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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXVI (1981 / Heft 177)

1 a Bavtholomäus Spranger (Antwerpen 1546- 1611 
Prag), wDie Weisheit beugi sich den Fesseln der Lieben 
(wFesselung Merkursu). OIlLeinwand, 158 x 178 cm 
2 Lukas Kllian (Augsburg 1579-1637), nDie Fesselung 
Merkursu. Kupferstich nach B. Sprangers Gemälde 
Abb. 1. Bez. "S C M Pictor B. Spranger pinxit - L. Kllian 
sulpsit et excudnu. Undatiert 
Von vielen verschwundenen großen Malerwerken 
der Vergangenheit geben uns reproduzierende 
Kupferstiche heute noch Kunde. Manchmal ge- 
lingt es glückhaft, mit Hilfe eines Stiches ein un- 
gedeutetes Gemälde neu zu bestimmen, es wieder 
einzuordnen in seine kunsthislorischen Bezüge. 
Im Folgenden soll die Identifizierung eines ver- 
schollenen Werkes von Bartholomaus Spranger 
(1546-1611), des hervorragendsten Meisters der 
Prager Spätrenaissance, vorgelegt werden. 
Das großformatige Ölgemälde (158 x 178 cm, Öl 
auf Leinwand) (Abb. 1)tauchte nach mehrmaligem 
Besitzerwechsel, verdunkelt und verunklärt durch 
alte Firnisschichten, als namenloses Werk der ita- 
lienischen Spätrenaissance auf. Vergeblich ver- 
suchte man verschiedene Zuschreibungen. Eine 
kürzlich erfolgte Reinigung und Restaurierung 
machte die außerordentliche Qualität sichtbar. 
Neues intensives Studium des Werkes wurde da- 
mit angeregt. Das Gemälde vereinigt gleichsam in 
sich Züge der verschiedenen Schulen des italieni- 
schen Manierismus, es konnte jedoch keinem die- 
ser Künstler überzeugend zugewiesen werden. 
Rätselhaft schien auch die besondere Eigenart 
der Thematik, welche in der lkonologie sonst nir- 
gends feststellbar war. Merkur wird von Amor ge- 
fesselt auf Venus' Geheiß. In meisterlicher Kom- 
position verbinden sich die schönen Leiber der 
Götter zu einer Gruppe von mitreißender Bewegt- 
heit. 
Hier liegt eine ganz besondere Allegorie zugrunde, 
welche vorerst ungedeutet blieb. 
Die Suche nach der besonderen Morphologie der 
Handschrift des Meisters führte schließlich zu po- 
sitiven Vergleichen mit den Werken des großen 
Flamen Bartholomäus Spranger, der in jahrzehn- 
telanger Entwicklung die Strömungen der so viel- 
faltigen Schulen der italienischen Spätrenaissan- 
ce in seinen Personalstil aufgenommen hatte. 
Beim Studium Sprangers fand sich überraschend 
auch als Beweisstück der Kupferstich, der zur 
Identifizierung des Gemäldes und zu seiner Deu- 
tung führte. 
2 
Das Blatt (Abb. 2) stellt ebenfalls die "Fesselung 
Merkurs-i dar. Es ist eine Arbeit des fruchtbaren 
Augsburger Stechers Lukas Kilian (1579-1637). 
Es ist bezeichnet: "SCM Pictorl B. Spranger pin- 
xit - L. Kilian sculpsit et excuditu Der Stich ist 
undatiert. 
Zum Verständnis der allegorischen Bezüge sind 
die am unteren Blattrand wiedergegebenen latei- 
nischen Distichen bedeutsam: 
"Cedit Amor nulli, sapientia cedit Amori 
Mercurio, cernit, vincula ut indat Amor. 
Mercurio demum feliciter ergo litabis 
quam tua placatus sacra adamabit Amom 
(Die Liebe weich! vor nichts, die Weisheit weicht 
der Liebe, 
Merkur trägt die Fesseln, wie es die Liebe beut. 
Merkur wirst du darum glückhaft opfern können, 
wenn Gott Amor versöhnt dein Opfer liebgewinnt.) 
Diese Verse sind vermutlich geschaffen von dem 
Emblematiker und Hofdichter Kaiser Rudolfs ll. 
Ottavio da Stradaz. Sie werden uns deutlich in der 
doppelten Handlung, die auf dem Stiche darge- 
stellt ist: der Fesselung Merkurs im Vordergrund 
und des Opfers vor Merkurs Standbild im Hinter- 
grund. Dieses steht in einem klassischen Rund- 
tempel, unverkennbar von Gianbolognas berühm- 
ter Bronzestatue - dem Glanzstück der Kunst- 
kammer Rudolfs ll.: - abgeleitet. Eine Priesterin 
bringt das Rauchopfer dar. Beide Bildebenen ma- 
chen deutlich, daß es sich um eine Allegorie han- 
delt, die mit der einfachen Benennung "Die Fesse- 
lung Merkursri nicht hinreichend benannt ist. Wir 
haben daher - den begleitenden Versen gemäß 
- als Titel gewählt: "Die Weisheit beugt sich den 
Fesseln der Lieben, um dieses aus der Rudolfini- 
schen Kultur stammende Bildthema besser zu er- 
fassen! 
Gertrud von Schwarzenfeldä schreibt in ihrer Bio- 
graphie Kaiser Rudolfs ll., Ottavio da Strada, der 
Sohn des kaiserlichen Antiquarius und Kunst- 
händlers Jacopo da Strada, habe die Künstler 
auch in mythologischen Fragen beraten. "Jedes 
Werk mußte, um dem Kaiser zu gefallen, einen 

	        

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