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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXVI (1981 / Heft 176)

pretation dieses Bildes der Harkortschen Fabrik 
kann weitergeführt werden durch den Hinweis auf 
die Polarisierung von zerfallender Burg einerseits 
und Fabrikgebäude andererseits. Die Repräsen- 
tanten der versinkenden Macht - Wehrbauten, 
Burgfried - in ruinösem Zustand, eingeklammert 
durch die architektonischen Symbole des aufkom- 
menden Maschinenzeitaiters, den rauchenden 
Schornsteinen. 
Karl Blechen gibt mit seiner Darstellung des "Walz- 
werks Neustadt-Eberswaldeu", um 1834 entstan- 
den, eine eher zwiespältige Darstellung des indu- 
striemotivs. Zwar scheint in einer idyilisch-roman- 
tischen Landschaft die Fabrik die Burg zu erset- 
zen und Angler in ungestörter Ruhe ihrer Beschäf- 
tigung nachzugehen. Doch die scheinbare Harmo- 
nie trügt. Blechen bringt zum ersten Mai die Herr- 
schaft der Industrie über die Natur zum Ausdruck. 
Dies drückt sich nicht nur in der beherrschend nie- 
dergelassenen Fabrikarchitektur im Hintergrund 
aus, sondern auch "mittelbar in der Verunmögli- 
chung geruhsamen Fischfangs im auch damals 
bereits verschmutzten Abwasser, im Ausfluß einer 
verletzten Natunili "Wie in den meisten Gemäl- 
den Biechens sind Sach- und Wirklichkeitsbezüge 
doppeischichtig strukturiert. Wasser und Rauch 
zeigen einerseits die nüchterne Wirklichkeit auf, 
meinen andererseits aber Symboiformen für Kraft 
und Tätigkeit. Der Angler und die Arbeiter bilden 
nicht nur eine idyllische Szenerie, sondern sind 
auch bewußte Kontrastmotiveßw Blechen ahnt in 
seinem nWalzwerk bei Eberswaidell bereits die 
Problematik der nlndustrieiandschaftlt. 
Können die bisherigen Beispiele des lndustriemo- 
tivs der Dokumentation in ihren verschiedenen 
Darsteilungsmoglichkeiten zugerechnet werden, 
zeigt das Bild von Louis Krevei "Heinrich Kraemer 
vor einer Fabrikaniage der Eisenhütte Quintu", 
1838 entstanden, den Aspekt der Repräsentation, 
der Selbstdarstellung der führenden Persönlich- 
keiten der lndustrie und ihres Selbstverständnis- 
ses. Das aufstrebende Bürgertum adaptierte in 
seinen Porträts aristokratische Bildformen. Wir 
finden eine Verbindung von Halb- und Dreiviertel- 
porträts mit einer Fabrikaniage im Hintergrund. 
Dies ist auch bei der Darstellung von "Heinrich 
Kraemer Eisenhüttenherr zu Quint-i der Fall. Die- 
ses Porträt hat im analog konzipierten Porträt sel- 
ner Frau, Henriette Kraemer geb. Flöchiing, eben- 
falls im Städtischen Museum in Trier befindlich, 
sein Pendant. "in repräsentativer Haltung posie- 
ren der Fabrikherr und seine Frau vor und hoch 
über der Landschaft, in weiche ihr Besitz einge- 
bettet ist. Der Maler stellt den Fabrikanten in den 
Rahmen eines traditionellen Bildschemas. ,Wo 
der Landesherr der Barockzeit sich vor seinem 
Schloß, seinem Park oder seiner Festung abbilden 
ließ, da setzt der industrielle des beginnenden Ma- 
schinenzeitalters konsequent seine Werkanlage 
an deren Steile' (Fritziatll Die Bedeutung dieser 
Motivwahi ist bei aller möglichen Differenzierung 
eindeutig. Sie dient der Darstellung des ieweiiigen 
Selbstverständnisses der eigenen Person als Fa- 
brikherr, als Unternehme-L's 
Das "Neuei- der frühen lndustriedarsteilungen ge- 
genüber anderen ikonographischen Themen IäBt 
 
