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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXVI (1981 / Heft 174 und 175)

Christian Theuerkauff 
Einige Bildnisse, Allegorien 
und Kuriositäten von Johann 
Christoph Ludwig Lücke 
(um 1703 - 1780) 
Anmerkungen 1- 18 
' Christian Scherer: Studien zur Elfenbeinpiastik des 1B. Jahrhun- 
derts. Ill. Die Familie Lücke. In: Zeitschr. l. Bild. Kunst NF VII. 
1896, S. 10211. und unter dem Titel Studien zur Ellenbeinpiastik 
der Barockzelt. Studien zur Deutschen Kunstgeschichte 12. 
Straßburg 1897, S. 7411. - Vgl. auch vom selben Autor, Ellen- 
belnplastik seit der Renaissance. Monographien des Kunstge- 
werbes Vlli. Leipzig 1905, S. 88-93, lig. 71-75. - Jean-Louis 
Sponsel, Erich Haenel: Gefasse und Bildwerka aus Eilenbeln, 
Horn und anderen Werkstoffen,  Das Grüne Gewölbe zu Dres- 
den IV. Leipzig 1932, S. 2311. zahlreiche Tafeln. - Max Sauer- 
landt: Einige neue Arbeiten von Joh. Christoph Ludwig Lücke. 
In: Festschrift zum 60. Geburtstage von E. W. Braun (Anzeiger 
des Landesmuseurns in Troppau u. 1920). Augsburg 1931, s. 15a 
bis 162, Abbn. - Gerhard Dettmann: Lücke. in: Thieme-Becker: 
Allg. Lexikon d. Bild. Künstler 24, 1929, S, 445. 445. - Ziemlich 
summarisch Eugen von Phliippovich: Elfenbein, Braunschweig 
1961. S. 165- 170, Abb. 129-130. 
2 Christian Theuerkauff, Lise Lotte Möller unter Mitwirkung V0n 
Brigitte von Rützen-Kosilzkau und Jörg Hasmussen: Die Bild- 
werke des 19. Jahrhunderts. Katalog IV des Museums 101 Kunst 
und Gewerbe Hamburg. Braunschweig 1977, S. 175-180. Kat. 
Nr. 100-102 sowie Kat. Nr, 97. 
1 U. a. Joachim Menzrtausen, Werner Kiontke: Grünes Gewolbe. 
Staatliche Kunstsammlungen Dresden - Albertlnum. Dresden 
1975. S. QOf1.,Abb. 5.9111. - Kunstschätze aus Dresden, Staat- 
liche Kunstsammlungen Dresden, DDR. Kunsthaus Zürich 
2B. Mai bis 1B. September 1971, S. 1771f., Kat. Nr. 143-146. - 
The Spiendor bf Dresden: Five Centuries 01 Art Collecling. An 
Exhlbltlon from tne State Art Collections o1 Dresden, DDFt. 
Washington, New Vork, San Francisco 1976179, S. 166ff., Kat. 
Nr. 3121., 440. 
t Jdrg Rasmussen: Barockplastik in Norddeutschland. Ausst. 
Kat. Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. Mainz 1977. 
S. 558-596, Kat. Nr. 246-258, Abbn. 
5 Frdl. Mitt. Vbn J. Rasmussen (S. Jb. d. Hbg, Kst. Sign. 23, 1975. 
S. 207) und J. Menzhausen (14. 4. 1980), der wegen dergepianten 
Ausstellungen zu den Jubiläen von Boettger und ß. Permoser 
seine LückeForschungen nicht publizieren kann, mir aber groß 
zügig die Pubiikationserlaubnis für eine Reihe von Fotos des 
Grünen Gewölbes gab. 
' Aus dem Kunsthandei. 
7 Collection Dr. James Simon de Berlin. Catalogue Fred. Muller G1 
Cie., Auktion 25, - 26. X. 1927 Amsterdam, S. 37, Nr. 253. 
' InV. Nr. 17173 (Mann). H. 10.7 cm, H. mit Sockel 15,9 cm. - lnv. 
Nr. 16173. H. 10,2 m, H. mlt Sockel 16,1 cm. 
ß J. Flasmussen (Anm. 4), Kat. Nr. 251, Abb. (Braunschweig). - 
Werner F. Voibach: Die Bildwerke in Elfenbein. Staatliche Mu- 
seen zu Berlin. Die Elldwerke des Deutschen Museums 1. Berlin 
und Leipzig 1923, S. 73, Inv. Nr. J. 745, Tal. 76, - J. L. 50011561. 
