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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXVI (1981 / Heft 176)

 
bewegung in Böhmen verursachte eine Diaspora 
der Kulturträger in die angrenzenden Gebiete des 
süddeutschen und österreichischen Raumes. Die 
Zerstörung kirchlicher Institutionen führte auf 
dem Handschriftensektor zu großen Materialverlu- 
sten, von denen man sich heute keine genaue Vor- 
stellung mehr machen kann. So sind einzelne böh- 
mische Handschriften als Zeugnisse geretteter 
Restbestände zu werten. ihr Erscheinungsbild ist 
unterschiedlicher Natur. in den ersten Dezennien 
des 15. Jahrhunderts setzt sich die Gebrauchs- 
handschrift auf Papier allgemein in den Kloster- 
skriptorien durch (vgl. Cod. Zwetl. 81, 177, Cod. 
Scot. 26). Die grundsätzliche Hinwendung zur Pa- 
pierhandschrift als rasch zu verbreitendes infor- 
mationsmittel spielt natürlich eine bedeutende 
Rolle. Der Bürger, das Volk sollen mittels der 
handgeschriebenen Textverbreitung angespro- 
chen werden; im böhmischen Raum, vor allem in 
Prag, stand der Disput religiöser Grundsatzfragen 
im Mittelpunkt, die traditionell in Form von Predig- 
ten niedergeschrieben, aber auch stark verbal 
kundgetan wurden, wobei die Predigerorden maß- 
geblich daran beteiligt waren. 
Ebenfalls trug die Entwicklung an der Prager Uni- 
versität zur Bewußtseinsbildung in geistesge- 
schichtlicher Hinsicht bei. 
Am anschaulichsten ist die geistige Umwälzung 
innerhalb der Kirche durch die reformatorischen 
Bestrebungen und bezüglich des Alltagsiebens in 
den illustrierten Exemplaren der Konstanzer Kon- 
zilschronik des Ulrich von Richental überliefert?! 
Ulrich von Richentai, Konstanzer Bürger (t zirka 
1437), vermutlich Kanzlei-Notariatsschreiber, hat 
als Außenstehender den Konzilsverlauf völlig neu- 
tral geschildert. Nur wenige Quellen sind zu seiner 
Person erhalten. Wesentlich ist, daß er das große 
Ereignis nicht im Auftrag, sondern aus eigenem 
Antrieb niedergeschrieben hat. Der Chronist schil- 
dert jeden sakralen und politischen Vorgang in der 
Konziisstadt Konstanz äußerst detailreich; etwa 
die Ankunft der Päpste oder den Einzug König Si- 
gismunds und seiner Gemahlin Barbara von Cilli, 
die politische Aktivität der Kurfürsten und Herzog 
Friedrichs von Tirol, den ProzeB gegen Jan Hus 
und Hieronymus von Prag mit deren Verurtei- 
iung. Dem bedeutenden Wiener Universitätsge- 
lehrten und Magister der Theologischen Fakultät 
Nikolaus von Dinkelsbühi wurde die Aufgabe er- 
teilt, Hus in dessen Glaubensansichten, etwa der 
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Verwendung des Laienkelches, zu bekehren. Die 
Diskrepanz in Glaubensfragen war zugleich eine 
Konfrontation religiöser Geisteshaltung um 1400 
im Geiehrtenkreis der Prager und Wiener Universi- 
tät (1409 war Hus Rektor der Prager Universität). 
Hus, dessen Sakramentslehre auf Wiclif beruhte, 
folgte der Gepfiogenheit der Prager Vorreformato- 
ren und predigte öffentlich in der Landessprache, 
aber auch in Deutsch und Latein. Ebenso trat er 
als Liederkomponist hervor (Meßiieder, Fest- und 
Feiertagslieder)" Über ihn wurden Lieder verfaßt, 
wie etwa im Cod. 253 der Universitatsbibliothek 
von Graz, vormals im Zisterzienserstift von Neu- 
berg." 
Neben dem Darsteilungsablauf der Konzils- 
schwerpunkte versteht es der Chronist, nicht nur 
lebendig die religiösen Feste dem Leser zu vermit- 
teln, sondern auch die Blütezeit, welche die Stadt 
während der Konzilsphase auf wirtschaftlichem 
und kulturellem Gebiet erlebte, umfassend darzu- 
legen. Er schildert, wie König Sigismund mit dem 
goldenen Rosenstrauß, den er von Papst Johan- 
nes XXIII. empfangen hat, mit den Kurfürsten, Gra- 
fen und Rittern in pelzverbramtem Umhang auf ei- 
nem Schimmel durch die Stadt reitet (Abb. 3) 
(Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 
3044, fcl. 61v-62r).1' nUnd nach dem segen do 
nam unnser her der kunig den selben Rosen in sin 
hand mit einem gulden tüch und Reit mit durch die 
S'a(.„l( 
Bei der Fronleichnamsprozesslon erläutert Ulrich 
von Richental die vielfältige Teilnehmerschar. Der 
Prczessionszug umfaßte u.a. 20 Kardinäle, 49 Erz- 
bischöfe, 69 Weihbischöfe, Priester, Äbte, Docto- 
res, Chorherren, Angehörige des Benediktineror- 
dens, Canonici reguiares. Abgeschlossen wird der 
Zug durch König Sigismund, sein Gefolge und von 
Barbara von Cilii (Abb. 4)." Das erzählte Leben 
von täglichen Genremotiven kommt etwa in den 
Darstellungen von Fieischläden und Brotbäckern 
zum Ausdruck (fol. 48v) (Abb. 5). Es werden die Ko- 
sten für die verschiedenen Brotsorten festgehal- 
ten, oder es wird erwähnt, daß viele fremde Brot- 
bäcker in die Stadt kamen. Die Abbildung zeigt die 
Herstellung von italienischen Pasteten. v... Darzü 
Ware" och vil frdmder Bratbecken zü Ccstenntz die 
stärtenclich uff dem marckt Büchent und der von 
Cosreniz Brot! Beckerm Die sechs erhaltenen Ab- 
schritten des verlorenen Urexemplars der Fiichen- 
talchronik sind reichhaltig, zumeist in lavierter Fe- 
 
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