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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXVI (1981 / Heft 174 und 175)

iich. Nach Salen haben große Augen ebenso wie 
ein großer Kopf teils gute, teils schlechte Bedeu- 
tung: sind sie bei ihrer Größe wohlgeformt und 
ausdrucksvoll, so kann man auf reichliche und gu- 
te Zusammensetzung des zugrunde liegenden 
Stoffes schließen. Der Hirsch hat große, schöne 
Augen und ist ein kluges Tier. Sokrates hatte nach 
Polemon" große, erhabene, leuchtende Augen, 
die, wie Plato im Theaetet erzählt, etwas vorstan- 
den; er war gerecht, klug, eifrig und liebevoll; Apol- 
lo nannte ihn den weisesten Menschennt" 
Es folgen weitere Aufzählungen historischer Per- 
sönlichkeiten, die ebendiese Augen aufwiesen. 
Della Porta ist bemüht, durch das Hinweisen auf 
antike Texte, aber auch durch charaktermäßig be- 
kannte Persönlichkeiten der Geschichte seine Er- 
kenntnisse zu belegen. Wenn nun im ausgehen- 
den 17. Jahrhundert Charles Le Brun" darangeht, 
An 
 
nach einer rein naturwissenschaftlichen Methode 
der Pathcgnomik gerecht zu werden, entsteht der 
Unterschied nicht allein durch Methodikv, son- 
dern auch in der Absicht: Dieses Standardwerk 
der pathognomischen Studie ist der Traktat mit 
dem Titel wSur Vexpression generaie et particu- 
liers des Passionstt, als Vortrag 1667 gehalten und 
vor allem für Künstler gedacht, wodurch er sich 
rein grundsätzlich von della Porta unterscheidet. 
Le Brun versucht in dieser Studie an der französi- 
schen Akademie, die Entwicklung der Seelenre- 
gungen und ihren Ausdruck im Gesicht des Men- 
schen zu analysieren. Er stellt die Frage, wie eine 
solche Empfindung zustande kommt und von wel- 
chen Organen im menschlichen Körper sie ihren 
Ausgang nimmt. Bestimmte Gesichtsleile hält er 
für besonders wichtig: so weist er den Augenbrau- 
en eminente Bedeutung zu. An ihnen sei das Ge- 
fühl ablesbar, er hält sie sogar für ausdrucksstar- 
ker als die Augen. Um die Absicht Le Bruns zu er- 
klären, sind die einleitenden Worte des Herausge- 
bers der Ausgabe von Verona 1751 sehr geeignet: 
"Da die Kenntnis des Menschen notwendigerwei- 
se die Kenntnis seiner Leidenschaften voraus- 
setzt, die die Bewegung des Herzens und die 
Handlungsweise beinhalten, widmet man sich 
dem Studium der Natur und der Auswirkungen die- 
ser Leidenschaften. Die Philosophen beschäftig- 
ten sich mit diesem Thema, um zu lernen, die Lei- 
denschaften als bloße Vernunft darzulegen, und 
ken, darüber eine besondere Studie mit Rücksicht 
auf die Malerei, die all jene Bewegungen aus- 
drücken muß, die sich äußerlich offenbaren, zu 
verfassen. Herr Le Brun, bekannt durch seine aus- 
gezeichneten Arbeiten, erklärte sich bereit, eine 
Studie mit Rücksicht auf die Kunst zu verfassen, 
welche, obwohl sie nur aus einfachen Strichen zu- 
sammengesetzt war, nichtsdestoweniger die Man- 
nigfaltigkeit dieser Gefühlsbewegungen zum Aus- 
druck bringen mußtem" 
Da Le Brun hauptsächlich der Stellung der Augen- 
braue seine Aufmerksamkeit schenkt und vor al- 
lem aus ihnen das gerade vorherrschende Gefühl 
deutet, sollen die entsprechenden Textstellen zi- 
tiert werden: "Die Ehrfurcht - aber wenn sich 
vom Glauben die Ehrfurcht entwickelt, werden die 
Brauen in ebenderselben Lage gesenkt wie eben 
erwähnt, und das Gesicht ist genauso geneigt, 
A 
A. 
aber die Lider erscheinen höher erhoben unter den 
Brauen, der Mund wird halb geöffnet, die Mund- 
winkel hinuntergezogen, aber ein wenig mehr hin- 
untergezogen als bei vorhergehender Tat. Dieses 
Senken der Brauen und Mundwinkel gibt die Un- 
terwürfigkeit und die Achtung an, welche die See- 
le für ein Subjekt hat, von dem es glaubt, es sei 
über ihm. Das hochgezogene Augenlid scheint die 
Erhebung zu dem Objekt zu bezeichnen, das er 
achtet und das er als verehrenswürdig aner- 
kenntß" (Abb. 12) 
Die Ehrfurcht findet sich auch noch in zwei weite- 
ren Variationen, die zeichnerisch genauer ausge- 
führt sind. Die gesteigerte Ehrfurcht zeigt, daß ein 
gesteigertes Gefühl oft in eine andere Haltung 
umschlägt: Niederschlagen der Augen, Neigung 
des Kopfes. Dazu Le Brun: "Aber wenn die Vereh- 
rung für ein Objekt verursacht wird, für das man 
Glaube empfindet, sind alle Teile des Gesichts 
viel mehr als in der ersten Stellung gesenkt, die 
Augen und der Mund sind geschlossen, das zeigt, 
daß in dieser Situation die äußerlichen Sinne kei- 
nen Anteil daran habenß" (Abb. 13 und 14) 
Anders als die Musterbücher der Malerei, die zu- 
meist mit nur spärlichem Text - wenn überhaupt 
- versehen sind, die als Beispiele für Werkstätten 
und deren noch ungeübte Künstler anzusprechen 
sind oder aber als Vorlagewerk und lnspirations- 
quelle dienen, sind die theoretisch naturwissen- 
schaftlich ausgerichteten Werke der Physio- 
 
