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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXV (1980 / Heft 171)

 
von der Erde hinwiederum wie Wasser einge- 
schluckt, und muB ein jeder mit David aus dem 21. 
Psalm endlich klagen ,ich bin ausgeschüttet wie 
Wasserü Wie bald wird mich die Erde gar ver- 
schlingeniw Darum nehmen die Wände der Alten- 
burger Krypta, hinauf bis zum Gewölbeansatz mit 
Ausnahme der Bildflachen mahnenden Inhaltes, 
das Motiv von dem gleichermaßen von Wasser 
und Erde durchdrungenen Totenreich auf. In Erd- 
schichten und Schollen, die mitunter aufbrechen, 
sind Muscheln, Korallen und Algen mit einverwo- 
ben. Der Raum ist der Abgrund, die Wölbung die 
Erde, die in all ihrem Reichtum ständig vom Tode 
bedroht ist und auf der das ntheatrum mortis hu- 
manaerr stattfindet. 
Über eine bühnenartige Treppe kann der Betrach- 
ter in das Reich des Todes hlnabsteigen. verharrt 
er aber an der Brüstung der Treppe, so leuchtet 
ihm jenseits das erlösende Zeichen des Kreuzes 
(Abb. 2) entgegen, er wird durchdrungen von der 
Prophetie des lsaias: "Steige auf einen hohen 
Berg, Freudenbotin für Zion... Rufe den Städten 
Judas zu: Seht da, euren Gott. Seht, der Herr Jah- 
we kommt mit Macht und sein Arm unterwirft ihm 
alles. Seht, mit ihm kommt sein Siegeslohn und 
seine Siegeszeichen gehen vor ihm her.rr Die Wöl- 
bung des ersten Joches überspannt die großartige 
Treppenkonstruktion. In den Malereien heiter und 
fröhlich erscheinend, den Reichtum der Natur in 
üppig besteckten Blumenvasen widerspiegelnd 
(Abb. 3). "Der Mensch eine Blumer-ß schrelbt Abra- 
ham a Sancta Clara unter Berufung auf den Pro- 
pheten lsaias, nAlles Fleisch ist Gras und alle sei- 
ne Schönheit wie die Blume des Feldesrrß. Aus den 
vier Ecken des Mittelmedaillons wachsen vier ver- 
schledene Baume: Palme, Eiche, Zeder und Arau- 
caria, der iiamerikanischer: Baum, stellvertretend 
für die vier Kontinente, die alle gleichermaßen von 
dem vorgeführten Schauspiel betroffen sind, denn 
"Völker sind vor ihm wie ein Tropfen am Eimer, 
und wie ein Stäubchen an der Waage gelten sie 
vor lhm4t7. In den queroblongen Bildfeldern zu Sei- 
ten der Treppenlaufe mahnen zwei betende und 
betrachtende Eremiten zu Buße und Einkehr, ru- 
fen auf zu Ruhe und weltentrückter Einsamkeit" 
(Abb. 4). 
 
10 
3 Gewölbeansatz und Decke des ersten Joches. nDer 
Mensch eine Blumen 
4 Bildflachen der rechten Wandzonen des ersten und 
zweiten Joches sowie des ersten Gurtbogens: Eremit 
- Atlant - das Laster 
5 Erster Gurtbogen links: Greis und Tod 
6 Erster Gurtbogen rechts: Kind und Tod 
7 Linkes Wandbild des zweiten Joches: Die Tugend 
8, 9 Gewölbeansatz und Decke des zweiten Joches: 
nTod und Tanz-r. nDas Leben besteht, wie der Rauch 
vergehtn 
10 Rechtes Wandbild des zweiten Joches: Das Laster 
11 Zweiter Gurtbcgen links: Der Tod und die Königin 
Anmerkungen 8 -14 (Anm. 4 - 7 s. S. 9) 
r Seit dem 17. .in. gehören Eiemiieridarstellurigen zur Propagan- 
da der Gegerlrelorrrlalion, Die Darstellungen sind nicht mehr als 
Heiligendarslellungen zu weilen, sondern erheben Anspruch 
auf Anonymität, um allgemeingültig das Ideal von Weltflucht 
und idyllischer Ruhe zu erweisen. Damit entsprechen Eremiten- 
hilder dem dem Barock S0 vertrauten Gedanken von Welterltsa- 
gung und Bußhaltung In bewußtem und krassem Gegensatz zur 
totalen Lebensfreude. Eln ideal, das letztlich Vorl Karl V. geprägt 
worden war. 
r Totenkapelle a. a. 0., s. 22a und s. 155 
"' Vgl. dazu die Illustration zu: Cum moaiietur hOmO, haeredltabit 
sarperltes, iri: Abraham a Sancta Clara, Besorlder meublirte und 
gezierie Todtencapelle. Nürnberg 1720. gegenüber p. 4a 
ll Tolenkapelle a.a.0., s. iaaii. 
i? ebenda, s. 204. Vgl. dazu auch den Kupferstich der Originalaus- 
gabe, Nürnberg 1720, a. a. O.. -Delecerurit siCut lumus dies mel- 
gegenüber p. 164 
" Totenkapelle a. a. 0.. S. 183". 
H Hipa Cesare lconologia etc, Padua 1611. p. 420 und 501. Vgl. da- 
zu auch die Analyse der beiden Figuren in: Krypta, Stift Alten- 
burg und seine Kunslschäize. a. a. 0.
	        

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