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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXV (1980 / Heft 168)

fornien) gilt das gleiche, was wir bereits oben fest- 
stellten (Abb. 17). 
Noch nicht genannt wurden bisher zwei unge- 
wöhnliche kunsthandwerkliche Arbeiten Friedrich 
Adlers. Sie befinden sich im Nürnberger Gewerbe- 
museum. Bei dem einen Werk (Abb. 18, 21) handelt 
es sich um eine Tischlampe in Pokalform mit ab- 
nehmbarem Deckel (1911). Sie ist mit reicher 
durchbrochener Elfenbeinschnitzerei versehen. 
Ausgeführt wurde sie nach Entwürfen Friedrich 
Adlers von Emil Kellermann, Nürnberg. Besonders 
instruktiv ist das auf der Vorderseite eingelassene 
Relief, hochrechteckig mit eingestelltem Vierpaß. 
Es zeigt ein geigendes junges Mädchen, von stili- 
siertem Rankenwerk und von Vögeln umgeben. 
Die Auffassung erinnert durchaus an die romanti- 
schen Jungmädchenbildnisse von Heinrich Voge- 
Ier, Worpswede, die etwa um die gleiche Zeit ent- 
standen sind. 
Den Namen Friedrich Adler im Zusammenhang 
mit der Elfenbeinschnitzerei des deutschen Ju- 
gendstils muß man sich merken. Dies gilt insbe- 
sondere für eines seiner bisher noch nicht ge- 
nannten Hauptwerke (Abb. 20, 22). Es ist dies eine 
in Silber mit Edelsteinen besetzte und mit reichen 
Elfenbeinschnitzereien ausgestattete Prunkdose 
(Nürnberg, Gewerbemuseum; Inv.-Nr. 9246). Eine 
der geschnitzten Mädchendarstellungen ist am 
unteren Rand mit der geläufigen Adler-Signatur 
(A) in Kreisform versehen. Es ist ein merkwürdig 
hieratisch wirkender Stil, der hier gleichbedeu- 
tend mit dem Ende des Jugendstils (1914) ist. 
Friedrich Adler, auf vielerlei Gebieten arbeitend, 
war auch, was so gut wie gar nicht bekannt ist, 
schriftstellerisch tätig. 
In einer Zeit, als dem Künstler jede öffentliche 
künstlerische Tätigkeit untersagt war, schrieb er 
im April 1938 im Mitteilungsblatt des jüdischen 
Kulturbundes Hamburg mit der Überschrift "Der 
Kampf um die Form-i folgenden Aufsatz: 
"Die Biologie und ihre Mutter, die Chemie, lassen 
uns ahnen, wie Stoff sich in Form wandelt. Wir er- 
leben es groß gesehen als einen Kreislauf und die- 
ses ewige ,Stirb und Werde' ist nichts anderes als 
die geniale Formel für jenen fortwährenden Kampf 
um die Form, welchem wir beiwohnen, wo immer 
wir die Welt, das Leben und den Tod betrachten. 
Leuchtend, verführerisch und mächtig steht am 
Anfang aller Formung die Liebe. Unbekümmert 
um das, was sie uns Menschen an Glück oder Tra- 
gik bringt, verfolgt sie ihr Ziel: wir sind nur Stoff 
und Werkzeug und unsere Schicksale zählen nicht 
in jenem Kampf, an dessen Beginn immer wieder, 
stärker als der Tod, die Liebe steht. 
Leuchtend, verführerisch und mächtig steht aber 
Liebe auch immer da, wo Geistiges sich formen 
will, wo Traum und Gedanke flutet und rauscht. 
Bald schmeichlerisch lockend, bald unerbittlich 
und zwingend trifft jene in Wahrheit ,himmlische 
Liebe' ihre Wahl und auch die Stunde. Und wäh- 
rend der Erwählte glaubt, eine Eingebung zu ha- 
ben, sie zu besitzen, ist er schon der Besessene. 
Sein sensibler Magnetismus hat, bevor er sich 
dessen bewußt ist, bereits aus der Fülle frei ge- 
wordener und kreisender Kräfte das angezogen, 
was diesem Magnetismus eben gerade tauglich 
erscheint, einverleibt zu werden, um befruchtend 
zu wirken. 
Dies ist ein Zeugungsvorgang geistiger Art, mit al- 
len seinen Folgerungen, und damit ist jener Pro- 
zeß im Geiste eingeleitet, den wir als den Kampf 
um die Form zu nehmen und zu führen haben. 