problem, das im 17. Jahrhundert erstm 
größter Durchschlagskraft auftritt, erford 
Künstler nicht nur die Kenntnis - etwa de 
graphie - der darzustellenden Personen,: 
auch ein zielbewußtes Einsetzen eines 
sprechenden Gesichtsausdruckes. 
Die ideale Verbindung zwischen Natur 
schafter und ausübenden Künstler reprä 
Le Brun. Wenn auch seine Ansichten der 
nen Gesichtspunkten der Psychologie ur 
zin zuwiderlaufen mögen, so steht doch hi 
nem Bemühen die Absicht, die Kunst aus 
fälligkeit ihres Daseins zu einem Bewuß 
ihrer Methode zu führen. 
Ein Höhepunkt der Physiognomik wird mit 
Kaspar Lavater gegen Ende des 18. Jahrr 
erreicht." Er versuchte, sie in den Flar 
ernsthaft betriebenen Wissenschaft zu ht 
Die Pathognomik findet ihre Manifestatio 
Charakterköpfen Franz Xaver Messerschn 
ne psychologische Studie zu eben dieser 
renreihe wurde von Ernst Kris unternomn 
von der krankhaften Veranlagung des K 
ausgehend, eine Deutung der Werke verst 
bei wird eine allgemeine Entwicklung der 
gnomik vorgestellt, die auch die Grundlagt 
sen Aufsatz gebildet hat." 
Wenn man nun die Gegenwart heranzieht 
Fortwirken in der Kunst aufzuzeigen, bie 
zwei Künstler im heimischen Bereich an? 
So hat Arnulf Rainer bei der Übermalun 
wface farcesu auch auf Vorlagen nach 
schmidt gegriffen (Abb. 15). Florentina 
hat in einer Ausstellung in Graz 1977 Radi 
zu den Köpfen Messerschmidts geschal 
schließend sei ihre Aussage zur Physiogr 
tiert: "Nach eigener Erfahrung, die ich 
Gebiet der Physiognomik gemacht habe, 
te ich alle Theorien, die einen Zusammenl 
Gesichtsproportionen und des Charakter 
wollen, mit großer Skepsis, denn absichl 
gefaßte Meinungen, Vorurteile und Verlt 
gen sind dabei nur zu oft ausschlaggeber 
gen sehe sich einen Zusammenhang z 
dem psychischen Zustand und der bew 
Gesichtsmuskulatum (...) "Man kann at 
übersehen, daß ein Leben mit vorgetäuscl 
sichtsausdruck zur Verstellung auf alle l 
Unpersönlichkeit führt. Das eigentliche lt 
verborgen, man will nicht erkannt wert 
Freiheit, sich erkennen zu lassen, wird al 
Stücken hinter selbstgewahlte Schranke: 
sen (Abb. 16). Tatsächlich ist es so, daß 
unter Unfreiheit am meisten leiden. Selb: 
se sind dann vielleicht ein Ventil für je 
sprache, die nur zwischen im Geiste Ver 
möglich iStxi" 
15 Arnulf Rainer, Furchenprcfil. Uberzeichnung 
Messerschmidt, "Der Verdrießlichett 
16 Florentina Pakosta, Selbstbildnis hinter D 
Radierung 
Anmerkungen 1B - 28 
" Antonius Polerrlon, geb, B5 n. Chr., Verfasser einer i 
erhaltenen Physiognomik. 
w WIE Anmk. 1, 13.237. 
3" Charles Le Brun, geb. 1519 - gesl.1690. 
2' Er geht von Descartes aus. Dieser strebte eine 
menschlichen Gefühle an. Vorlesung von Univ-Prc 
Einführung in die Philosophie der Gegenwart, Win 
1979180. 
" Charles Le Brun, Sur Vexpression generale et part 
passions,Verena1751,p.XVllll. 
13 ders. a.a.0., p. 45 
1' ders. a.a.0., n. A7 
1' Jorl. Kaspar Lavater, geb. 1741 - gest.1801,Physii 
Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntni 
schenliebe, 1775. 
1' Franz Xaver Messerschmidt, geb. 1736 7 gest 17E 
Ernst Kris, Die Charakterköple des Franz Xaver Mes 
Versuch einer historischen und psychologischen I 
Jahrbuch der Kunsthistortschen Sammlung in Wiel
	        

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