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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXVI (1981 / Heft 174 und 175)

Walter Weer 
 
Geboren 1941 in Wien, beendete Walter Weer ursprüng- 
lich ein naturwissenschaftliches Studium als Magister 
der Pharmazie auf der Wiener Universität. Erst in den spa- 
ten sechziger Jahren wandte er sich der Malerei zu. Wir 
finden ihn an der Akademie für angewandte Kunst bei 
Professor Wolfgang Hutter. Von der Arbeitsweise seines 
Lehrers scheint freilich nichts in Weers Bilder eingegan- 
gen zu sein. 
Schon sehr früh können wir bei Weers Blättern feststel- 
len, daß es dem Maler nicht allein um die Wiedergabe von 
etwas, das er einmal gesehen hat, geht. Wir können fest- 
stellen, daß den von ihm geschauten Dingen sehr haufig 
bedrückende, gefährliche oder beklemmende Situationen 
inhärent sind. Einige ganz frühe Gouachen zeigen sonder- 
bare, immer wieder eingeschnune Bahnen zu einem Om- 
phalos. Schon bei diesen eher noch recht unklaren und 
wenig einsichtbaren Blättern wird uns eine tiefenpsycho- 
logische Komponente der Weerschen Bilder bewußt. Es 
scheint sich bei diesen Wiedergaben um Abnabelungen 
zu handeln. 
Sehr bald, etwa 1972, sehen wir, daß der Maler das Motiv 
gefunden hat, das ihn nun für Jahre festhalten wird: das 
Wasser! Die Verbindung zu dem vorangegangenen Motiv 
ist frappant. Vorerst sind es allerdings noch Bilder von 
Schwimmern, deren Körper, von halb unten gesehen, vom 
Wasser umgeben, verzittert und verschwommen durch ei- 
nen sehr unbestimmbaren, in seinen Farben unwirklichen 
und grenzenlosen Flaum schweben, wobei sie naturge- 
maß nur etwa von der Brust bis zu den Fußspitzen zu se- 
hen sind. 
Es dauert aber nicht sehr lang, dann sehen wlr allein das 
Wasser als das die Bildfläche beherrschende Element. in- 
teressant, daß selbst in diesen die verschiedenen Licht- 
reflexe, Spiegelungen und Strömungen (Bewegungen) 
festhaltenden Wiedergaben der Mensch nach wie vor auf- 
scheint. Er ist freilich ganz klein geworden, ein Männ- 
chen, das irgendwo an den Rand gedrückt Ist. Wichtig ist 
die Transparenz, die Unfaßbarkeit in des Wortes ganzer 
Bedeutung, das Vielseitige des Elementes. Der Mensch 
ist darin ein Vergessener, ein Verlcrener, ein Schatten 
nur. Auch hier wieder die Beziehung zu tieferen Schich- 
ten! Schon Calderon hat gesungen: iwWas ist Leben? Hoh- 
ler SchaumJEin Gedicht, ein Schatten kaumiu Der 
Mensch im Wasser, im Element des Lebens (Fruchtwas- 
ser!), ein kleiner Schatten! 
im Jahre 1977 werden die Blätter dann kühler, die Farben 
noch verhaltener, oft von einer alles überdeckenden Weiß- 
schicht überzogen. Das Wasser gefriert. Wir leben in ei- 
ner kalten Zeit. Der Mensch, gleichsam um Hilfe rufend, 
die Arme erhoben, versinkt in dieser nur manchmal von 
wirren Rissen überzogenen Eisdecks. Es ist ein System 
ohne Fluchtmüglichkeit. Da und dort bleiben noch Spuren 
der Erstarrung. Sie künden: Hier war einmal Leben. Dane- 
ben beschäftigen Weer aber nun auch rein formale Pro- 
bleme. Die Transparenz des Wassers, bis Jetzt einzig mit 
dem Mittel des Farbauftrages auf einer Flache wiederge- 
geben, genügt ihm nun nicht mehr. Er legt verschieden be- 
arbeitete Lagen von Seidenpapieren übereinander, wobei 
das dünne Material natürlich Wellen bildet und damit 
auch eine Schattenwirkung entsteht. Weer arbeitet auch 
gerne mit Seidenpapier, weil es leicht verletzbar ist, wie 
die Natur leicht verletzbar ist. Die Ränder werden oft will- 
kürlich abgerissen. Alles sieht nach einem sehr persönli- 
chen Ende aus! Das Durchscheinende der Materialien 
laßt die Vorder- und Hintergründigkelt, die Mehrschichtig- 
keit aller Dinge ahnen. 
Ab 1979, wohl auf Grund verschiedener weltpolitischer 
Ereignisse, beginnt Weer das Wasser in einem die ganze 
Erde wie Adern durchpulsenden Zusammenhang zu se- 
hen, Seine Bilder gleichen Flugaufnahmen über großen 
Flußlandschaften. Die Farbe wird Ausdruck der Situation 
menschlicher Unterdrückung, sozialer Ungerechtigkeit 
usw. an den Ufern der großen Wasserlaufe. 
Weers Arbeiten sind im Besitz angesehener öffentlicher 
Sammlungen in Cambridge, Zürich, Venedig und Wien. 
Alois Vogel 
Nertrocknele Wellen, 1979 
-Geflliert lle, 1978 
t-Unier der Oberfläche-w, 1978 
"Zwei Flüsse nach NOfdBVlur, 
1979 
nlnselpapiera, 197a 
i-Durikler Fiußiaufß, 1979 
"Stücklandpapierw, 1980 
t-Grenzlendpapiera, 1950 
Walter Weer 
(Alle Blätter ln Mlschtechnlk, 
sog. Materisibiider, auf Papier, 
1.1. Mehrschichipepier). 
wie-ima- num- 
73
	        

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