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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXV (1980 / Heft 170)

welcher er die versammelten theils zur Freude 
über die Auferstehung des Heilandes und Erhe- 
bung der Herzen zu ihm, theils zur Verengung der 
Vergehungen, und geistlichen Auferstehung aus 
dem Grabe der Sünden, mit lebhaftem Eifer, und 
Seiner weltbekannten Ihm eigenen Beredsamkeit 
ermahnteäirr. Die Papstrede war mit Spannung er- 
wartet worden, da Gerüchte kursiert waren, wo- 
nach der Papst bei diesem Anlaß das Wort an den 
Kaiser richten wolle und über die kirchlichen Re- 
formen zu sprechen gedenken. 
Danach fuhr Pius Vl. zur Kirche Am Hof, um vom 
Altan aus den päpstlichen Segen zu erteilen und 
den vollkommenen Ablaß zu spenden (Abb. 12). Zu 
diesem Zweck war der Balkon sehr prächtig deko- 
riert worden. "Auf dem durchaus roth spalierten, 
und mit Teppichen belegten Balkon war ein gold- 
reicher Baldachin errichtet, mit einem dergleichen 
vorwärts gegen das Volk gestellten hohen Arm- 
und Lehnsessel nebst dem Fußgestelläiu 
Der Papst sang die Absolution über das Volk und 
segnete die versammelten Menschen - man 
schätzte 30.000 bis 50.000 Leute - dreimal. Im 
selben Augenblick wurde durch ein auf der Frey- 
ung postiertes Grenadierkommando durch eine 
Salve ein Zeichen gegeben, worauf an den Wällen 
rings um die Stadt die Kanonen abgefeuert wur- 
den. Dies sollte die Gläubigen zum vorgeschriebe- 
nen Gebet und zur Erlangung des verheißenen 
vollkommenen Ablasses ermahnen. 
Da Kaiser Joseph ll. zur gleichen Zeit an einem 
Augenleiden - einer Bindehautentzündung H er- 
krankt war, nahm sein Bruder Erzherzog Maximi- 
lian in Vertretung an den Feierlichkeiten teil, der 
während des Besuches als Begleiter des Papstes 
fungierte. 
Die folgende Zeit war mit einem Besichtigungs- 
programm ausgefüllt. Am 2. April hielt Pius Vl. ei- 
ne stille Messe bei den Dominikanern, besichtigte 
die Universitätskirche und anschließend die k.k. 
Bildergalerie im Belvedere. Nach einem Aufent- 
halt in der Karlskirche fuhr er in die Hofburg zu- 
rück. Donnerstag, 4. April, ließ sich der Papst von 
dem Maler Joseph Hickel, der dazu den Auftrag 
bekommen hatte, porträtieren. Das Gemälde gilt 
heute als verschollen und wird nur durch einen 
Stich von Johann Jacobe überliefert (Abb. 11). Am 
6. April besuchte Pius Vl., der ein großer Bücher- 
freund war, die Hofbibliothek mit dem anschlie- 
ßenden Münz- und Medaillenkabinett. Am nach- 
sten Tag wurde der Papst in das physikalisch-ma- 
thematische Kabinett geführt, wo man ihm den 
12 
 
 
 
Knausapparat (Schreibautomat) zeigte und c 
das Naturalienkabinett erklärte. Montag, 8. A 
stand eine Besichtigung der Augustinerkir 
des dazugehörigen Klosters und der Herzgruf 
dem Programm; am nächsten Tag der Besuch 
kaiserlichen Zeughauses in der Ftenngasse. 
10. April fuhr Pius Vl. zur Porzellanmanufakti 
die Roßau. r-Se. Heiligkeit näherten sich sogar 
weit es thunlich war, den in vollen Flammen 
henden mit Porzellan eingesetzten und eigend 
öffneten Brennöfen, um den Durchzug der cor 
trierten und oben mit Gewalt durchreißer 
Flamme auf das genaueste zu besehen . . .; übt 
nes was nach antiken Busten und überhaupt r 
altem Geschmack der berühmtesten römisr 
Zeichnungen in Arbeit war, konnte Er, als ein 
ter Kenner, sein ausnehmendes Vergnügen r 
bergen, so daß in allem über zwo Stunden ir 
trachtung dieser k.k. Fabrikwerke vergienge 
Am 11. April wurde das Waisenhaus am Ftenr 
und das Salesianerinnenkloster, am nächsten 
das Theresianum und am 13. April die königlil 
Ställe vor dem Burgtor besucht und Schönb 
und die Hietzinger Kirche besichtigt. Sonr 
14. April, fuhr Pius Vl. in Begleitung des Kaise 
den Augarten und in den Prater, wobei wie ül 
"alle Strassen und Plätze mit Menschen gli 
sam besäet warenzßrt. 
Am 15. April besah sich der Papst die Liecl 
steinsche Bildergalerie und stattete am nach 
Tag nach einer Zwischenstation in der lngen 
akademie dem Staatskanzler Kaunitz einen 
such ab. Dieser hatte sich bis dahin geweige 
da nach seiner Meinung die schwebenden 
chenpolitischen Fragen bereits entschieden 
ren -, den Papst zu besuchen, um mit ihm 
über zu verhandeln. So blieb dem kiTChlil 
Oberhaupt kein anderer Ausweg, als den Für 
von sich aus aufzusuchen, wenn er mit ihm: 
chen wollte. Der Staatskanzler begrüßte 
Papst nicht als erster persönlich, sondern 
sich durch seine Söhne vertreten. Er selbst er 
tete, da das Wetter schlecht war, Pius Vl. au 
Treppe seines Palais in eleganter Hauskleir 
und tauschte mit seinem Gast einen Händed 
Danach zeigte Fürst Kaunitz dem Papst sein: 
mäldesamrnlung und verwickelte ihn in ein 
spräch über Kunst. Unverrichteter Dinge rr 
sich Papst Pius verabschieden. 
Bei einer feierlichen Zeremonie in der Hofbur 
19. April wurde den Kardinälen Firmian und 
thyany der rote Hut verliehen. Am 20. April be
	        

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