen nicht aufzu- 
finden. lm Gegensatz dazu fehlt auf dem Wiener 
Ofen die prunkvolle Bekrönung, welche auf dem 
obersten Gesimse des Graner Ofens zu sehen ist, 
sowie die den Ofenkörpertragenden sitzenden Lö- 
wen. Man kann jedoch vermuten, daß die fehlenden
	        

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