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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXVII (1982 / Heft 183)

haus zu Frankfurt genannt werden. die - vielleicht 
doch selberniederländischer Provenienz -den Einfluß 
auf Deutschland dokumentieren und ähnlich wie bei 
Lücke den Büstenteil für relativ unwichtig erachtenß? 
Erst wenn wir auch über die Chronologie und vor allem 
künstlerische Entwicklung des nach England eingewan- 
derten David Le Marchand (1674 -1726) aus Dieppe 
präziser Kenntnis haben, wird man die Frage einermög- 
lichen Beeinflussung Lückes beantworten können. In- 
teressant ist zumindest für einzelne Werke Le Mar- 
chands, so ein frühes Doppelpcrtrat Williams I. und 
Marys in der Art Jean Cavaliersßs, eine gctisierende 
Maria mit KindmunddieGruppevonChronos,Opportu- 
nitas und Penitentia im Victoria and Albert Museum (in 
Anlehnung an die Marmorkcmposition Regnaudins), die 
retrospektive Haltung. während die späteren Bildnisse 
sich ausgesprochen auf einen mittleren Weg in der Dar- 
stellung des Individuellen und ganz Persönlichen und 
des Allgemein-Typischen im Sinne von Standeszugehö- 
rigkeiten einstellen. Am besten ließe sich noch das so- 
genannte Selbstbildnis Lückes (Abb. 4), ehemals in Ber- 
lin. in Auffassung und Faltenstil mit den Elfenbeinen Le 
Marchands vergleichen, z. B. mit den Büsten Georgs l. 
von England, Anne Churchills im Victoria and Albert Mu- 
seum London und dem 1718 datierten Porträt lsaak 
Newtons im Britischen Museumm". 
Es ist sehr gut möglich. daB auch Theophilus Wilhelm 
Freeses (1696 -1763) krasser Realismus im Detail, 
seine Vorliebe fürsinnbildlich reiche Aussage selbstbei 
Werken kleinsten Formats. wie u. a. die elfenbeinerne 
Hieronymus-Statuelte im Kunstgewerbemuseum der 
Stiftung Preußischer Kulturbesitzß" von 1726. die Lü- 
becker Vanitas-Allegoriefäg dazu die späten, lockerwir- 
kenden Büsten der Jahreszeilenm" und die zahlreichen 
Kopfe in Bremen, Schwerinm u. a. w.,zeigen, aufeben 
diese obengenannten niederländischen Quellen zu- 
rückgehen. Von 1728 datiert übrigens T. W. Freeses 
heute leiderzerstörtes. nur in einer Nachzeichnung des 
18. Jahrhundertsm erhaltenes Epitaph für die Gräfin 
Margarethe Genrude von Schaumburg-Lippe in St. Mar- 
tini in Stadthagen. das neben dem wappenhaltenden 
Chronos einen im Typ Lückes Figuren ähnlichen trau- 
ernden Putto zeigt. vergleicht man etwa den an dessen 
Elfenbeingruppe in Dresden von 1736! 
Nach den Daten der bisher bekannten vergleichbaren 
Arbeiten - 1726 Freeses Hieronymus, die Bettlerbüste 
(Abb. 36)"? 1728129 Lückes Lukrezia-Relief bzw. der 
Poltrone (Abb 10), sieht man von den Bildnisbüsten von 
1724 bzw. 1726 ab - ist nicht auszuschließen. daß 
J. C. L. Lücke zumindest anfangs der u. a. von Freese 
beeinflußte war. ein Verhältnis. das sich später mögli- 
cherweise umkehrte. WiederBriefv0n 1751 (Freese an 
Lücke) vermuten läßt (vergl. Anm. 92). scheint Lücke 
seinen Bremer Kollegen schon lange gekannt zu haben 
7 vielleicht schon seit etwa 1725126, als er. Lücke. auf 
dem Weg in die Niederlande. nach England war. Ob 
nicht Bildwerke wie der wächserne hl. Hieronymus mit 
dem Löwen im Museum für Kunst und Gewerbe in 
Hamburgm und im Herzog Anton Ulrich-Museum 
Braunschweigw Zeugnisse dafür sein könnten. daß 
Lückewie Freese ähnliche. iasogardieselbenvorbilder 
- in diesem Falle wahrscheinlich aus dem Kreis um 
Georg Petelßa - variierend übernahmen? Die Art der 
Haarsträhnung und Bildung der Zehen, der Löwe der 
Hamburger Gruppe deuten auf Lücke. 
So erinnern J. C. L. Lückes Braunschweiger Büsten ei- 
nerverhüllten Frau in Ton 1732 (Abb. 9)und Elfenbeine. 
auch die Alte mit Kopftuchm und die ebenfalls Lücke 
sehr nahestehende Frauenbüste mit Halbmaske eben- 
da (Abb. 34)'6" mit einer Variante in Leningradwg unmit- 
telbar an T. W. Freeses Arbeiten, an den allerdings spät 
entstandenen Winter in Bremen oder die Figur des Milo 
von 1726 in Schwerinm. zu denen u. a. der noch feintei- 
ligerklaublerischbehandelte. inderOberflächegerltzte 
Stockknopfgehörenmag,dereinverzerrtes, halberblin- 
detes Frauengesicht zeigtm. Darf man in dem aus El- 
fenbein flach silhouettiert geschnittenen Paar einer la- 
chenden Alten (Abb. 35) und eines Mannes mit pelzge- 
fütterter Mütze in Braunschweigmwirklich Lücke nahe- 
stehende Arbeiten sehen, diedie gleiche Vorlage benut- 
zen wie das Paar hochovaler Elfenbeinrellefs ebenda, 
die in ihrer etwas trocken graphischen Modellierung 
T. W. Freese zumindest sehr nahe stehen. wenn die 
zwei Paare nicht sogar direkt voneinander abhängen? 
