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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXVI (1981 / Heft 176)

Der Tod ist Endigung und Anfang zugleich." 
Der Kdmpromiß der Schönheit ist das letzte Mit- 
tel, um die maßlose Pathetik einzudämmen. Er ver- 
leiht dern Tod außerordentlichen Glanz. Das Böse, 
das seine Position so lange hat halten können, 
schickt sich zum Rückzug an. Ein ungeheurer 
Bruch im psychischen Kontinuum. Der Glaube an 
die Hölle, an einen Zusammenhang zwischen Tod 
und Sünde fallt. Allenfalls glaubten die Katholiken 
noch an ein Läuterungsverfahren, an einen Durch- 
gang durch das Purgatorium (Fegefeuer). Kein 
Schuldgefühi, keine Angst vor dem Jenseits halt 
mehr davon ab, sich der Faszination des in höch- 
ste Schönheit verwandelten Todes zu überlassen. 
Wo es kelne Hölle mehr gibt, hat sich auch der 
Himmel verändert. Das Jenseits wird wesentlich 
Ort der Wiedervereinigung der Getrennten. Es ist 
die Wiederherstellung der Jetzt von ihren 
Schlacken gereinigten und der Ewigkeit gewissen 
irdischen Gefühle. Der Tod wird zum Eingangspor- 
tai in ein anthropomorphes Jenseits stilisiert. 
Der letzte große Wurf einer Philosophie des Todes 
gelingt Hegel. Er leugnet die angeblich unüber- 
brückbare Kluft zwischen Geist und Materie, Ver- 
nunft und Glauben, Individuum und Gesellschaft, 
Mensch und Weltall. Wenn Hegel den Menschen 
als freies, geschichtliches Individuum betrachtet, 
dann beschreibt er ihn als endlich auf der ontoio- 
gischen Ebene, als weltlich oder raum-zeitiich auf 
der metaphysischen und als sterblich auf der phä- 
nomenoiogischen Ebene. Schließlich ist der 
Mensch immer ein todesbewußtes Wesen: Der 
Mensch ist nicht nur sterbiich, sondern er ist die 
Verkörperung des Todes, er ist sein eigener Tod. 
Bei Hegel gibt es verschiedene Stufen der Todes- 
erkiärung: Zunächst wollte Hegel den menschli- 
chen Tod durch die nDiaiektik der Lieber- rechtfer- 
tigen, das ist jene Liebe, die eln SIch-Entäußern in 
das Kind fordert. in seiner Gesellschaftstheorie 
scheint der Tod zu einem iiAufhebenu in dreifa- 
chem Sinn zu werden: ein nHinwegräumen-i, ein 
i-Aufbewahrenu und ein uErhöhenn aus der natürli- 
chen Endilchkeit heraus. Leiden und Schmerz des 
Todes gehören für Hegel In den Zusammenhang 
der Wersöhnung des Geistes mit sich selbst". in 
seiner Reiigionsphiiosophie bezeichnet der Philo- 
soph den Tod sogar mehrmals als das Sterben 
Gottes. Dieser Tod ist der höchste Akt der Liebe: 
"Der Tod ist die Liebe selbst; - es wird darin die 
absolute Liebe angeschaut. Es ist die identität 
des Göttlichen mit dem Menschlichen, das Gott 
im Menschlichen, im Endlichen bei sich selbst ist 
und dies Endliche im Tod Selbstbestimmung Got- 
tes ist. Durch den Tod hat Gott die Weit versöhnt 
und versöhnt sich ewig mit sich selbst." 
Doch die Todesangst steigert sich zum Aufruhr. 
Schopenhauer, Feuerbach und Simmei steuern in 
die andere Richtung. Die Affektivitat setzt sich 
fort, aber sie wird technischer. Der Sterbende wird 
nunmehr gegen seine eigene emotionale Anteil- 
nahme in Schutz genommen, indem man ihm bis 
zum Ende die Schwere seines Zustands verhehit. 
Er reagiert, wenn er das Spiel durchschaut, mit 
Kompiizenschaft, um die Fürsorglichkeit des an- 
deren nicht zu enttäuschen. Diese aus Liebe gebo- 
rene Lüge wurde in der Folge durch die Einliefe- 
rung in das Krankenhaus vergiftet. Der Tod wurde 
schmutzig, dann medikalisiert, in wissenschaftli- 
chen Laboratorien und Kliniken eingeschlossen, 
wo für Gefühle kein Platz mehr ist. Sartres nEkelu 
erscheint als fundamentale Antwort nach dem 
Verlust der wartes moriendlu. Alles beginnt mit 
dem Ekel: massives Eingeständnis der Ohnmacht. 
Ein dumpfes Schweigen breitet sich über den Tod, 
da weder das Individuum noch die Gesellschaft 
stark und stabil genug ist, den Tod anzuerkennen. 
Gleichwohl hat diese Einstellung weder den Tod 
noch die Todesangst ausgelöscht. Ja, Angst viel- 
mehr wird zur "Grundbefindllchkeitu. Während sie 
bei Kierkegaard noch aus dem Nichts herkommt 
und auf das Höchste verweist, macht sie nach 
Heidegger das wNichtsu als Grund des Daseins of- 
fenbar, als ein wSein zum Todeu. Die Todesangst 
erlangt unter der Maske der medizinischen Tech- 
nik ihre animalische Wildheit zurück. Der Tod im 
Krankenhaus, der bewußtlos an Schläuchen und 
Drähten hängende Sterbende ist heute der Durch- 
schnittsfall, der schreckenerregender ist als einst 
das Skelett der makabren Rhetorik. Die archaisch- 
tierische Angst ist nunmehr wieder in uns, ein tau- 
bes, ungemein beharrliches Gefühl, das langsam 
Teil der Person wird. Wir haben nicht mehr Angst, 
wir sind vielmehr Angst. Den leer gewordenen 
Raum unserer Existenz füllt die Todesangst als 
reine Negativität auf. Eine Wechselbeziehung zwi- 
schen der Ausbürgerung des Todes als dem letz- 
ten Schlupfwinkel des Bösen und der Rückkehr 
des wieder grausam gewordenen Todes beginnt 
sich abzuzeichnen. 
 
 

	        

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