E. Haenei (Anm. 1), S. 110, Taf. 35, e). 
l" J. Rasmussan (Anm. 4), Kat. Nr. 249, Abb. 
" C. Theuerkaull, L.L. Müller (Anm. 2), Kat. Nr. 101. Abb. und 
.1. Flasmussen (Anm. 4), Kat. Nr. 250, Abb. 
" Christian Scherer: Die Braunschweiger El1enbeinsammlung, 
Katalog der Ellenbelnwerke des Herzog Anton Ulrich-Museums 
in Braunschweig. Leipzig 1931, S. 64. unter Kat. Nr. 122 zu Kat. 
Nr. 121. - C. Scherer, Eitenbeinpiastik (Anm. 1), S. 891.. 11g. 73. 
" C. Theuerkaull, L.L. Müller (Anm. 2), Kat. Nr. 100, Abb. und 
J. Rasmussen (Anm. 4), Kat. Nr. 249, Abb. 
" J. Rasmussen (Anm. 4) Kat. Nr. 249fl.. 253, 259, 261 mitAbb. so- 
wie Abb. 173 aul S. 2 . 
" U. a. Julius Lessing oizellanliguren. in: Spemanns Museum 1, 
1396. S. 47. Abb. S. . M. Sauerlaridt (Anm. 1), 5.160. - OttO 
von Falke: Wiener Porzeiianplastlk. In: Berliner Museen XLl, 3, 
1920, S9. 10111., Abb. 27. - Theodor Müller: Bildhauer. Bild- 
schnitzer. ln:RDKlI,1948,Sp. 613. Abb. 6. - Vilh. Slomsnn: En 
Dansk Porceiaenlabrlk lra 1752, Saertryk lTliskuerens Maljhef- 
te was, llg. 1 und .1. Rasmussen (Anm. 4), Abb, aa auf s. 49. 
1' E.A. Lapkowskajs, in: Hermitage, West European Art I. MDSKEH 
1956. S. 238-244, llg. 1-3. - Katalog der Ausst. Westeurop. 
Eifenbelnarbelten. 9. - 19. Jh., aus den Sammlungen der Ermita- 
ge. bearbeitet u. a. von E. A. Lapkowskaja und L. J. Faenson. Le- 
ningrad 1973, S, 48. Kat. Nr. 95, Abb. S. 49. - westeuropäische 
Elrenbelnarbeiten aus der Ermitage Leningrad, XL-XIX. Jh, 
Ausst. Kat. Staatl. Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum K0 
penick. Berlin 1974, Kat. Nr. 51, Abb. 
" Sotheby's 17-lV-1976, 101 332, Abb., H. 9,5 cm. Jetzt deutscher 
Prlvatbesitz. Das Zopfende mit der Schleife lehit, ebenso der 
Edelstein. ehemals vorn am Hals. Der Stern konnte der des H0- 
ten oder Schwarzen Adler-Ordens sein, das Emblem innen ist je 
doch keineswegs bestimmbar (wie ein schräg gestelltes Kreuz). 
Auf der Rückseite das rechten Armes Reste von Tinte, vielleicht 
ein ligiertes FCLI. Als Dargesteilter käme vielleicht Ludwig von 
Hessen-Nassau (1139-1163) in Frage. 
" Ehemals Kunsthandel Berlin. H. mit Sockel 17,2 cm. Unter der 
inv. m. FB„1403 ein Foto im Kunstgewerbemuseurn Köpenick, 
für dessen Uberiassung sowie für frdl. Hilie ich Herrn Dir. Dr. G. 
Schade danke. 
 
im Anschluß an die frühen Studien zum Werk Jo- 
hann Christoph Ludwig Lückes, dieses hochbegab- 
ten, aber unsteten, menschlich schwierigen und 
nicht immer erfolgreichen Bildhauers, von C. Sche- 
rer, J.L. Sponsel, M. Saueriandt, G. Dettmann' und 
neuerdings - die Werke der beiden Carl August 
Lücke einschiießend - an die Sammiungs- und 
Ausstellungskataloge des Museums für Kunst und 
Gewerbe, Hamburgi, bzw. des Grünen Gewölbes in 
Dresden: anknüpfend. hat J. Rasmussen 1977 in 20 
Katalognummern des materiai- und höchst kennt- 
nisreichen Kataloges der Ausstellung uBarockpia- 
stik in Norddeutschiandrß das bisher Bekannte zu 
vielen Werken Lückes zusammengefaßt und, der 
Forschung neue Aspekte gebend, ergänzt. Seit eini- 
ger Zeit ist J.C.L. Lücke auch Thema einer Disser- 
tation-"r. 
