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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXVI (1981 / Heft 177)

weben, der dem profanen Betrachter verbor- 
lieb und sich nur den Eingeweihten enthüll- 
ei der Gestalt des Mercurio - des Hermes, 
i Sprangers Werk eine große Rolle spielt - 
in wir daran, daß sie in der Rudolfinischen 
rdie Weisheit schlechthin bedeutet! Rudolf, 
aiser selbst, wurde von seinen zahlreichen 
logen und Adepten der Alchimie als "Neuer 
es Trismegistos-r, als Verkörperung des Got- 
er Weisheit, gefeiert! 
es, die Weisheit, Mercurio, der sich der Liebe 
llFl beugt: Bei solcher Bildersprache könnte 
inwillkürlich an Ottavios Schwester Kathari- 
l Strada denken, die lange Jahre hindurch 
.aiser fesselte. 
I. Evans' schreibt: nDas manieristische 
:werk war so reich an mythologischen An- 
ingen, weil die Welt als Mythologie verstan- 
rurde... 
inn der Komposition im Geiste der hofischen 
ifinischen Spätrenaissance wird uns leichter 
indlich vor der Noblesse des Gemäldes als 
im eher trivialen Stich. im Gegensatz zu dem 
ormatig gestalteten Stich verläuft die Kom- 
on des Bildes horizontal von links nach 
s in einem Breitformat. Das Nebeneinander 
ackten Gestalten ist lebhaft, doch harmo- 
. Während Venus im Bilde sitzt, steht sie im 
recht steif da, nur mehr ihr rechter Unterarm 
irtlich dem Gemälde entnommen. Merkur ist 
er gehalten, Amor tritt ihn auf dem Stich dra- 
l in den Rücken. 
il diesen Unterschieden überwiegen jedoch 
altem die Übereinstimmungen und beweisen 
ausalen Zusammenhang beider Kompositio- 
lie gleiche lnvention. Auf beiden Werken se- 
iir im Hintergrund den Hermestempel mit der 
e und die opfernde Priesterin, den wehenden 
1. Besonders auffallend gleichen sich im 
irgrund unten die Attribute des Merkur, Flü- 
lm und Caduceus, rechts unten Amors Kö- 
ind Bogen. Die Fessel am rechten Knöchel 
irs ist völlig gleich geknüpft. 
til aus B. Spangers "Fesselung Merkurs-i (Abb. 1), 
Köcher Amors 
til aus dem Kupferstich von L. Kilian (Abb. 2), der 
her Amors 
kungen 1 e 11 
Caesariae majestatis pictor e ihrer kaiserlichen Majestät 
nlr Neumann u.a.. Die Kunst der Renaissance und des Ma- 
imus in Böhmen, Prag issii, s. 160, 194, 195, 209. 
tatue des fliegenden Merkur war das prominenteste Werk 
den Bronzen Gianbolcgnas in Prag. Sie war schon 1565 
I Großherzog Cosimo l. von Florenz nach Wien an Kaiser 
Tiiliari ll. geschickt worden. Rudolf ll. brachte sie nach 
xoiogne, Ausstellungskataiog, Wien l97BI79, s. 1a, und: 
(unstkammerinvantar Kaiser Rudolfs ll. 1507-1611, her- 
agaben von Flcitraut Bauer und Herbert Haupt; in: Jahrbuch 
unsthistorischen Sammlungen, Wien, 7211976, Nr. 970. 
iegeride Merkur als Ktlnder der Weisheit, dessen erhobener 
ringer die göttliche Intuition empfängt, war ein Symbol des 
irtums. Auf Leone Leonis Medaille für Kaiser Maximilian ll. 
der Revers den fliegenden Merkur und die Umschrift: DUO 
ATA VOCANT (wohin mich das Schicksal rult). 
tnrn.a,s.11a. 
ude von Schwarzenfeld, Rudolf ll., der Saturnische Kaiser; 
heri 1965. S. 60, 97. 9B. 
'1lr Neumann. wie Anm. 2. 5.184. 
iermes Trismegistos der Griechen tragt die Uberlieierung 
rriechischen Mondgottes Thof, des Gottes der Weisheit. 
an überlieferte angebliche Schriften spielten bei den Ge- 
rvissenschaften eine große Rolle. 
Evans. Rudolf ll., Ohnmacht und Einsamkeit; o.J., S. 176. 
Dietz. Der Holmaler Bartholomaus Spranger; in: Jahrbuch 
liertiochsten Kaiserhauses, Band XXVIII, Heft 3, S. 14. 
ld Oberhuher, Die slili sche Entwicklung im Werk Bartho- 
ts Sprangers, ungedr. Diss., Wien 195a, s. 20a und zae. 
tich von Goltzius nach Sprangers r-Hochzeltsmahl der Göt- 
st richtungsgleich mit dem Vorbild, doch existiert Spran- 
- schwache 7 Umzeichnung, die dem Stecher die selten- 
ie Reproduktion ermöglichte. Oberhuber, wie Anm. 10, 
M130. 
rar den Stich e. Sadelers nach Sprangers Gemälde mi- 
der Weisheit über die Unwissenheitu muB dem Stecher ei- 
itallrelchere Umzeichnung vorgelegen haben. Oberhuber. 
nm. ro, s. 292. 
 
