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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXVI (1981 / Heft 174 und 175)

und in der Malerei wird auch eine nächste Phase 
sichtbar: Matisse und Rouault sind bereits am 
Werk. ihnen folgen dann die ganz Jungen: Duffy, 
Picasso, Braque. Der Mann, der durch die innere 
Welt die äußere beseitigt und für die Malerei den 
Schritt tut, den Proust für die Literatur getan hat, 
dann aber weitergeht und, Cezannes einsamen 
Gedankengang fortsetzend, die absolute Autono- 
mie des gemalten Obiekts über die subjektive Ra- 
tio verwirklicht, ist fünf Jahre älter als Proust: 
Wassiiy Kandinsky. 
Nach Proust existiert der realistische Roman frei- 
iich weiter - denn nichts, das einmal zutage ge- 
treten ist, geht endgültig verloren -, aber die Me- 
thode kann nicht mehr weitergeführt werden; 
Joyce, Musil, Dos Passos erarbeiten indessen ge- 
iiale Analogien. Von der Betrachtung führt der 
Neg zum Röntgenbiid und dann weiter zum Mikro- 
iKOp, aber der nun erspahte Mikrokosmos ist für 
Jnser Fühlen mit der ursprünglichen Wahrneh- 
nung des betrachteten Bildes nicht mehr iden- 
isch. Zur gleichen Zeit ist durch die Entwicklung 
1er Psychologie eine wichtige Funktion des reali- 
stischen Romans, die Darstellung seelischer Pro- 
zesse, ohnehin fragwürdig geworden. Durch die 
Fotografie hat zur gleichen Zeit das Porträt einen 
i'eil seiner sozialen Existenzberechtigung verlo- 
en. Das neue natunrvissenschaftliche Weltbild 
iat die herkömmlichen Vorstellungen von Zeit, 
äaum, Materie und Energie in Frage gestellt. 
Ior diesem gewaltigen Umschwung versuchte 
nan aber, wie uns Meyers Konversationslexikon 
l89O belehrt, Kultur mit "Entwicklung und Verede- 
ung des geistigen Lebens der Menschen-i zu defi- 
iieren, im Vertrauen darauf, daß Kultur machbar 
sei, wie sich das auch im Begriff Volksbildung wi- 
ierspiegelt. Auf der einen Seite das ungebildete 
Iolk, auf der anderen der Gebildete, der den Un- 
wissenden das Wissen übermittelt. DaB die Un- 
vissenden nicht weniger wissen als die Wissen- 
len, bloß besitzen sie eine andere Art von Wissen: 
liese Behauptung wäre für manche Volksbildner 
rnannehmbar gewesen. Sie hielten und halten es 
ür richtig, Bildung und Kultur zu vermischen, ja, 
(ultur durch Bildung nicht nur zu ergänzen, son- 
lern auch zu ersetzen, in der Annahme, informa- 
ion biete mehr als die Fähigkeit, sich durch die ei- 
jenen Ahnungen, Erfahrungen, Träume und Glau- 
iensinhalte im Leben zu orientieren. 
)ie Gründe dafür, daß sich auf verschiedenen Ge- 
nieten der Naturwissenschaft und der Kunst in et- 
va den ersten Jahren unseres Jahrhunderts ana- 
oge Vorgänge abgespielt haben, daß die Erneue- 
ung des Zeit- und Fiaumbegriffes in der Physik 
nit dem gleichen Prozeß in der Literatur und der 
iildenden Kunst gleichsam Hand in Hand ging, 
vahrend die Forschungen Sigmund Freuds und 
1G. Jungs auch noch den seelischen Bereich 
auch in bezug auf ihre archetypische, also eben- 
alls zeitsprengende Tiefe) befreien konnten, kon- 
nen nicht Gegenstand dieser Ausführungen sein. 
fiel zu komplex, in gewissem Sinne viel zu ge- 
ieimnisvoll ist der Vorgang, viel zu überraschend 
ind wunderlich die Koinzidenz - wie konnten wir 
I5 wagen, ihre Ursachen in wenigen Worten skiz- 
ieren zu wollen?! Auffallend allerdings ist die 
äleichzeitigkeit zwischen dem Zusammenbruch 
ler in ihrem Selbstverständnis sakralen Hierar- 
:hien der heiligen Kaiserreiche mit dem Zusam- 
nenbruch jenes Weltbildes in Wissenschaft und 
iunst, das wir, vereinfachend, extrem materiali- 
tisch, mechanisch und alles in allem positivi- 
tisch bezeichnen dürfen. Es scheint so, als wä- 
en Wissenschaft und Kunst während ihres Auf- 
uhrs gegen das Herkömmliche mit dem Sakralen, 
lessen weltliche Macht erlosch, in Berührung ge- 
ommen und wären durch diese Berührung von ei- 
ner neuen Spiritualltät durchflutet worden. Das 
Entstehen neuer Weltreiche materialistischer Gei- 
steshaltung in Ost und West widerspricht dieser 
Hypothese nicht: sie sind Konsequenzen von Er- 
eignissen, die sich auf dem Gebiet des Geistes 
viele Jahrzehnte zuvor, vorwiegend im 18. Jahr- 
hundert, abgespielt haben. Über das Primat des 
Geistigen notierte 1837 Heinrich Heine: ßLächelt 
nicht über meinen Rat, den Rat eines Träumers, 
der Euch vor Kantianern, Fichteanern und Natur- 
philosophen warnt. Lächeit nicht über den Phan- 
tasten, der im Reiche der Erscheinungen dieselbe 
Revolution erwartet, die im Gebiete des Geistes 
stattgefunden. Der Gedanke geht der Tat voraus 
wie der Blitz dem Donner..- 
Versuchen wir nun, unseren Standort zu klären. 