6 Louis Krevei, "Heinrich Kraemer vor einer Fabrikaniage 
der Eisenhütte Quintir, 1838. OlILeinwand, 107x 90 cm. 
Trier, Städtisches Museum (aus: Sturm Hermann, 
F9a7b7r)ikarchitektur - Villa - Arbeitersiedlung, München, 
sich nur vor dem Hintergrund Jener tletgreii 
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ve 
rungen begreifen, die mit dem Aufstieg de 
gertums als ökonomisch bestimmende Krz 
geleitet wurden. Die entscheidende Frag 
sich im Zusammenhang damit stellt, ist jen 
der Funktion, die der bildenden Kunst als N 
der Wiedergabe zukommt. Denn die Einsch. 
und Beurteilung unserer Umwelt ist nicht 
abhängig und beeinfiußt von bestimmten 
nehmungsmustern. Es stellt sich die Fra 
die bildende Kunst im Bezug zum lndustri- 
zur Heranbiidung solcher Wahrnehmungsr 
beiträgt oder aber diese nur wiedergibt, sie 
tigt. 
Dazu Sturm: "Es hat den Anschein, daß die 
die Wahrnehmungsmuster nicht bildet, Si 
sie bestätigt, und zwar im wesentlichen f 
deren Interesse es ist, die Strukturen von 
und Herrschaft mit Hilfe der Abbildung ihre 
nen Person oder ihrer lnsignien auch dur 
Kunst nobiiiert zu sehen-i" Auffaliende Q 
bindungen ergeben sich zur Fabrikarchi 
Denn die bildhaften Medien werden in sl 
Maße der gleichen Aufgabe nutzbar gemac 
die Fabrikarchitektur selbst - zu untersi 
chen Zeiten verschieden stark - in ihrem ä 
Erscheinungsbiid durch Adaption von Eier 
und Symbolen der Feudaiarchitektur Au 
verleiht: der Selbstdarstellung von Macht L 
deutung der Industrie und ihrer führenden F 
iichkeiten sowie eine damit verbundene Fes 
von neu entstandenen Strukturen-l." 
Anmerkungen 14 - 21 
14 
1a 
u 
IV 
u 
1: 
kurt Blechen, nwaizwerk Neustadt-Eberswaldea, um 1834, 
OIIHoIZ. 25x33 cm, Staatliche Museen, Preußischer Kulturbe- 
sitz, Nationalgalerie Berlin (West) 
Sturm Hermann. Fabrikarehltektur-Vllia-Arbeitersiedlunq. 
München 1977. S. 84 
Industrie und Technik in der deutschen Malerei, a.a.O., S. 1B 
Krevel LOUIS, wHeinrlch Kraemer. Eisenhiltterlherr zu Quint vor 
der Fabrlkaniage im Alter von 40 Jahren-r. ÖlILeinwand. 107x 
90 cm. 1835. Stldtiilches Museum Trier 
Industrie und Technik in der deutschen Malerei. a.a.O.. s. 30 
Vgl. auch die Darstellung von Franz Krüger aOtto isersig- Öl, 
was entstanden. heute verschollen. Borsig. selbstbewuhter 
Mittelpunkt des Bildes. sitzt au! einer Gartenbenk. die Armleh- 
rie ist zu einer barocken Veiute gekrümmt. Beschattet von el- 
nem Baum. ruht seine Hand auf dem Feil eines Setterhundes. 
Weit im Hintergrund. von Büschen gerahmt, der Schornstein 
des Borslgschen Elsenwerka. mehr eine Randnote als elri be- 
schreibenden Wesensmerkmal, vgl. dazu Vorsteher Dieter, Ein 
lndustrieblld mischen nJubelleier und Revolution-i, In: kriti- 
sche berichte. Helt M5 1980. ' 
1' Sturm Hermann. es. . S. 59 
" Vgl. dazu: Bertsch Christdph. Fabrikarcnitektur. Entwicklung 
und Bedeutung einer Baugattung anhand Vorariberqer Beispie- 
le des 19, und 20. Jahrhunderts, Braunschweig-Wiesbaden 
1981. 
  
Literatur 
Becher Bernhard und Hilia. Die Architektur der Fbrder- und Weeser- 
turme. München 1971 
Busse Joachim. internationales Handbuch aller Maler und Bild- 
hauer de: 19. Jahrhunderts, Wiesbaden 1977 
Festschritt 11100 Jahre Herrburger 81 Fttiernberg 1795-1895.. Ddrrl- 
birn 1895 
Fuchs Heinrich, Die Österreichischen Maler des 19. Jahrhunderts, 
Wien 1973 
Hoiimeister Christine. Industrie als Gegenstand der Kunst. in: Bil- 
dende Kunst. Berlin (Ost) 1965 
klingender Fracis D., Kunst und industrielle Revolution. 
1974 
Schrnücker Hedwig, Das lndustriembtiv in der deutschei 
des 19. und 20. Jahrhunderts. EmSdetten 1930 
Schrenk Klaus, lndustriedarsteilungen in der Mitte des 
hunderts und Aspekte ihres gesellschaftlichen Charakter: 
sche Berichte, 5I6, 1975 
Seemann Lexikon der Kunst. Bd. 2, Leipzig 1976 
Sturm Hermann, Fabrikarchitektur -Viiia - Arbeitersiedlt 
cheri 1977 
Tlelenthaler Meinrad (Hrsg.). Die Berichte das Kreishau 
Ebner. Dornbirn 1950 
Wagner Monika. Die lndustrielendschelt in der englische 
und Graphik 177071530. Frenklurt 1e7s 
Auestellungskataloge 
DBS Bild der deutschen Industrie 1800-1850, Dortmund 
Industrie und Technik in der deutschen Malerei von der I 
bis zur Gegenwart. Duisburg 1969 
lndustriebllder aus Westfalen. Münster 1979 
Fabrik im Ornament, Münster 1980
	        

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