Hier sollen einige unbekannte oder unbeachtet 
bzw. unerkannt gebliebene Werke J.C.L. Lückes 
vorgestellt werden, an die sich weitere Fragen zur 
künstlerischen Herkunft und Wirkung sowie zur 
Stellung Lückes im Bereich verschiedener 
Porzeilan- und Fayencemanufakturen ergeben, an 
denen er tätig war oder in Verbindung gewesen 
sein könnte - Meißen, Wien. Kopenhagen, Für- 
stenberg, Berlin und Höchst. Es sei nicht ver- 
schwiegen, daß der Verfasser weder in Dresden 
noch anderswo die nötigen Archivstudien betreiben 
konnte, noch sich in allen Grenzbereichen zwi- 
schen Skulptur und Kunstgewerbe vorbehaltlos zu- 
ständig fühlt. 
Um vielleicht doch noch für den Catalogue raison- 
ne der nachmittelalteriichen Elfenbeinbildwerke 
der Berliner Skulpturengalerie, der nicht weniger 
als acht Werke der Familie Lücke enthält, weitere 
Deutungsvorschläge hinsichtlich der ikonographie 
zu erhalten, werden an dieser Stelle zuerst die bel- 
den reizvolien Büsten einer jungen Frau mit Häub 
chen (Abb. 2, 3) und eines grimassierenden Mannes 
mit Schlapphut (Abb. 1) vorgestellt, die 1973 aus 
Londonß für Berlin gleichsam zurückerworben wer- 
den konnten - sie waren bis 1927 in der Sammlung 
des den Berliner Museen so eng verbundenen Ja- 
mes SimonY. 
Beide Büsten aus gelbilchem, stellenweise stark 
gemasertem und bisweilen fast bräuniich-opak ge- 
wordenem und stark gegllbtem Elfenbein sind auf 
älteren profiliert gedrechseiten Holzsockeln und 
sodann auf einer neueren Elfenbeinpiatte montiert 
und offensichtlich nach Größe, Haltung und Aus- 
druck inhaltlich bestimmte Gegenstücke! Die Dar- 
stellung der jungen, leicht lächelnden Frau mit dem 
im Nacken mittels einer Schleife zusammengezo- 
genen gestickten Häubchen über dem in Flingein 
gelockten Haar, deren tiefer spitzer Ausschnitt und 
wenig zarte Gesichtszüge unter der groben, fast 
kantigen Stirn eher einen voikstümlich-bürgerli- 
chen Typus bezeichnen, nimmt in der Kopfweh- 
dung und -neigung Bezug auf den Mann zu ihrer 
Linken. Dessen mit drei runden Knöpfen versehe- 
ner Rock mit locker aufgeschlagenem Kragen gibt 
das ebenfalls leger geöffnete, mit kurzem Stegband 
versehene Hemd frei und wird über der rechten 
Schulter von einer Manteidrapierung bedeckt. Die- 
se rechte Schulter ist auffallend hochgezogen. Zu 
ihr wendet sich das Gesicht, zu einer häßiichen 
Grimasse verzogen. Die rechte Wange ist voller 
Falten, die Unterlippe vorgeschoben, die zusam- 
mengekrümmte Nase und das Kinn zieren kugeli- 
ge Warzen. Das linke Auge ist zusammengeknif- 
fen, der stechende Blick geht unter der zusam- 
mengezogenen rechten _Braue hervor auf das Ge- 
genüber. Unordentlich-strähnige Haare auf Stirn, 
Schlafe und Schultern deckt ein vorn an der brei- 
ten Krempe gespaltener Schlapphut, dessen Band 
hinten eine Schleife hat. - 
Nach der auf der Rückseite der Frauenbüste ein- 
geritzten Signatur nC L (iigiert) Lückrt (Abb. 3) darf 
man wohl für beide Stücke Johann Christoph Lud- 
wig Lücke als Verfertiger annehmen, wobei sich 
ähnliche Ligatur und Kombination mit den Buch- 
stabenformen des Nachnamens bei zahlreichen 
Arbeiten Lückes bis gegen 1750 finden, so u.a. bei 
den Biidnisreliefs Augusts lll. von Sachsen und 
Polen", den noch zu nennenden Reliefs eines Jo- 
hannes bzw. einer Diana im Grünen Gewölbe zu 
Dresden sowie den Bildnisbüsten des Johann 
Heinrich Dimpfei von 1747", des David Doormann 
in Hamburg" und an den Terracotten einer 
Frauenbüste von 1732 in Braunschweig" (Abb. 9) 
und des 1729 entstandenen Poitrone in Hamburg 
(Abb. 10)". Schon diese Form der Signatur deutet 
auf eine Entstehung in jedem Fall vor 1750151, vor 
Lückes Aufenthalt in Wien, da er seither öfter auf 
Eifenbeinarbeiten wie auf Porzellan uvonu oder 
w. Lücken signiert und so auch Briefe, z. B. am 
18. November 1751 von Hamburg nach Fürsten- 
berg, unterschreibt (s. Anm. 232). 
