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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXV (1980 / Heft 169)

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aber im Glanziicht der Iris das eigentliche Zen- 
trum des Bildes. 
Die iiZügett der Physiognomie sind nicht zeich- 
nend gezogen, sondern aus Farben gebaut, eine in 
ihrer individuellen Wirkung kaum weiterzuvermitr 
teinde Methode, von der Ediinger bescheiden 
meint: iilch weiß selbst nicht, wie meine Gemälde 
entstehen. Ich mach so lang daran fort, bis ich 
glaube, daß sie gut sind4l.ii Diese herbe, bisweilen 
knollige Vortragsweise, die auf erdignischmutzi- 
genii Nuancen modeiiierend aufbaut, kann sich 
naturgemäß nur an entsprechenden Bildgegen- 
ständen ganz vollenden und ist für prägnante Zü- 
ge in männlichen Gesichtern oder zur Darstellung 
alter Menschen eher angetan als für jugendlich- 
zarte Komplexionen. Edlingers Frauenbiider be- 
rühren stark - nicht durch iihinaufgestimmte, ver- 
schönte Naturütt, sondern durch den Ernst ihrer 
Erfassung. Schmeichelhatt-galant sind sie nie, 
und die Damen ließen sich nicht sehr gern von ihm 
malen. Wollte sich ein Ehepaar porträtieren las- 
sen, so kam es nicht selten vor, daß der Mann zu 
Ediinger, die Frau zu einem anderen Meister 
ging43. 
im weiblichen Bildnis tragen sich meist ungleich 
intensiver als im Herrenbildnis rivalisierender 
Kontrast oder Harmonie von Kleidung und Physis 
zur Schau, zumal seit der Mitte des 18. Jahrhun- 
derts die Mannermode im Zeichen würdevoiier Zu- 
rückhaltung immer unbunter und unorigineiler 
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wurde bis hin zur allgemeinen Schwärze des Bie- 
dermeierfracks. ist prägnante Charakterisierung 
die Forderung des männlichen, so wird im weibli- 
chen Bildnis Anmut durch den Schleier der ideali- 
sierung gesucht. iiich versuchte  dem Gesichts- 
ausdruck der Damen  Haltung und Ausdruck zu 
geben; diejenigen, die keine Physiognomie hatten, 
malte ich träumerisch und nachlässig aufge- 
stütztii, erinnert sich Elisabeth Vigee-Lebrun (1755 
bis 1842), die durch modische Brillanz bestechen- 
de Pariser Biidnismalerin und enge Freundin der 
Marie Antoinette". Die lebende Person sucht sich 
der - jeweils modisch vorgegebenen - Ideal- 
erscheinung auch durch das Kunstmittel der 
Schminke zu nähern, deren malerische Eigenwer- 
te sich im Porträt dann unauflöslich mit den Dar- 
steliungsmitteln der Bildniskunst verbinden. Gera- 
de im weiblichen Bildnis kann die modisch herbei- 
geführte äußerliche Veränderung der individuellen 
Erscheinung das Persönlichkeitsbild charakteri- 
sieren und so in die Porträtwahrhaftigkeit einge- 
hen. Umgekehrt gibt es einen Maierblick, der, in- 
dem er dieses Phänomen durchdringt, ein Gesicht 
im übertragenen Sinn iiungeschminktit abbilden 
kann. 
Der Wiener Hofmaler Josef Kreutzinger (1757 bis 
1829), weitgereist wie viele seiner Zunftgenossen 
in diesem kosmopolitischen Jahrhundert, erhielt 
Aufträge gleichermaßen von den höchsten Mit- 
gliedern des Hofes wie auch aus dem gehobenen 
Burgertum. schon ienseits der Jarlrhundi 
de, aber in Haltung und Akzentuierung g: 
Traditionslinie des 18. Jahrhunderts fortsl 
malte er das Bildnis der Frau Eva Passi (Abt 
Das - an modisch entfärbter ldealität ger 
- zu kräftig rötliche lnkarnat tritt nirgend 
gener Kontur gegen das Dunkel des Hinti 
des an, sondern wird ringsum von Spitzenl 
vermittelt. Die Zartheit der Spitzen und l 
läßt die markanten Härten des Gesichts 
deutlicher hervortreten. Die verschiedenen 
parenzen sich überlagernder Tüilspitze 
Stoffqualitäten sind in einer kostbaren Fü 
Weiß-Nuancen virtuos wiedergegeben; die 
Haubenschleife stilisiert das Kolorit zu pot 
kühler Mädchenhaftigkeit, die die nicht rn 
gendlichen Züge geaiterter erscheinen lass 
es vielleicht bei einer anderen Tracht der F 
re. indem es die Gestalt umschließt und fal 
das rote Schultertuch den Oberkörper in 
Bildausschnitt frei, der wie eine Allusionz 
plastische Bildnisbüste wirkt. im abwarl 
Blick bildet sich die Zeitdauer des Gemaitwi 
ab als Pose des repräsentierenden Stillhi 
die das prüfend-abtastende Auge des Malt 
sich gerichtet weiß. 
