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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXV (1980 / Heft 171)

b1 Für den Kunstsammler 
 
Christian Witt-Dörring 
Ein Schreibtisch von 
Giuseppe Maggiolini 
im Zuge von Nachforschungen über die Möbelkunst am 
Wiener Hof zur Zeit Maria Theresias wurde ich auf einen 
im Wiener Bundesmobliiendepot ausgestellten Schreib- 
tisch aufmerksam. Seine mit aufwendiger Marketerie 
überzogene Oberfläche sowie der kompliziert gebauchte 
und geschwungene Mbbelkörper und die hervorragende 
handwerkliche Verarbeitung des Möbels bilden im Fiah- 
men des erhaltenen Wiener Hofmobiliars eine einzigarti- 
ge Erscheinung. 
Der Schreibtlschkorpus sowie die Laden sind aus NuB- 
baumholz: Die farbliche Wirkung der Oberfläche ist vor al- 
lem auf einen stark kontrastierenden Heil-Dunkel-Effekt 
ausgerichtet. Erreicht wird dieser durch einen Fond aus 
Paiisanderholz und den aus Buchsbaumholz und Elfen- 
bein verfertigten Streublumen und Ornamentbandern. Die 
Mitte der Tischplatte sowie der beiden Seitenwände und 
der einen Langswand bilden je eine ovale Chinoiserie aus 
verschiedenfarbigen Hölzern. Ungewöhnlich sind die Kon- 
turen des Schreibtisches, die eher an eine Kommode erin- 
nern. Bei Betrachtung von der dem Schreiber gegenüber- 
liegenden Langsseite des rundansichtigen Möbels ent- 
steht daher kaum der Eindruck eines Schreibtisches. Die- 
ses merkwürdige Mobelvolumen ist bedingt durch eine in 
der Mitte der Sitzseite, unterhalb der mittleren Hauptlade 
auf Kniehöhe eingebaute Lade, die aber nur die halbe 
Tischtiefe einnimmt. Die Sltzseite selbst, die wie das ge- 
samte Möbel mit einem tapetenartigen Dekor überzogen 
ist, läßt nur schwer das Innenleben des Schreibtisches er- 
ahnen. Wären nicht Schlüssellocher und Handhaben, so 
könnte man an der Existenz von Laden oder der Möglich- 
keit, in den Möbelkörper einzudringen, zweifeln. Es ist ei- 
ne Art Blendfassade, die den einheitlichen Dekor und die 
geschlossene Wirkung des Ganzen erhalten soll. Dahin- 
ter verbirgt sich ein System von Laden, Gehelmfächern 
und ausschwenkbaren beziehungsweise ausziehbaren 
Platten. in der Mitte der vorderen Tischplsttenbordüre 
läßt sich ein mit Marketerie überzogenes kleines Brett 
herausziehen, daß schräg gestellt und nach links und 
rechts geschwenkt werden kann (Abb. 1, 12). Gegenstand 
der Marketerie ist eine abstrahierte Darstellung der Stadt 
Mailand, die durch das Castell Sforzesco, den Dom sowie 
das Wappenschild der Stadt versinnbildlicht wird. Die am 
Castell aufgepflanzten Fahnen mit dem österreichischen 
Doppeladier repräsentieren die habsburgische Herrschaft 
im lombardischen Königreich. Unterhalb dieses Pultes 
kann ein weiteres, mehr als doppelt so großes Brett an 
zwei vergoldeten Bronzehandhaben herausgezogen wer- 
den (Abb. 13). Die Oberfläche ist wiederum mit Marketerie 
überzogen und symbolisiert die freien Künste. An beiden 
Seiten können nun abermals aus der Tischzarge zwei klei- 
ne kreisförmige Brettchen herausgedreht werden. Sie 
dienten als Standflächen für Kerzenleuchter, die die bei- 
den Ausziehflächen beleuchten sollten. Fünf sichtbare 
Laden gibt es an der vorderen Langsseite; eine in der Mit- 
te und je zwei übereinander an den Seiten. Der kompliziert 
geschwungene Möbelkorpus und der Oberfiächendekor 
haben ungewöhnlichen Ladenkorper zur Folge, die einen 
trapezförmigen Querschnitt aufweisen. Der im Möbelkor- 
pus hinter den beiden oberen seitlichen Ladenfronten 
(Abb. 16) frei bleibende Zwlckelraum ist mit je einer lan- 
gen, schmaien Geheimlade ausgefüllt und optimal ge- 
nützt. Sie sind nur dann zugänglich, wenn die mittlere und 
die seitlichen Laden gleichzeitig geöffnet sind, dajeweiis 
ein Teil ihrer dekorierten Ladenfronten das Geheimfach 
teilweise verdecken. Das heißt, daß beim Einschieben ei- 
ner der beiden Laden automatisch die Geheimlade mitge- 
nommen wird. Ermöglicht wird dieses System durch die 
raffinierte Zeichnung der Ladenfront und eine bewußt 
überlegte Ornamentführung. An Imagination gleichwertig 
ist je ein mit den beiden unteren seitlichen Laden in Zu- 
sammenhang stehendes Geheimfach (Abb. 14). Zwischen 
den beiden Laden erscheint beim Öffnen der unteren La- 
de ein Holzsteg mit eingelassenem Metallblättchen für 
das Einrasten der Sperrvorrichtung. Die Dicke dieses 
Hoizsteges ist zugleich die Hohe und Vorderfront des Ge- 
heimfaches, das zweifach gesichert scheint, einmal 
durch die berechtigte Annahme, daß der Holzsteg inte- 
grierender Bestandteil der starren Möbeikonstruktion ist, 
und zum zweiten durch die vorgeblendete Ladenfront. So 
verhilft auch hier die über den eigentlichen Ladenkörper 
hinausragende und vorgeblendete Ladenfront zum Spiel 
mit dem Verborgenen. 
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