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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXVI (1981 / Heft 177)

vorantragt, das kaiserliche Würdezeichen, sowie 
den anderen, das Schwert der Tapferkeit", der 
Fortitudo, in Händen, neben einem lauernden und 
einem schlafenden oder erlegten Löwen sitzend. 
Dem folgen genau gegenüber der Eingangstüre 
die Gruppe von Fides und Mausuetudo, Moses 
und Aristoteles, Abb. 8, kenntlich gemacht durch 
Beischriften mit Textstellen aus dem Alten Testa- 
ment. Fides, der Glaube, hält die Gesetzestafein, 
Mausuetudo ist mit der Sonne der Tugend an ihrer 
Brust" und dem Lictorenbündei in der Linken dar- 
gestellt. Sie vereinigt Zucht, Weisheit und Gerech- 
tigkeit in sich. 
in der auf der Schriftroile zu seiten der Fides ange- 
gebenen Textstelle Ecciesiasticus 1, 35 ist ietzt- 
iich die volle Erklärung der Szene gegeben: "Denn 
die Furcht des Herrn ist Weisheit und Zucht, und 
was ihm wohlgefällig ist, ist Treue und Sanftmut, 
einen solchen überhäuft er mit Schätzen." Neben 
Moses, der mit dem Schiangenstab Wunder im 
Glauben an den einen Gott zu wirken vermochte, 
und Aristoteles, dessen Werk aus zwei Teilen, ei- 
nem über die Natur und einem über die Übernatur, 
besteht, ist zu lesen: wOPEFiA EORUM IN MANUM 
DElri, Ecciesiastes 9, 1: nEs gibt Gerechte und 
Weise und ihre Werke sind in der Hand Gottes..." 
Die nächste Gruppe, genau gegenüber jener von 
weiblichen Figuren, die die Vereinigung von weltli- 
cher und geistlicher Macht darstellen, zeigt die 
Vereinigung der Praedictio boni, der Vorhersage 
des Guten," mit der Providentia divlna, der göttli- 
chen Vorhersehung" (Abb. 9). 
in dem aufgeschiagenen Buch zu ihren Füßen ist 
eine Stelle aus den Proverbia, den Sprüchen Salo- 
mons, zu lesen (14123): "IN OMNI BONO OPERE 
ERIT ABUNDANTIA" - "Durch jede gute Arbeit 
entsteht Überfiußmß Dem Wortlaut folgend, weist 
die Providentia divina mit ihrem vorn Auge Gottes 
bekrönten Szepter hin zur Darstellung der wGratia 
di dioit, der Gnade Gottes, Abb. 10, iiuna beliissi- 
ma e gratiosa giovanetta, ignuda  terra  un 
corno di dovitia, che gli coprira davanti  et con 
esso verserä diverse cose per i'uso humano si 
Ecclesiasticho, come ance d'aitra sorte et nel Cle- 
io sia un raggio il qual risplenda fino a terram" 
Aus dem Füllhorn der Gnade des Herren also er- 
gießen sich die reichen Schätze, zu denen die 
göttliche Vorsehung den Weg weist. 
Die letzte Figurengruppe schließlich, sie befindet 
sich direkt über dem Eingang in die Sakristei, 
stellt die Gnade Gottesii, Abb. 11, der Putten die 
Stiftskirche zu Aitenburg reichen, dem lntellectus, 
dem Verstand", gegenüber. Dazwischen steht der 
heilige Paulus mit einer Tafel, auf der geschrieben 
9 
 
