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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXVII (1982 / Heft 183)

im Tod noch weiterleidenden Christus abgelöst. Das 
Bild der Gottesmutter als rrTDGOIOKDSu, von dem der De- 
mutsmadonnadieihrLebenhindurchdieiiAncilladomi- 
niri, die Magd des Herrn der Verkündigung bleibt. 
AmdeutlichstenfaßbarwirddieserWandelandenitalie- 
nischen Tafelkreuzen des 12. und 13. Jahrhunderts. 
Das Kreuz aus dem Franziskanerkloster Zara (Abb. 2) 
entstand zu Ende des 12. Jahrhunderts im dalmatini- 
schen Grenzgebiet, einem Gebiet, in dem oberitaIieni- 
sche und byzantinische Einflüsse gleichermaßen wirk- 
sam wurden. Große und Plastizität des Kreuzes ent- 
stammen dem oberitallenischen Bereich, die strenge 
Form des Bildes Christi dagegen mit dem Gesicht des 
Pantokrators sowie die Darstellung des Erzengels Mi- 
chael, östlichen Darstellungen desjungsten Gerichtes 
entnommen, wird aus Byzanz bezogen. 
Das im zweiten Drittel des 12. Jahrhunderts entstande- 
ne Kreuz von San Damiano, das der Legende nach zu 
Franziskus gesprochen haben soll (Abb. 3). ist wesent- 
Iich weniger archaisch im Typus alsjenes von Zara und 
setzt in italotoskanischer Form die römisch-benedikti- 
nischeTraditionfort. DerCorpusChristiistweicher,das 
Hauptleichtgeneigt,derstrenge BlickgemildertAnder 
Spitze des Kreuzes ist die Aufnahme Christi nach der 
Auferstehung in den Chor der Engel dargestellt. In Iko- 
nenhafter Statuarik sind die dramatisch-narrativen As- 
sistenzfiguren der Spätantike neben den Corpus Christi 
gestellt. 
In dem Kreuz, das Giunta Pisano um 1240 für Santa Ma- 
riadegli Angeli schuf (Abb. 4), wird dertote anstelle des 
lebenden Christus gezeigt, die Auffassung von Christus 
ebensosehrverändert, wie die Funktion der Kreuztafel. 
Giunta greift den im Westen bisher weitgehend abge- 
lehnten byzantinischen Bildtypusdes totenChristus mit 
geneigtem Haupt und nach links ausbiegendem, mit 
Lendentuch bekleidetem Körper auf. Als erster wesent- 
Iicher Vertreter der maniera graeca verbindet er diese 
mitfranziskanischerFrömmigkeit. DenndiefürdenWe- 
sten neue Darstellungsform Christi als des Leidenden, 
toten, ja auch im Tode noch weiterleidenden, ist durch 
10 
franziskanische Passionsmystik und Passi0nsmedita- 
tiongepragtdie aufder ldeederCompassio, des "effek- 
tiven NECÜQTIBÖGDSG aufbaut. Die rasche Verbreitung 
der Kreuze entspricht der raschen Ausbreitung franzis- 
kanischer Frömmigkeit und franziskanischen Ge- 
dankengutes." 
Der franziskanischen Meditationsvorstellung kam die 
Bildsprache der Ikone weitgehend entgegen. Ikonen, 
die im Osten zum Kircheninventar gehören konnten, 
wurden im Westen mit der Ehrfurchtvordem kultischen 
Geheimnis umgeben. Nach Errichtung des lateinischen 
Kaiserreiches in Konstantinopel im Jahre 1204 kam es 
zu einem regelrechten lkoneriimport nach Europa, der 
eine Imitatio der Ikone, vor allem in den Kreisen der 
neuen franziskanischen Ordensgemeinschaft auslö- 
ste. 
In einer nordumbrischen Vitentafel des hl. Franziskus 
(AbbS). um t260I70inderNachfolgedesGiuntaPisano 
entstanden, wird Franziskus in feierlich hieratischer 
Haltung vor Goldhintergrund in der Mitteltatel gezeigt. 