Die Welt ist voll von Form, und welche wir auch 
herausgreifen, und was wir auch betrachten mö- 
gen, immer sehen wir in dieser Form die Kristalli- 
sation eines Gedankens, dessen Bild und Sinn- 
bild. 
Eine der ewigen und heiligen Formen ist das Ei, 
und wir erkennen, biologisch gesehen, im Ei und 
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in der Frucht Endprodukt und Zelle zugleich, das 
Kunstwerk ist es nicht weniger, denn in dem Au- 
genblick, da es sichtbar wird, als Formung eines 
langen und kampferfüllten Prozesses, wirkt es 
auch schon wieder befruchtend auf unsere Sinne. 
Wir erleben nun aber etwas sehr Erstaunliches: 
Das Ei und die Frucht sprengen ihre Form, um ei- 
ne neue von derselben Art zu gebären. Das Bild- 
werk, die Musik, das Gedicht, sie behalten ihre 
Form, und die einmal in sie gepreßten Kräfte wir- 
ken und strahlen unvermindert, solange das Werk 
existiert; ja, aus seinen Bruchteilen noch strömen 
uns Jahrhunderte nach seiner Entstehung Kräfte 
zu, die nichts von ihrer ursprünglichen Gewalt ver- 
loren haben. Diese Gewalt, diese Summe von 
Energie, die von solchem Werk ausgeht und die 
seine Spannkraft ausmacht, verrät uns fast alles, 
was an Kräften und Energien, an Gedanken, Sehn- 
süchten und Spannungen in diesem Werk aufge- 
speichert ist, und man kann wohl sagen, auch in 
der Welt des Geistigen geht nichts verloren. 
Die Berufenen, jenen immer kreisenden Gedanken 
Gefäß zu sein, ihnen Form, Ausdruck und Gestalt 
zu verleihen, sind die Künstler. Wir wissen aus ih- 
rem Leben, aus dem Leben der ganz Großen, wie 
dieses so in ihr Werk einging, daß der Körper nur 
 
noch der Schlacke glich, als sie ihr Werkzeug für 
immer aus der Hand legten. Der Kampf um die 
Form hat diese Körper ausgehöhlt, die Form 
selbst blieb und schlackenlos kündet sie uns nach 
Jahrhunderten noch von dem, der sie schuf, sie ist 
unsterblich wie die Seele, die sie umschließt. So 
bei Michelangelo, dessen Genie ihm selbst zum 
Daimon wurde und dessen Formwille viel stärker 
war als seine Physis. So bei Rembrandt, einem 
Künstler von fast unwahrscheinlicher Gewalt, bei 
dessen Malerei man so oft versucht wäre, an He- 
xerei zu glauben, wenn man nicht sähe, daß man 
es nicht nur mit einem ,Gott', sondern auch mit ei- 
nem Handwerker par excellence zu tun hat. Denn 
das ist ja das Wunder des Kunstwerkes und unter- 
scheidet dieses vom Naturwunder, daß zaubri- 
sche Hände mit anorganischen Mitteln eine Welt 
gestalten, nein, ein Destillat der Welt. 
Viel zuwenig denkt der Laie an den unerhörten 
Kampf, den der Künstler um sein Werk führt. Nur 
wenig weiß er von den Mühen, Zweifeln und Qua- 
len, die immer gegenwärtig sind, wo starkes 
Naturerleben oder heißes Mitgefühl mit dem Men- 
schen, mit dem Tier, mit der Welt um ihren letzten 
adäquaten Ausdruck in der Linie, in der Farbe 
oder in der plastischen Form ringen. Das Kunst- 
werk, das Ergebnis solchen Ringens, verrät selten 
den Leidensweg und will nur sein: die Uberwin- 
dung, die Inkarnation, die Form schlechthin. Das 
sehen wir bei den alten Meistern und wir sehen es 
bei Munch; wir spüren es nicht nur bei dem tempe- 
ramentvollen Rodin, sondern auch bei dem viel 
verhalteneren, aber nicht weniger geladenen Phi- 
dias. 
Der Wille zur Form ist so alt wie der Mensch und 
das Bedürfnis nach knapper Mitteilung von Ding 
und Geschehen hat zuerst den Laut und das Wort, 
oder aber das Zeichen und den plastischen Aus- 
druck geprägt. In der Erfindung eines Zeichens, ei- 
nes Wortes und der dadurch erfüllten Aufgabe, für 
Ding und Geschehen den knappen und allen ver- 
ständlichen letzten sicht- und hörbaren Ausdruck 
gesetzt zu haben, liegt Anfang und Ende aller For- 
mung und Anfang und Ende der Kunst überhaupt. 