2 
Grundverschieden jedoch bleibt die künstlerische 
Auffassung. Die klassische und vergleichsweise 
gemessene Auffassung im Gemälde ist im Stich 
einem recht trivialen "Vorbarockit gewichen. Mer- 
kur, der sich im Gemälde als schöner Gott zeigt 
und sich vor Venus' Macht in Würde beugt, er- 
scheint bei Kilian als gepeinigte Kreatur. Das Ge- 
mälde atmet die Kultur und den Geist der Spätre- 
naissance, der Stich ist eher derb. Schon Ernst 
Dietz schrieb: rrDer Stil wird durch die Stecher in- 
dividualisiert, besonders Lukas Kilian verzerrte 
durch seine kühne Talllenführung die Formen bis 
zur Ungenießbarkeitß 
Bei dem um ein Vierteljahrhundert jüngeren Kilian 
scheinen auch die modischen Tendenzen eines 
Stilwandeis zu wirken. Der Rücken des Merkur auf 
dem Stich mit seinen unwirklich geschwollenen 
Muskeln erinnert an die Ornamentik des Knorpel- 
stils, dessen Übertreibungen sich, ausgehend 
vom Ornamentstil des Adam van Vianen (gest. 
1627), im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts aus- 
breiteten. 
Einen schönen Beweis dafür, daß Kilians Stich 
diese jüngere Stilstufe vertritt, liefert Gott Amors 
Kocher rechts unten. in strahlendem Lila und mit 
Gold beschlagen, leuchtet er im Gemälde beson- 
ders auf (Abb. 3 und 4). Die Montage des Gold- 
schmieds zeigt den nRudolfinischenrr Ornament- 
stil der Zeit zwischen 1590 und 1600. im Vergleich 
dazu erscheint der Köcher auf dem Stich orna- 
mentfreier gestaltet und ist in reinem Knorpelstil 
komponiert. Er wäre frühestens 1605 möglich. 
Auch daraus bestätigt sich die bisherige Datie- 
rung, die den Stich an das Ende von Sprangers 
Schaffen setzt." 
Die allgemeine Auffassung des Themas beweist 
ebenso wie die Prüfung der Details, daB das Ge- 
mälde vor dem Stich entstanden ist, daß letzterer 
- trotz mancher Verschiedenheiten - nach der 
lnvention des Gemäldes geschaffen wurde. Wir 
dürfen daher wohl annehmen, daß in diesem Ge- 
mälde Sprangers verschollenes Werk vor uns 
liegt. 
Es mag bei oberflächlicher Betrachtung verwun- 
dern, daB der Stich nicht seitenverkehrt zum Ge- 
malde erscheint, wie dies sonst meistens, durch 
den technischen Vorgang bedingt, der Fall ist. Es 
ist jedoch undenkbar, daß aus der übertreibend 
derben i-barockenr Darstellung Kilians ein nach- 
schaffender Maler in die straffere, klassisch-höfl- 
sche Komposition dieses Gemäldes hätte zurück- 
finden können in einer Art von Umkehrung des Io- 
gischen Stilablaufes. Von der Norm abweichende 
Vorgänge zwischen Stechern und Malern hat es 
durchaus gegeben. Auch bei Spranger kam sol- 
ches mehrfach vor." 
Es ist anzunehmen, daß Kilians Grundlage eine ei- 
gens angefertigte spiegeiverkehrte Umzeichnung 
Sprangers gewesen ist - oder eine umgekehrte 
Vorzeichnung Lukas Kilians selbst. 
Der Stilvergleich erweist uns den Kausalzusam- 
menhang; erst das Gemälde, dann der Stich.
	        

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