Nicht den weltanschaulichen,sondern den histori- 
schen. Es ist nicht leicht, diesen Standort zu be- 
stimmen. Hier einige Daten: 
1. Zur politischen Historie. Nach der Beseitigung 
der sakralen Hierarchie durch aufkeimende indu- 
striegeseilschaft, Technik und deklarierten indivi- 
dualismus als Tarnung der Entindividuailsierung 
durch Vermassung ergreifen in Europa zum Teil 
ethisch bewußte, zum Teil kriminelle Klüngei die 
einander. Diese Tradition ist allgegenwärtig und 
bestimmt weitgehend auch die Natur der Rebellio- 
nen gegen die Tradition (Terrorismus, extremer 
Merkantilismus usw.). 
a) Das jüdisch-christliche Weltbild als Vermittler 
auch der älteren Kulturen von Mesopotamien, 
Griechenland und Rom. Hauptmerkmale: Verbin- 
dung zwischen dern vegetativen Nervensystem 
des Menschen und seinem Anspruch auf Ethos 
als Selbstbefreiung und als soziale Konvention; 
Entwicklungsbegriff, da die Zeit vom Schöpfungs- 
akt zum Erscheinen des Erlösers beziehungswei- 
se zum Jüngsten Tag linear verläuft; verborgener 
oder offener Missionarismus. 
b) Das vorchristiiche Weltbild der europäischen 
Völker, besonders resistent in Gebieten, die von 
Rom und vom römischen Katholizismus nicht län- 
gere Zeit beeinflußt worden sind. Hauptmerkmale: 
Vorherrschaft des an-archischen, also von der 
hierarchischen Macht frei bleibenden Freiheitsbe- 
griffes; Primat des Gefühls gegenüber Recht und 
Berechnung; ungeregeltes Verhältnis zwischen in- 
dividuum und Kosmos, also das Ausleben der 
Triebhaftigkeit (auch in Form von Heroismus) als 
ideal. 
 
 
Macht; vor massenhaften Morden schrecken we- 
der Ethiker noch Kriminelle zurück, allerdings voll- 
bringen sie ihre Untaten stets unter moralisch ein- 
wandfreien, manchmal auch unter bloß hero- 
ischen Parolen. Endlich entsteht ein Zustand des 
ideologiefreien Pragmatismus, frei auch von idea- 
lismus und Moral. Die Verbürgerlichung der Arbei- 
ter und Bauern in Ost und West und das Übergrei- 
fen der Vorstellungen des extremen Materialie- 
mus auf viele noch nicht industriaiisierte Länder 
führen zur Energiekrise. Da der Mensch die Nüt- 
zung seiner geistigen Energien verlernt hat und da 
die herrschenden Gruppen nicht bereit sind, das 
Notwendige darzustellen, wenn es nicht populär 
Ist, entsteht jene Konfusion, die letztlich dazu 
drängt, das Notwendige zu tun. Die Zeitdauer der 
Konfusion wird verlängert durch die Angst in Ost 
und West vor dem Aufstand der Massen. Folglich 
werden nicht nur die wirklichen, sondern auch die 
vermeintlichen Bedürfnisse der Massen befrie- 
digt, alierdings durch Einsatz von Mitteln, die von 
diesen Massen nicht oder nur teilweise hervorge- 
bracht worden sind. Folglich verschuldet sich das 
Zeitalter an die Zukunft. Dadurch wird es utopie- 
unfähig. 
2. in den hochentwickelten Industriegesellschaf- 
ten Europas und in ihrem Umkreis leben verschie- 
dene, mit verschiedenen archetypischen Vorstel- 
lungen verwobene Ideen in der Tradition neben- 
c) Menschlicher Pragmatismus. Gleich alt mit den 
beiden skizzierten Weltbildern, ihre Vorausset- 
zung, ihre Antithese, ihr Schatten, ihre Begleiter- 
scheinung. Entwickelt sich zum autochthonen 
ökonomischen Prozeß. Führt zur Massenfabrika- 
tion von Waren und also zur Entfremdung des Pro- 
duzenten von seinem Produkt. Diese Entfremdung 
macht die Ware dem Konsumenten erreichbar. Da 
der Produzent zugleich Konsument ist, heißt das, 
daß die Erreichbarkeit der Ware (durch den Konsu- 
menten) durch die Entfremdung von der Ware 
(durch den Produzenten) bezahlt wird. 
d) Vorübergehender Verfall der Ideologie. Die ge- 
wachsene Mobilität in der Änderung der sozialen 
Stellung, In der Bewegung räumlich und zeitlich, 
das Nebeneinander der Weltbilder als Elemente 
des Unterbewußtseins, aber nicht als Motive der 
herrschenden Hierarchie, die weiterhin wirkende 
Kraft des Pragmatismus (als kürzeste Verbin- 
dungslinie zwischen Lebensinstinkt und Lebens- 
überlistung). Aus dem Verfall der Ideologie er- 
wächst das Bedürfnis nach einem sozusagen pri- 
vaten Heroismus in der Flückbesinnung auf das 
Natürliche. Bewegungen unter der Parole "Zurück 
zur Natur" sind bisher zwei großen Revolutionen 
vorangegangen, was freilich nicht bedeuten soll, 
daß auch die gegenwärtige Naturschwärmerei 
das Vorzeichen einer Revolution sei. In beiden Fäl- 
len sind die Bewegungen aus den saturierten 
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