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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXVI (1981 / Heft 174 und 175)

lichlß 
Eines der wenigen festen Daten im Werk Lückes, 
vor allem in der Skulptur großen Formats, haben 
die lebendig-reizvollen, in der Oberfläche wie in ih- 
ren Bewegungsmotiven sehr differenziert behan- 
delten, ca. 101-105 cm hohen Sandsteinfiguren 
der vier Jahreszeiten als Putten, die - heute im 
Staatlichen Museum Schwerin - ehemals vor 
dem Teepavilion im Burggarten Tür und Treppe 
flankierten (Abb. 34, 35, 36V". J.C. L. Lücke hatte 
offenbar nach den seit 1742 geführten, am Ende 
gescheiterten Verhandlungen auch noch weitere 
Figuren für den Herzog von Mecklenburg-Schwe- 
rin (nach Boitzenburg in den Park) liefern sollen, 
an deren Steile in Schwerin dann später 16 Sta- 
tuen der Permoser-Werkstatt von vor 1700l1720 
aus Hamburg traten, die dort bis 1754 den Behr- 
mannschen Garten geschmückt hatten)" - Für 
Lücke sind typisch die in ihrem Stand, ihrer Hal- 
tung keineswegs exaitierten, sondern ruhig, fast 
behäbig posierenden Kinderfiguren, deren Phy- 
siognomien äitiich-erwachsen wirken, deren mimi- 
scher Ausdruck zwischen dem Ernst und der Be- 
deutungshaftigkeit allegorischer Aussage und zu- 
gleich ironisierender Distanzierung angesiedelt 
erscheint. Dazu gehören die auch technisch vor- 
zügliche Behandlung und Kennzeichnungvon strah- 
nig-dünnem Haar und verschiedenartiger Kostüm- 
teile, die Liebe zum Detail, z. B. bei den Attributen 
des Sommers (Abb. 35) das Lamm, Sichel und Äh- 
renbüschel, Bänder, Blüten und Schleifen, der 
kecke "Dreispitzu oder beim Frühling (Abb. 34) das 
zarte Muster des Mieders, die auf der Rückseite 
mit einer Schleife gebundene blütengeschmückte 
Haube, die an das elfenbeinerne Kinderprofil den- 
ken iaßt (Abb. 14). Für diese Schweriner Statuen 
wie für die sicher späteren Jersbecker Putten, de- 
ren exakte Prototypen anderer Art zu sein schei- 
nen, sei hier auf Balthasar Permosers steinerne 
Wiederauer Putten von 1724m und Johannes Chri- 
stian Kirchners allegorische Puttenserien in Joa- 
chimstein von 1721 -32 verwiesen - etwa die 
Gruppe der r-Zeit, die die Wahrheit enthüllt-r oder 
die Allegorie auf den Tag (Abb. 37V" -, die zuge- 
gebenermaßen noch barocker wirken und noch 
nicht den ausgesprochen bürgerlich-biederen, da- 
bei aber auch fast sich selber persiflierenden Cha- 
rakter haben wie diese Schöpfungen J.C.L. 
Lückes, die Schweriner Jahreszeiten. 
