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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXV (1980 / Heft 168)

Im allgemeinen war es die Malerei, die die Entwick- 
lung in der Vergangenheit vorwärtsgebracht hat, 
und seit dem Barock galten die Innovationen in der 
visuellen Kunst im wesentlichen als Entdeckungen 
der Maler. Die Skulptur wurde als mehr traditionell 
angesehen und kam in den meisten Fällen zu revolu- 
tionären Neuerungen nur im Gefolge anderer Diszi- 
plinen. Selbst Musik, Theater und Literatur hatten 
Einfluß auf die Bildhauer und gaben Anregungen 
von erheblicher Bedeutung. Selbstverständlich gab 
es Ausnahmen, und das Werk von Auguste Flodin 
hat als eine die gesamte Zeitsituation beeinflus- 
sende Kraft zu gelten. selbst weit über die Künste in 
alle Bereiche des modernen Lebens hinaus wirkend. 
Seit Rodin und dem beginnenden 20. Jahrhundert 
hat sich überraschenderweise das Selbstbewußt- 
sein der Skulptur verändert. Vorher unbekannte 
Wege der Wirklichkeitssicht wurden von Bildhauem 
experimentiert. die somit nicht allein neue Möglich- 
keiten der Gestaltung in ihrem Medium entdeckten, 
sondern Formen einer Wirklichkeitserkenntnis, wie 
sie am deutlichsten in der Skulptur artikuliert wer- 
den können. Hand in Hand mit dieser erweiterten 
Bedeutung der Plastik, die jetzt archaische und au- 
ßereuropäische Energien mit einbezog, erfolgte 
auch eine Neubewertung von vorgefertigten Bild- 
formen sowie schließlich die Einbeziehung von vor- 
gefertigten Objekten in die Kunst. wie sie in Picassos 
-Kopf eines Stiers-x von 1943 und uBaboon and 
YOUfiglx von 1952 zum Ausdruck kommen. Doch ne- 
ben diese die zeitgenössische Welt der Industrie 
ebenso wie die magische Urkraft der Vorzeit verkör- 
pernde Möglichkeit der Gestaltung tritt gleichbe- 
rechtigt die Integration und Variation von vorge- 
prägten Themen der Vergangenheit, die in intensi- 
ves neues Eigenleben in der Kunst zu führen begin- 
nen. Die Surrealisten sind die Bahnbrecher dieser 
veränderten Haltung. und bis heute ist den meisten 
Werken dieser Haltung ein surrealistischer Grund- 
zug immanent, dessen elementarer Charakter auf 
Verwandlung zielt. 
Im Jahre 1936 schuf Salvadore Dali in seiner wLa ve- 
nus au tiroirstt eine Verwandlung des antiken Mo- 
dells der Venus von Milo im Sinne zeitgenössischer 
Verfremdung. Dali fügte Schubladen in den Körper 
der Göttin ein und vereinigte somit Vorstellungs- 
formen der klassischen Antike mit Erscheinungs- 
formen eines Möbels, beide auf der Basis der unter- 
schwelligen Beeinflussung durch die Psychoanaly- 
se. Andere Werke Dalis beschäftigen sich in ähnli- 
cher Weise mit derVariation von Meisterwerken der 
Vergangenheit. und in seinem Werk wThe Halluci- 
nogenic Toreadoru von 1970 (Sammlung Reynold 
32 
 