Was Bruno Grimschitz für Kreutzingers Ade 
nisse, vor allem die ganzfigurigen, festste 
iidie Intimität ihrer malerischen Charakt 
kontrastiert unmerklich mit der repräsenl 
Dekoration ihrer Umwelttött _, gilt ebens 
subtiler noch, für die inoffiziellen, die bürger 
Bildnisse. indem der Maler die individuellen 
werte des Gesichtes gegen die additiv-deut 
des KostLlms abwägt, vermag er gerade in c 
hen Konversationsdistanz des Brustbilde: 
schwierigen Verhältnis zwischen der repräsi 
ten Person und deren individuellen Unzulär 
keiten psychologisch fühisam zu begegnen 
das Fiollengewand unerbittlich als Hülle zu 
ren - jener Objektivierung des Psychische 
bei manchen Biidnissen Goyas ins Erschrec 
führt. in der gleichen Zeit erfand sich die 
Spiegel, in denen die ganze Gestalt erscheii 
he, in ein Fiahmengerüst schwenkbar eingeh 
Standspiegel, iifeieriiche Altarwerke der 
keiWti, denen die mythische Personifikatic 
seeiter Schönheit, iiPsycheii, ihren Namen I 
mußte. 
10 Josel Kreutzlnger (1757_-1B29), Bildnis der Frz 
Passi, um 1810. Wien. Osterreichische Galerie 
Anmerkungen 39-47 (Anm. 39, 40 s. Text S. 11) 
1' i-Der Geheimbund der llluiiilnaten war konzipiert als ein v 
ohne navcluticn durch oiganrsatidn von Aufklarung und 
durch dic errichiurig eines Sitterlreglments den durch we 
und geistlichen Despotlsmus dcdiavrcrisn llaturzustand vi 
hert und clcichhcit in derrrlerlschlichen Gesellschaft wlede 
stellen Wenn auch dic wiriilichkcit des Bundes weit hintsr 
Programm zuruckblleb und bai aller raschen Verbreltun 
ganz Mitteleuropa nicht wcit uber das siadiurri einer Frcir 
und Lesegesclischait hmauskarrl, stellt der 177a gegrundl 
1155 vcrbdtcria lllumlnaterlburld als der cista bekannte pd 
Geheimbund der Nciizsit ain poiitlsch-gesellschattllches 
iricn von europalscher Bedeutung dar u Richard van Duim 
Geheimbund der lllumirlateri Darstellung Analyse ocliurrici 
siutlgan-ead Cannstadt 1975, s 1a. 
Der Faszinaticn dieser Llrliß ordnet Edllrlgerauch dic kcinc 
des grdßcn Gruppenblidnlsses VOn Slrobi niit zwei Klnderr 
chen. Neue Pinakothek) urlter: nci Sohn steht niit dem i 
zurri lrorltal sitzenden Vater: il'l splegelblldllcher Drehung v 
sich das ausgepragte vaterllche Frolll und das kindlic 
zcgcrnd-iinlcrtigsr Charakteristik in cincr intensiven Spi 
des Blicks elnander zu Abgebildet u a. irii Gesamtkatal 
Bayer Staatsgemaldesammlungeri, Neue Pinakothek Mu 
Gemaldekataloge Ed. a llach-esrdcii und Klassizismus, tii 
Barbara l-laidtwig Murichen 197a, s.72 ll. 
ziticrt nach 1.. Ch. Helnemann (vgl Arlrrl a7). s. 71 
Nach den r-Mlscellaneerl artistischen lrlnhalts-i, hrsg. v . 
Georg Meusel. s Helt,ErIurt1781,im Kapitel rrldeal und N 
murlgv, s. s l, gibt sich das csnis des Portratmalers du 
vsrandsriing der Natur zur ldealltet hin zu erkennen 
" L.C Helnemann (vgl Anm 37). s. 52. 
M Elisabeth Vlges-Lebrun vsrdliaritiiciiis 1335 ihre Leberlsi 
rurlgert Zitiert nach Kmdlers Miilßreliaxikorl. Bd 4 ZIJIICl 
s 677. 
Wien, Österreichische cdisris. Oberes Belvedere. 
BrurloGrlmschltLJosel Kreutzingsr in- Alte und moderrieK 
19.. 19cm, H 172. s s. 
custiiv Friedrich Hartlaub, Zauber das Spiegels. Münchel 
3.55. Nach Albert Dauzat, Nouveau orcticnnairc Eiyrriclc 
Paris 1964, s. 613, ist dlß Benennung i-Psycheir erstmals 1 
i-Jbuinal dcsdariics- sctiriltiicli nachweisbar. Das Aulliciriir 
Standspiegai lailt aber noch ins spate ls. Jahrhundert. 
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