In welchem Maße neben Balthasar Permoser, des- 
sen expressiv bewegte, oft das kleine Format be- 
vorzugende Darstellungen - z. B. eine erst kürz- 
lich erworbene allegorische Puttenfigur aus ge- 
flecktem Marmor in der Dresdner Skulpturen- 
sammlungm - Lücke im Formaten beruhigte, im 
inhaltlichen, z. B. im Bereich der komplizierten Ai- 
legorie des Spätbarock, im Sinne der Aufklärung 
eher vereinfachend und leichter einsehbar abwan- 
delte, vor allem dessen Mitarbeiter und Nachfol- 
ger am Dresdner Zwinger u.a. w. - Joachim 
Kretzschmar (Abb. 11), Matthäus Oberschall, Ben- 
jamin Thomae, Paul Heermann und Paul Egell für 
J.C.L. Lücke von Wichtigkeit waren, wäre in einer 
gesonderten Abhandlung zu untersuchen. Allen 
ist mehr oder weniger deutlich eine ausgespro- 
chen virtuose Behandlung naturgetreuer Details 
bei ihren Figuren, den Kostümen wie Attributen zu 
eigen, allen die Doppeltätigkeit im Bereich der 
Groß- und Kleinplastik. So sei u.v.a. für Johann 
Benjamin Thomae (1682-1751) und seinen Kreis 
auf die -- dem Zeitgeschmack entsprechenden - 
Kostümfiguren des ehemaligen Türkischen Gar- 
38 
Gärtner am Stadtpavillon des Dresdner Zwingers 
von 1718I19 verwiesenf" dem noch ganz die 
individuell-menschliche, aber auch andeutungs- 
weise geistreich-witzige Interpretation, wie sie 
Lücke hat, fehlt. - Paul Heermanns (1673 bis 
1732) großenteils gedrungener proportionierte, 
schwerfäliiger bewegte und in einer besonderen 
Weise an antiker wie französischer Kunst orien- 
tierte Figuren - er war auch Restaurator! - 
scheinen, sieht man von den möglicherweise von 
37 Johann Christian Kirchner, Allegorie des Tages. Stein. 
1721132. Joachimstein, Schioß 
 
Anmerkungen 124 - 142 
l" s. Asche, Boettgarsteinzeug (Anm. 31), Abb. 2a e 30. - Dersel- 
be, Zwinger (Anm. 120), Abb. 176-1110. 
'15 S. Asche, Zwinger (Anm. 120), Abb. 310. Zu den Putten Kirch- 
ners vgl. Anm. 125. 
'" lnv. Nr. 231 (Frühling), 232 (Herbst). 233 (Sommer). Der Winter 
iehit. Für die Abblldungserlanbrils danke ich Dr. H. StILltZ, 
Schwerin. - Gerd Dettmanri: Permoser-Skulpturen. inC 
Kunstchronik 5B, NF XXXIV, Nr. 8, 1922, S. 148-150. - Eine 
Abb. aller vier Figuren bei Werner Burmoister: Mecklenburg. 
Deutsche Lande, Deutsche Kunst. Berlin 1926, S. 47, 63, 
Abb. 124. 
"i Sigrried Asche: Balthasar Permoser, Leben und Werk. Berlin 
1978, S. 1571., Nr. W. 37. 
'" S. Asche, Permoser (Anm. 127), Abb. 285-289. 
'" S. Asche, Zwinger (Anm. 120), Abb. 202-213, bes. Abb. 203, 
209 (Der Tag, H. 120 cm). s. 32a. 
m Ausführliche Publikation durch M. Raunschßssel steht bevor. 
S. Ausst. Kit. 1700 - tal Fanke och rorm i rokokon, Nil. Mus. 
Stockholm 1980, S. 2098, Kat. Nr. 611, Abb. - Ob nicht gerade 
im Vergleich mit dieser Permoserschen Figur der Fulto als AI- 
legorie des Winters aus geflecktem Marmor von nur 15 cm Ho- 
he, ehem. in der Stadtblbliothek Leipzig, heute im Museum der 
Bildenden Künste (lnv. N1. 250), von J.C. L. Lücke sein kann? 
Ernst Micrialskl: Balthasar Permoser. Frankfurt a. M. 1927, 
S. 21, Abb. 96. - S. Asche, Zwinger (Anm. 120), S. 307, Nr. 2c) 
als Paul Heermann. 
"' S. Asche, Zwinger (Anm. 120), Abb. 136-138. 
"l S. Asche, Zwinger (Anm. 120), Abb. 1441. 
"' S. Asche, Zwinger (Anm. 120), Abb. 266. 
"' Vgl. Anm. 94 und J. Fiasmussen (Anm. 4), unter Kat. Nr. 205. - 
St. Bursche (Arlm, 29), S. 55, Kai. N1. 27, Abb. S. 56. 
'" S. Asche, Zwinger (Anm. 120), Abb. 258. 
"t S. Asche, Zwinger (Arlm. 120), Abb. 186i. 
i" s. Asche, Zwinger (Anm. 120), Abb. 19a - 201. 
'"a H. Rückert: Der Hotnarr Joseph Frbhllch I. in: Kunst und Antl- 
quitäten W80, S. 4211., Abb. 1 i. 
"' S. Asche, Zwinger (Anm. 120), Abb. 214. 
'" S. Asche, Zwinger (Anm. 120), Abb. 223. 
"v Das Gesicht des Schweriner Frühlings, seine Behandlung der 
Tracht unmittelbar vergleichbar. s. Asche, Zwinger (Anm. 120). 