Mit größter Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei 
beiden Büsten nicht um Porträtdarstellungen im 
Sinne der Wiedergabe eines individuellen Charak- 
ters, vergleicht man z.B. außer den bekannten, 
z.T. in Hamburg 1977 ausgestellten Biidnissen," 
darunter das großzügig frisch in bemaitem Ton 
modellierte König Friedrichs V. von Dänemark 
(1723-1766), das vielleicht 1754 entstand, auch 
das frühe, höfisch-konventionelle des Grafen 
Heinrich von Brühl (1705-1780) von etwa 1738, 
ehemals in Berlin, und das Selbstbildnis Lückes in 
seiner Werkstatt von 1733 (Abb. 6), dessen Mate- 
rialangaben zwischen z. T. vergoldeter Terracotta, 
Gips und Pech und braun gefirnißtem Stuck 
schwanken und das leider immer noch verschol- 
len ist." Weiterhin sei für den Portratvergleich auf 
die bei aller merkwürdigen Trockenheit doch ein- 
dringliche Büste der Zarin Anna Johannowa in Le- 
ningrad (Abb. 5)" oder auf die erst vor kurzem in 
London fälschlicherweise als Bildnis Friedrichs ii. 
von Preußen, des Großen, versteigerte schmale 
Büste eines Herrn mit Dreispitz und Stern des 
Schwarzen Adierordens verwiesen (Abb. 7)". - 
Alle diese Bildnisse lassen in allerdings unter- 
schiedlicher Schärfe und Individualisierung J. C. L. 
Lückes bemüht exakte Sicht, seine bisweilen 
leicht ironisierende, aber stets wohl zutreffende 
Wiedergabe von Physiognomie und Charakter der 
Dargestellten erkennen, so daß Standeszeichen 
und sonst wichtige Attribute - wie z. B. Krone 
und Orden der Zarin, der Dreispitz des Fürsten (?) 
- bisweilen einen fast lächerlich wirkenden Stei- 
ienwert haben können, andererseits aber - z. B. 
durch Mütze, Werkzeug, Skulpturen auf dem 
Selbstbildnis von 1733 (Abb. 6) - sehr wohl die 
Person und Persönlichkeit in ihrem gesellschaftli- 
chen wie menschlichen Standort mit bestimmen. 
- Da auch das Original der hier erstmals veröf- 
fentlichten, nur 9,7 cm hohen, aber großformig 
wirkenden Elfenbeinbüste eines vielleicht gut vier- 
zigjährigen Mannes im offenen Hemd und mit kur- 
zem Haar (Abb. 4) verschollen ist," bleibt der Ver- 
gleich mit dem Selbstbildnis als etwa Dreißigjähri- 
ger (Abb. 6) erschwert und somit auch die Vermu- 
tung unbewiesen, es handle sich hier auch um ein 
Selbstbildnis des Künstlers, wofür nicht zuletzt 
die etwas süffisant seibstbewußten Züge um 
Mund und Augen, das lose herabhängende Band 
des Hemdkragens sprächen. 
Gerade im Vergleich zu diesen eben genannten 
Bildnissen - das Porträt der Zarin sicher nach 
1734, dem Entstehungsjahr von J.C. Hedlingers 
Medaille, die sie als Vorbild benutzt, entstanden, 
wahrscheinlich sogar erst posthum um 1742, als 
Lücke in Schwerin weilte bzw. - von dort? - 
nach Petersburg gekommen sein könnte, das Bild- 
nls des Herrn mit Dreispitz dem Stil nach auch in 
den 1740er Jahren - möchte man bei dem Dop- 
pelblldnis des Kurfürsten August ll. von Sachsen 
und der Christiane Eberhardine von Brandenburg 
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