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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXVI (1981 / Heft 176)

 
Es bedarf keiner außergewöhnlichen Situation, 
um an den Tod zu denken. Die Unstimmigkeit von 
dem durch die Jahre mitgebrachten jungen ich 
und dem ich des alternden Spiegelbildes genügt. 
Was ist geschehen? Nicht viel. Alles. Zeit ist ver- 
gangen. nMit jedem Stück Leben-i, sagt Max Sche- 
ler, ndas gelebt und als gelebt in seiner unmittel- 
baren Nachwirkung gegeben ist, verändert sich 
fühlbar der Spielraum des noch erlebbaren Le- 
bensat Zeit ist vergangen, verraucht, venrveht. Wir 
erfahren dies als Verhöhnung, als Ungereimtheit, 
weil es Verlust von Unwiederbringiichem ist. Die 
Jahre, die vergehen, die Erinnerungen, die plötz- 
lich da sind und die Zeit trügerisch aufheben, be- 
drücken uns. Und dann: dieses Gewicht des To- 
des, das spürbar wird in der Zeit! Der Gedanke an 
den Tod, hereinbrechender Anfang eines Weltmiß- 
lingens, drängt den Menschen zu letzten Fragen. 
Er will nicht sterben und wird es, er kann nicht an 
den Tod denken und muB es - Widersprüche in 
einer Gesellschaft, die ohnehin von dem Schau- 
spiel des Niedergangs nicht behelligt sein will, für 
die der Mensch nur Mensch ist, wenn er "operatio- 
neiiu und verfügbar bleibt. Dennoch: die Frage 
nach dem Sinn menschlicher Existenz bekommt 
erst mit dem Denken über den Tod wirkliches Ge- 
wicht. 
An der dunklen Grenze der vorgeschichtlichen 
Nacht mit ihrer Stimme des Unvordenkiichen er- 
lischt im Halbschatten der animalische Gleichmut 
gegenüber dem Tod. Zum Zeitpunkt, da aus der 
Geschichte der Entstehung der Arten das Aben- 
teuer des Menschen beginnt, erscheint das Rätsel 
vom Bewußtseln des Todes gleichzeitig mit dem 
Rätsel der Kunst. Mit dern ersten Grab ist ein 
erstes Bildwerk geschaffen, und der Mensch 
beginnt seinen beunruhigenden Dialog zwischen 
dem Nichts und der Ewigkeit. Gesicherte Anhalts- 
punkte finden sioh beim Neandertaler im Mittei- 
palaolithikum, der seine Toten in Gräbern bestat- 
tet: sichtbarer Ausdruck der Idee eines Weiter- 
lebens nach dem Tod. Die Gräber sind, wie dann 
die Basiliken, westöstiich ausgerichtet, der Kopf 
der Toten schaut gegen Sonnenaufgang, dem er- 
weckenden Licht entgegen. Noch 80.000 Jahre 
später schreibt der Schoiastiker Guiiielmus Du- 
randus, man soll laden Toten derart betten, daß 
sein Kopf nach Westen und seine Füße nach 
Osten weisenu. Feuerstein, Gerät und Nahrungs- 
mittel sind für den Weg ins Jenseits beigelegt, der 
Tote mit Ockerfarbe bestreut. Denn Rot sichert, 
wie wir von den heutigen Naturvolkern wissen, 
dem Dahingeschiedenen Atem, Wärme, Leben. 
Rot Ist das Blut und rot ist der Feuerbail der Son- 
ne, wenn das alles belebende Himmelslicht über 
den Horizont der ewigen Ebenen, Meere und 
Sümpfe hinwegzieht. Verwlschte Spuren von Kult- 
ausübung und Religion, erste Schritte von Kunst, 
Götter, von denen wir keine Narnen wissen: Mittel, 
das Ende ertragbar zu machen... 
Das überwältigende Bewußtsein der Sterblichkeit 
verdunkelt die Ströme des menschlichen Den- 
kens. vSterbenu, sagt Sappho, "ist etwas Schlim- 
mes. Die Götter selbst haben so entschieden. 
Denn sie würden sterben, wäre Sterben etwas 
SCHÖNES." Die Dichterin steht unter dem Einfluß 
der kuiturtragenden homerischen Religion. in de- 
ren Unterweit "ruhen-x die Toten, wein veriosche- 
nes Heeru, iitühllose Geister verbiichener Men- 
schenwesenu. Achilleus verweigert sich dem Tode 
nicht, aber selbst sein Schatten murrt noch: vPrei- 
se mir jetzt nicht den tröstenden Tod, ruhmvoller 
Odysseus. Lieber möchte ich fürwahr dem unbe- 
güterten Maler, der nur kümmerlich lebt, als Tag- 
iöhner das Feld bauen, als die ganze Schar vermo- 
derter Toter beherrschenß 
Neben der offiziellen homerischen Religion gab es 
eine inoffizielle, die die Orphiker verbreiteten. Ihr 
Kult geht auf die uralte Dionysos-Verehrung zu- 
rück. Für die griechischen Todes- und Jenseitsvor- 
steilungen waren die Orphiker höchst bedeutend, 
denn sie besaßen ein Gegenbiid zum Tartaros: die 
elysischen Gefilde. Biumenübersäte, sonnengiän- 
zende Wiesen, erfüllt von Gesang und Tanz. Für 
die Mitglieder dieser Geheimreiigion galt bereits 
die Teilnahme am Kult als untrüglicher Weg zur 
Rettung. Pythagoras integrierte die orphische To- 
desvorsteilung in die griechische Philosophie. 
Durch die Stimme des Euripides vernimmt dann 
das Abendland zum ersten Mal das Bekenntnis: 
wich liebe die Götter nicht, die man des Nachts an- 
beteLir Es beginnt die verletziiche Weit der Götter, 
die mit der Sonne sterben müssen... 
vDer Auen und Haine ewig leuchtendes Grünir, die 
"lachenden Fluren" des Vergilschen Eiysiums un- 
terscheiden sich kaum vom Lustgarten, den der 
Koran seinen Gläubigen verheißt, kaum vom Para- 
dies der Christen. Die Toten schliefen in einem 
schönen Biumengarten. Demgegenüber gab es in 
Zeichnungen von Peter Prandslener 
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