Abb. 23Df. 
i" Es war rnir nicht mogllch, die Stellung der zwei Obsrlebensgro- 
Ben Sendsteinllguran der nLisbeu und einer Hebe (Y) im Park 
des Schlosses Groba bei Riese Zu überprüfen, die - um 
1720i30 im Permoser-Kreis entstanden - Lücke verwandt 
scheinen. (Jornelills Gurlitt: Kunstdenkmaler des Königreiches 
Sachsen XXXVll, 1919, S. 74, Abb. 1241. 
'" C. Gurlitt (Anm. 141), S. 75, 7711., Abb. 107, 112, 114. 
Lücke mocnte man noch i-raui cgeiis (i 
1752) "Spielende Nymphen von 1718119 a 
ger nennenm, die in besonderer Weise Pe 
Stil individualisiert abwandelt. Und Joha 
stian Kirchners Büsten des Oberlandbaui 
J.F. Karcher und seiner Frau von 
Leubnitzmi z.B. oder seine vier großen Al 
in der Sala Terrena des Schlosses zu J 
stein von 1721l22m wie die dortigen zah 
Puttendarstellungen scheinen nun in ihre 
ternen Realismus, in ihrem scharfkantigei 
stil, der liebevollen, aber trocken wirken 
dung aller Details unmittelbare Vorausse 
für J.C.L. Lückes Bildniskunst, seine 
schen Darstellungen, für Werke wie das l. 
Relief von 1728 z. B. zu sein, wobei allerd 
letzte heroische Zug und der kühle Kias: 
Kirchnerscher Figuren fast verschwindet. 
legorische Büste wie die der wEuropaw ( 
bezeugt das. Lückes Auffassung vergleii 
ihm früher sogar selber zugeschrieben, il 
lem Gottlieb Kirchners um 1730 entstand 
ße Meißner Porzellanbüste des Gottfried 
del in der Dresdener Porzeilansamm 
Kirchners Piqueur aus einer ganzen Reihe 
und zahlreiche Putten als Handwerker u.ä 
Terrasse am Schioß Moritzburg von etwa 
seien stellvertretend für die Vorbilder im 
des Themas Genrefigur genannt, die i 
Lückes Straßenhändler (Abb. 16) im klei 
mat und vor der Porzellanplastik das t 
rocker Kleinplastik bedeutet, denn Gru; 
z. B. die von "Zeit und Kunstu (Abb. 12) s 
lich ein - allerdings verfeinertes - De 
ähnlichen Kompositionen im Großen, e 
J.C. Kirchners mythologischen Gruppen. 
und Sentiment besonders nahe und Lüc 
fassung dem Typ nach eng verwandt sii 
ners Allegorien der Freigebigkeit und del 
von 17301" am Kronentor des Dresdner 2 
Solange jedoch kein für J.C.L. Lücke ge: 
Steinbildwerk oder überhaupt eine Figur 
großen Formats aus der Zeit vor 1733, s 
sten Bewerbung als Hofbiidhauer in Dr 
der Nachfolge Balthasar Permosers, 
ist,'" wo er ja in Meißen 1728 auch Fertig 
Können in diesen Bereichen zu haben als 
setzung angab, müssen wir weiterhin an 
daß Lücke bis dahin wirklich fast nur in 
Format, in Elfenbein, Ton, Stein, in seine 
len Wachs-Gips- oder Stucktechnik Aner 
wertes leistete, was die Werke seit 1726l2 
Die Schweriner Putten von 1742, sind sie 
nur eine Umsetzung kieinformatiger Koi 
nen ins Große? Oder haben so ähnlic 
Lückes erste Modelle für Meißen 1728l29 
hen, die nicht ausgeführt, akzeptiert wu 
in Ton, nicht aus Holz gewesen sein müß 
wäre es um so wünschenswerter, wenn l 
als es die hypothetisch Lücke zugewies 
iiefs (Abb. 27, 28) zeigen, über seine Täti 
Holzschnitzer wüßten, als der er z. B. die 
tung der Pfarrkirche in Gröba bei Ries: 
1734"? übernommen haben soll. Wenige 
zwei Putten geschmückte Kanzelaltar Ui'lt 
Ende des 19. Jahrhunderts als Geschei 
Kirche gekommene Putto als Träger de 
sches als die vorzügliche Akanthusverzie 
nördlichen Logenprospekts in weiß gesti 
Holz bezeugen eine qualitatsvolle Techni 
können u.a. mit dem Ornament des Bu 
Pokals (Abb. 24) verglichen werden. Te
	        

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