1h 
 
9 Praedictio boni und Providentiadivina. Detail aus dem 
Sakrlsteiblld, Vgl. Abb. i 
10 wGratia di Diou. Detail aus dem Sakristeibild, vgl. 
Abb. i 
11 Gratia divlna und lntellectus als Fundament der Eccie- 
sia. Detail aus dem Sakristeibild, vgl. Abb. l 
Anmerkungen 9 - 17 
' Ripa, Padova tS11,nF0l18ZZicr, p. 179, 
sowie Forza alle Giustitia mit den Attributen Löwe A Schwert - 
Krone in der niederländischen Ausgabe der iconologia Cesare 
Ripas. 
w Ripa, Padova 1511, .vinu., p. 541. 
" Vgl. Ripa, Augsburger Ausgabe durch Henel, 5.6.0., Fars 1, 
Tal. 162. 
" Ebenda, Pars 2, Taf. 162. 
" Der volle Wortlaut des Spruches ist: -Durch jede gute Arbeit ent- 
steht Uberiluß. WD aber viel GeSChllVätZ ist, da lSt insgemein 
Mangel... 
" Fiipa, Fadova 1611, E.8.Q., p. 211 f. 
ß Ripa,Pai:lova161l, P. 211, 
sowie Ripe, Augsburger Ausgabe durch Hertei, a.a.O., Pars 1, 
Tal. 100. 
Vgl. auch Jacobus Masenius, Speculum imaginum verltails oc- 
cultae, Köln 1581, p. 424, N0. E, Gratia: u... llorem Anemcnem 
lingitur Gratis." 
" Ripa, Pedova 1511, p. 257i, gibt eine Beschreibung, die mit dem 
Stich in derAugsburgerAusgabe durch Heriei, Pare 2, p. 182, nur 
in den Grundzügen übereinstimmt und auch in dem Aitenburger 
Bild wenig Entsprechung iindet. Hingegen kann die Aitenburger 
Darstellung und der Stich des Trios Eiehler- Wacnsrnuth - Her- 
tei wesentliche Ubereinstimmung aufweisen. interessant ist das 
Mißverstehen der Flammen, die aus dem Haupte des intellectus 
schlagen, die zu einem einseitigen großen Uhr umgeblldet wer- 
den. Gerade dieses Beispiel erweist besonders deutlich, daß 
dem in Aitenburg tätigen Künstler eine Ftipa-Ausgabe vcrgeie 
gen haben muß, die vor die Herteische zu datieren ist, für diBSB 
aber von maßgebiichem ElntiuB war. 
" Ripa, Padova 1611, D. 211. 
steht: llsl QUIS AUTEM TEMPLUM DEI ViOL 
RIT DlSPEFiET ILUD DEUSU (Korinther 3, 
"Wenn jemand den Tempel Gottes versehrt, 
ihn Gott verderben, denn der Tempel Gotte 
heilig." Der lntellectus, der Verstand, in einer 
che lesend, eine Apoilofigur in der Rechter 
Sphinx zu Füßen, und die Gnade Gottes, ein 
Blumen bekränzte schöne Frau, das Haupt 
Himmel erhoben, wo die Taube des Heiligen 
stes erscheint," bilden gleichsam das Fi 
ment, auf dem die Kirche stehen soll. 
Die zu Anfang der Beschreibung genannter 
ben Strahlen des Heiligen Geistes sind so g: 
tet, daß sie die Bedeutung der Figurengru 
theologisch weiter überhöhen und zu Sinnbi 
der sieben Gaben des Heiligen Geistes w: 
lassen. Der heilige Paulus aus der Gratia diVii 
inteiiectusgruppe - empfängt die Gabe deri 
heit. Ein Strahl fallt zwischen die aiiegorisci 
gur des inteiiectus und die des Vertreters Q4 
cher Macht, es ist die Gabe des Verstandes 
dritter Strahl ist auf den Repräsentanten irdi: 
Macht gerichtet, der die Stärke vertritt. Deri 
Strahl steht über Fides und Mausuetudo, die 
Ecci. 1, 35 die Furcht des Herrn darstellen, 
renddam Moses und Aristoteles die fünfte ( 
die Wissenschaft, vertreten. Die Vorhersage 
Guten und die göttliche Vorhersehung sind a 
sechste Gabe, nämlich die des Flates, zu Vi 
hen, und die Gnade Gottes schließlich, die "G 
di Dioit, wird durch die siebente und ietzte( 
die Frömmigkeit, erreicht. 
Für die Frage nach dem inventor des Gesarr 
gramms der Biidenueit des Stiftes Alter 
scheint dieses Kuppelbild von ganz beson 
Bedeutung zu sein. 
Einmal wurde es schon sehr früh, nämlich im 
1733, in Auftrag gegeben und beinhaltet doc 
Wesentliches von jenem Gedankengut, das 
die übrigen späteren Darstellungen fühlen I2 
- was für ein klares, von Anfang an vorhanc 
Konzept für das Biidprogramm spricht. 
Zum anderen wird hier deutlich wie nirge 
sonst, daß Abt Placidus ausschließlich il 
glücklichen Vereinigung von geistlicher und 
iicher Macht, im besonderen Falle vertreten i 
ihn und Kaiser Karl Vi., die Verwirklichung 
gottgewoiiten Seinsordnung sieht. 
Verstand und Stärke sind die den geistlicher 
weltlichen Repräsentanten der Macht zugei 
ten Gaben, die sie die Kirche bauen lassen: 
nen Tempel der Weisheit, einen Tempel Sa 
nis, der nur durch die Gabe des inteiiectus v1 
kannt werden kann. 

	        

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