1 Robert Ameson, -George and Mona in the Baths of Co- 
loma-t. 1976. Keramik. glasiert. Museum Amsterdam. 
2 Saskia de Boer, -Tizian's Venus of Urbino-. 1973. 
Sammlung Mr. und Mrs. Robert Orachard. St. Louis. 
Die Venus von Botticelli. Motiv aus der Werbeindustria. 
aufgenommen von Martin SchwarzlWinterthur. 
Colette, t-Devids Wraith". 1976. Long Island City Center 
Rooms. 
Miohel Journlac, wAutopsie de la Venus de Milo-t, 1972. 
Holz, Gips, Acryl. 
Japp Franken. sLitanie-i, ca. 1950. 
Jasen Beley, t-Hellenistic Ruler II. 1973-1974. 
Joseph Cornell. -Multiple Medici-n ca. 1956. Konstruk- 
tion aus verschiedenen Materialien. Allan Stone Gallery, 
New York. 
m-lmviasu 
Anmerkungen 1-5 
l 
Auf die Wiederbewertung antiken Kulturgutes riet besonders 
Heiril Landendorf hingewiesen: Anlikenstudium, Antikenkoplen. 
Abhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu 
Leipzig. PhiL-hist. Klasse, Band 46. Heft 2. eeriin 1953. 
2 Ausstellungsketelog -Rerie Megritte. Die acht Skulpturen-t. Gim- 
pel e Hanover Galerie. Zürich 1912, keine settennngane. 
' F. Wember: Yves Klein, Köln 1961. 
Ausstellungskataloq -7 Holländische Künstler-c Kunstmuseum 
Luzern 1975, keine Seltonangabe. 
5 Ein größerer Beitrag über Pino Pascali ist in Vorbereitung; fur die 
vorläufige Einschätzung: u. Kultermann: Neue Dimensionen der 
Plastik, Tübingen 1967; U. Kultermann: Storla della Scultura nel 
Mondo. Vol 14: I Contemporenei, Mailand 1979. 
 
Morse, Cleveland, Ohio) kommt er zur Vent 
Milo zurück. Diese Skulptur scheint erheblii 
die Vorstellungswelt der Surrealisten eingew 
haben, selbst in einer Werbeanzeige der Filml 
schaft Metro-Goldwyn für Buster Keatcn vor 
ist dies sichtbar: der Schauspieler Buster Kea 
in der Pose der antiken Venus fotografiert. Z 
men mit dem Apoll des Belvedere und dem La 
hat die Venus von Milo eine ihr eigene Typolt 
der Geschichte der neueren Skulptur her 
bracht, die bezeichnend ist für die ihr immar 
Bedeutungsqualitätenü 
Auch der Maler Flehe Magritte beschäftigte sic 
vor seinem Tode mit skulpturalen Vergeger 
gungen von Meisterwerken der Vergangenr 
einer Serie von 8 Bronzeplastiken suchte el 
nurseineeigenen Bilderin drei Dimensionenl 
artikulieren, sondern er wählte auch Jacques 
Davids Bild i-Madame Recamiert- aus dem l 
als Themafüreine dieserPlastiken aus, verwa 
jedoch in typisch surrealistischer Verfremdu 
Gestalt der Frau in einen Sarg, dessen gek 
Form deutlich der Pose der sitzenden Gestalt 
gebildet ist. Alexander lolas berichtete übe 
Herstellungsprozeß: x-Um diese letzte Bildide 
stlsch zu realisieren, ließ er ein Ruhebett 
Lampe und einen Hocker suchen. die den G 
ständen im existierenden Bild möglichst n: 
men. Er bestellte bei einem Schreinereinen Sa 
den er alle Ausmaße und Details aufzeichnete 
ließ er die Objekte plastisch abformenÄ-t M. 
hat seine Bronzegüsse jedoch selbst niemals 
hen. er starb am 15. August 1967 vor der Fert 
lung derArbeit. Vergangenheit und Gegenwa 
in ihnen in einer ironischen Verwandlung ei 
worden. 
Auch Werke des amerikanischen Künstlers J 
Cornell liegen auf der Ebene einer surrealisti 
Venlvandlung von Motiven aus der Vergangr 
Viele seiner Kästen enthalten Fleproduktione 
alten Gemälden oder Plastiken in einer 
Zuordnung oder mit verfremdeten Objekten a 
iert. Sein v-Multiple Medici- von etwa 1956 rn 
ziert ein Bild von Pinturicchio in 20 kleineren l 
und fügt jeweils ein mobiles plastisches Obje 
zu. Das Werk hat somit Variationsmöglichkeitl 
angesichts des zwanzigfach wiederkehrendt 
naissanceporträts eine besondere Bedeutu 
Hinblick auf Tradition und Veranderliohkeit 
ten. 
Selbst Alberto Giacometti hat sich von bestil 
Werken der alten Kunst inspirieren lassen. rl 
auch als eine Ausnahme in seinem Werk ange
	        

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