Damit ist der klare Weg vorgezeichnet, der von der 
Natur her - und zur Kunst hin führt. 
Man schreibt das so leicht hin, und das ,klare 
Weg' ist so voll Dornen und Gefahr! Denn auch 
dem Künstler ist das Naturerlebnis eine Art von 
Nahrungsaufnahme, auch sein Körper empfindet 
das Chemische und Physikalische: die Luft zum 
Beispiel als Sauerstoff, und das Licht ist gerade 
ihm unentbehrliches Requisit. Diese beiden Ele- 
mente waren aber in der Geschichte der Malerei 
zugleich Formprobleme. Von Rembrandt über Co- 
rot bis zu Liebermann reihen sich, wie Glieder ei- 
ner Perlenschnur, die Werke, in denen das Licht 
bald dämmernd, bald strahlend in jene Rahmen 
eingefangen ist, in welchen die Luft, jenes flüchti- 
ge Element in ihrer jeweiligen und vom Licht be- 
dingten Farbigkeit, vibriert und ihre diesmal farbi- 
ge Form gefunden hat. Das Problem der farbigen 
Form wird jedoch in dem Augenblick zum Problem 
der plastischen Form, wo ich ,das Ding an sich' 
betrachtend vom Raum loslöse, oder aber, es in 
ihn hineindenke. 
Vor mir steht eine Tulpe, das Wunderwerk eines 
Kelches, sein Vor- und Sinnbild. Ich sehe aber 
auch das Wunderwerk ihrer Struktur, ihre Physis. 
ich sehe auf jedem ihrer Blütenblätter, wie Farb- 
flecke kontraster Art, die Struktur klug benutzend, 
ineinander züngeln, ohne den ihnen angewiese- 
nen Bezirk zu verlassen. Ein leuchtendes Vorbild 
für die Gobelinweber aller Zeiten. Ich empfinde 
dankbar die Mäntel der Blätter, die wie Mütter 
sind. Neidlos, bewundernd und voller Würde ge- 
ben sie in stillem samtenem Grün der Tochter das 
Geleit und bescheiden sich, dieser Herrlichen als 
,Foliet und nicht nur als ,Blatt' zu dienen. Und das 
alles, diese Summe von Empfindungen, ach, ist 
noch nicht erschöpft, darf mich nicht hindern, die 
große, einfache und ewige Form zu suchen, zu fin- 
den und zu laden mit dem lnhalt dieser Empfin- 
dungen. Und es ist nur eine Tulpe von tausenden, 
an denen wir täglich vorbeigehen! Aber in ihr 
steckt das gleiche Problem wie im Baum, im Tier 
und in allem, was Odem hat: das Problem der 
Form. 
In der Lösung dieses Problems erschöpft sich das 
Leben des Künstlers, und nur solange ihm jede 
neue Aufgabe als Problem erscheint, lohnt es 
sich, den Kampf aufzunehmen, lohnt es sich, für 
ihn - zu lebens- 
Soweit die sehr bemerkenswerten Ausführungen 
von Friedrich Adler. Sie sind ein geistesgeschicht- 
Iiches Dokument ohnegleichen. Es ist um so mehr 
zu bewundern, weil der damals Güjahrige Künstler 
sie inmitten einer Zeit der größten Gefährdung 
schrieb. Bereits wenige Jahre später - es war am 
11.Juli 1942 - wurde der deutsche Jude Friedrich 
Adler, Designer, Künstler, Schriftsteller und Pro- 
lessor, in das KZ Auschwitz deportiert. Sein ge- 
naues Todesdatum ist nicht überliefert. 
23 Friedrich Adler, Elfenbeinbrosche (Entwurf). 1912. 
Ausführung: E. Kellermann(?). Hohe 8,5 cm, Breite 
4,5 Cm. Privatbesitz Göppingen 
Wegen Ersteilung eines nach Möglichkeit vollsiandigen Werkver- 
zelchrusses lSl der Verfasser für jeden Hinweis dankbar. Vielleicht 
hilft er dazu, das eine oder andere bisher unbekannte Werk Fried- 
rich Adlers wieder aufzufinden.
	        

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