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Full text: Alte und Moderne Kunst XXVI (1981 / Heft 177)

der Deckplatte und an der linken Seitenwand des 
Schreibfachs angebracht, laßt sich in der Mitte 
knicken, rastet ein und hält so die Platte in nahezu 
senkrechter Stellung offen. Dabei wird jedoch 
nicht nur die untere, über die ganze Breite des Auf- 
satzes gehende Lade verdeckt, sondern auch das 
Öffnen der Türe und der beiden unteren Seiten- 
laden verhindert. Die Konstruktion iäßt also an 
Zweckmäßigkeit manches zu wünschen übrig. Sie 
muß aber auch für die damalige Zeit bereits als 
reichlich altmodisch bezeichnet werden, weil die 
nach rückwärts aufklappbare Schließplatte nur 
gelegentlich bei viel früheren Sekretären ohne 
Aufsatz vorkommt! Dort war sie auch richtig am 
Platze, da in diesem Falle nichts im Wege stand, 
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sie waagrecht nach hinten umzuiegen. - Um das 
Schreibfach zu benützen, kann man dessen Vor- 
derwand, ohne eine Sperre lösen zu müssen, nach 
vorne in horizontale Lage bringen. 
Es ist verwunderlich, daß Fiohde eine so umständ- 
liche und unpraktische Anordnung verwendete. Er 
muB sich dieser Mängel auch bald bewußt gewor- 
den sein, da er bei dem Schreibschrank der Samm- 
lung Kremayr die zeitgemäßere Lösung mit schräg 
aufgelegter Platte gebrauchte, die zum Schreiben 
auf die aus der Tischzarge herausziehbaren Kant- 
hölzer zu liegen kommt (Abb. G). 
Der unterschiedliche Einbau des Schreibfachs ist 
von entscheidendem Einfluß auf die Proportione- 
verhaltnisse zwischen Unter- und Oberteil der bei- 
den Möbel. Der Liechtensteinische Schrank er- 
scheint bei nahezu gleichen Maßen (Abb. 1) 
schwerfälliger, und die kubisch aufeinanderge- 
stellten Massen geben ihm ein wuchtiges Ausse- 
hen. Beim Sekretär der Sammlung Kremayr hinge- 
gen (Abb. 5) leitet die schräge Verschlußplatte or- 
ganisch vom Schreibtisch zum zurückgesetzten 
Aufsatz über, eine Funktion, die von den mit ge- 
schweiften Stufen profilierten Seitenkanten noch 
betont wird. 
Die Konzeption der Marketerie entspricht dem voll 
entwickelten Laub- und Bandwerkstii, wie ihn Fer- 
diand Plitzner (1678 - 1724) vertrat, mit dem Flohde 
zusammengearbeitet hatte, wenn er nicht sogar 
sein Schüler war. Jedenfalls stand er, wie aus der 
Signatur hervorgeht, gleich Plitzner im Dienst des 
Mainzer Kurfürsten Lothar Franz Grafen von 
Schönborn (1655 -1729).' 
Das Repertoire der Marketerie besteht aus Bän- 
dern und Laubwerk, das den Verlauf der Bänder 
an den Biegungen, Schlingen und Volutenendun- 
gen betont oder auch - aus zusammengesetzten 
Formen gebildet - für sich allein steht. Dazu 
kommt das Gitter- und Netzwerk in verschiedener 
Ausführung und die Darstellung von Insekten 
(Abb. 7), die zumeist die freie Grundfläche beleben 
oder gelegentlich in das Netzwerk eingefügt sind. 
An den Häuptern der Aufsätze beider Schränke 
bildet ein auf einem Zweig sitzender Vogel die Mit- 
te des ganzen Dekorationssystems (Abb. 2, 8 bis 
9). Eine Besonderheit des Liechtensteinischen 
Schranks ist die kleine Tänzerfigur, die in der Mit- 
te der Deckplatte auf einem Sockel und unter ei- 
nem Baldachin dargestellt ist (Abb. 3). Sie wurde 
aunh vnn Plitmer auf seinem Kahinettschrank in 
Liechtensteinischen Schrank aus Amaranth- und 
Paiisanderholz, am anderen aus Pflaumenholz. Ei- 
ne Übernahme von Plitzners Pommersfeldener Ka- 
binettschrank sind die in stumpfem Winkel schräg 
zum Mittelstück des Aufsatzes gestellten Laden- 
teile.'. Ein weiterer Hinweis also auf die Zusam- 
menarbeit der beiden Meister. 
Der Stil Plitzners und in einer entwickeiteren, d.h. 
lockerer über die Fläche ausgebreiteten Form 
dann auch der Stil Fiohdes beruhen auf der Orna- 
mentkunst Jean Berains und - wie Kreisel unter 
Berufung auf Ludwig Baron Döry hinzufügt - sei- 
ner lnterpreten Schenk und Denker." Bezüglich 
der Figur des kleinen Tänzers stellt Döry fest, daß 
sie i-einer bis jetzt noch nicht ermittelten Stich- 
Serien entnommen ist." Die im Vergleich zu Plitz- 
ner weniger dichte und somit ntransparentereu An- 
ordnung der Marketerie iäßt den Furnierhölzern 
des Grundes und ihrer reichen Strukturierung ei- 
nen entscheidenden dekorativen Beitrag zukom- 
men. Motivisch bereichert Rohde den Formen- 
schatz Plitzners überdies um die Palmette, die er 
an beiden Schränken an prominenter Stelle als 
hervorstechendes Ornament einsetzte; an dem 
der Sammlung Kremayr um eine Nuance mehr als 
an dem des Fürsten Liechtenstein, weil sie bei er- 
sterem in großer Ausführung an den Häuptern des 
Aufsatzes erscheint (Abb. 9). 
Einen augenfalligen Unterschied zwischen den 
beiden Schranken bilden die vergoldeten Schnit- 
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