Der Heilige steht streng frontal, das asketische Gesicht 
ist von grünltchem Inkarnat, in der Rechten hält der das 
Kreuz, in der Linken das Buch. Das mittlere Feld wird 
von je zwei Szenen umgeben. die Wunderheilungen 
nach dem Tod des Heiligen zum Thema haben. Das Re- 
tabel folgt damit dem System byzantinischer Heiligen- 
ikonen. 
Ein Diptychon aus der Schule von Lucca, heute in den 
Uffizien in Florenz (Abb. 6). in Größe und Thematik zu of- 
fiziell, um ein Privatbild zu sein, wurde um die Mitte des 
13. Jahrhunderts für einen Klarissenkonvent gemalt, 
um auf einem Altar zu stehen, vor dem, in Versenkung 
in das Bild, Gebetsübungen verrichtet werden konnten. 
Die Komposition bestimmen die dominanten Figuren 
des Kruzifixes und der Eleusa, der iiErbarmenden Got- 
tesmutterrr. Der ganze Kultplan des Jahres war in den 
beiden Polen der Mariologie und der Passion verankert. 
Die einschlägigen Texte der Marien- und Passionsmy- 
stik zeugen ebenso davon, wie die offizielle Franziskus- 
biographie des Bonaventura, die als Leitfaden für das 
5 Vilaretabel des hl Franzis- 
kus, nordumbrisch, um t260I 
t27O Vatikan. Pinacoteca 
Programm des Ordenszu lesen ist. Aber auch im Osten 
wardas Doppelbild von Eleusa und Kreuzigung eineder 
wichtigsten Kultikoneri des Passionsritus. Für die Dar- 
stellungdes Gekreuzigten ist dasVorbildeinesCrocedi- 
pinta evident. Dem entspricht die Größenrelation des 
Gekreuzigten zu den übrigen Figuren. Die AnhängerJe- 
su sind so dargestellt, als hätten sieden tabellone unter 
den horizontalen Kreuzbalken zu füllen. Dazu kommt in- 
haltlich die Übertragung in franziskanische Sicht. Das 
im Boden verwurzelte Astkreuz fordert zur Kontempla- 
tion nach Bonaventuras Lignum vitae auf, die vier Figu- 
rengruppen entsprechen jenen narrativen Erweiterun- 
gen des Passionstextes, wiesie inden "Meditationes vi- 
tae Christin eines toskanischen Franziskanermonches 
aus der Zeit um 1300 geschildert werden." 
Natürlich istjede Szene für sich als Grundlage einer ei- 
genen Versenkung gedacht. Die Begegnung Jesu und 
Mariä vor dem Stadttor wird zuerst dargestellt. "Als sie 
ihn mit dem schweren Kreuz beladen sah, sank sie halb 
tot vor Schmerz iri sich zusammen. Kein Wort brachte 
sie über die Lippen und auch der Herr konnte nichts sa- 
gen, da die Schergen ihn eilends vorübertriebenxiß 
Darüber folgt die Ohnmacht Mariens nach des Longi- 
nus' Lanzenstich, daneben die Szene: Maria begibt sich 
auf Geheiß ihres Sohnes unter den Schutz Johannes] 
undschließlichdas Bild derKreuzabnahme. Handlungs- 
ablauf und Kontemplation, die Einbindung in und die 
Herauslösung aus einem erzählenden, schildernden 
Zusammenhang halten sich die Waage. 
Demgegenüber steht die abgeschnittene Halbfigur der 
EIeusaalsBild im Bild, ihrzuseiten Petrus undJohannes 
derTäufersowiediehl. Klara, GründerindesOrdensder 
armen Schwestern. Unter der Marienikone, gleichsam 
als Predella _- dieser, das mehrteilige Altarbild vorbe- 
reitenden Komposition - sind Antonius von Padua und 
Franziskus zu seiten des hl. Erzengels Michael neben 
Antonius dem Eremit und Jakobus dargestellt. 
Abgesehen von der Tatsache. daß die Ikone dem Stre- 
ben nach Andachtsbildern der neuen franziskanischen 
Frömmigkeitsbewegung so sehr entgegenkam. mag
	        

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