Höchstwahrscheinlich von J. C. L. Lücke sind - ver- 
gleicht man u. a. diefrühen Dresdner Köpfe (Abb. 8)und 
die Braunschweiger Frauenbüsten (Abb. 9, Abb. 34) - 
zwei hochovale Ellenbeinreliets einer Verschleierten 
und einer Frau mit tränenüberströmtem Gesicht und ei- 
nem über den Kopf gezogenen Tuchm (wirklich eine 
Maria Magdalena)'".dieaberauch inbesondererweise 
FreesesAuffassung nahestehen.ohnedessenVorliebe 
fürdasganzkleinteiligeDetailin derDifferenzierungder 
OberflacheAuch und nichtzuletztden relativfrüh zu da- 
tierenden Berliner Büsten (Abb. 1, 2), Ausgangspunkt 
unserer Bemerkungen. der Verhüllten von 1732, den 
StatuettenderHandlerund Komödianten (Abb. 15 - 17) 
unddenTondiaus Elfenbeinin Dresden (Abb. 14. 18)von 
Lücke vergleichbar ist Freeses ausführlich doppelt si- 
gnierte Elfenbeinbüste eines Bettlers mit zerschlisse- 
nem Kostüm im Herzog-Anton-Ulrich-Museum Braun- 
schweig von 1726(Abb. 36), für die J. R. Rasmussen mit 
guten Gründen an ein Selbstbildnis des Künstlers denkt, 
dererstvierJahre späterals Freimeister in Bremen wirt- 
schaftlich selbständig und unabhängig wurde"? 7 
Oder sah J. C. L. Lückes Londoner Büste von 1726 ahn- 
lich aus. gab der etwas jüngere Lücke aus der Tradition 
der sächsischen Hofkunst, von den Kleinbildwerken ei- 
nes Wilhelm Krüger. J. H. Kühler oder Carl August 
Lücke d. Ä., vor oder nach seiner ersten Englandreise 
Freese den Anstoß zu dieserArt skurriler, nachdenklich 
stimmender Menschensicht? Für den Zusammenhang 
von Werken Freeses und Lückes sind nicht nur eine 
jüngst aufgetauchte Knabenfigur aus Elfenbein, son- 
dern vor allem ein 1736 datiertes allegorisches Relief, 
wahrscheinlich Verdammnis (Abb. 37), in derselben Pri- 
vatsammlung, von Interesse, das schon in der minutiö- 
sen Technik der Materialbehandlung. kennte man nicht 
die Signatur. nicht sogleich zuzuordnen wäre. Es wird 
demnächst ausführlicher besprochen. 
Anmerkungen 155 - 175 
'55 Dr. Charles F. Avery, London. bereitet eine ausführliche Publikation 
vor 
"' Sotheby's, London, Catalogueoi Medisval. Renaissance and Barnque 
Works 01 Art. 13 12,1979.S. 159. Kat. Nr. 297. Abb. 
1" Rüben L. Fuah. David L9 Marchanitfs Madonna snd Child. IÄNILIEI 
ofthe MuseumoiAn andArcheoingy. Urtiversity orMlssourICoIumbia. 
B, 1974, S. 3B 11.. Abb. S. 39, 42. 
1?" lnv. Nr. A 12-1931 und A. 67-1925. - O. M. Dil10n1 Catalogue, 
Nr. 455.Ahb. - Le Marchandsletziesdatiertes Bildnis ist ausdern Jah- 
re1722. Für ireundliche Einsicht in sein Material denke ICh Charles 
F. Avery. Lortdun 
15' J Rasmussen (Anm. 4). S. 56211., K31. Nr. 239. Äbb. 
H J Rasmussen (Anm. a; s. 564 F, Kat w. 240. Abb 
"ß J. Rasmussen (Anm. 4) s 56611.,Kal. 141.241 -244,Abb. 
"r Gerd Deumann: Dleiirenhsinsammlung das lernen KblnerKurfiirsien 
in den Mecklenburgischen Stsaismusean zu Schwerin. In: Belvsdsre 
9I10. 1926, Forum. S 31 , Abb. G. -Zud6rt Bremer Reliefs demnächst 
die entsprechende K51. Nr. (Kopi eines MilrtriSS. 1759) im Sammlunge- 
Katalog da! nschmittelaiterlichen Elrenbildwerke der Skulmurengsie- 
rie, Berlin. 
"i Das 111W. Friese tecit Bremen 1728- bezelcnneie Grabmal wurde 
19721. gr. T. zerstört, wenige Reste in der Fürsil. Hotkammerin Bücke- 
burg. wu sich auch die Zeichnung im Archiv belindet. Für freundliche 
Hilie danke ich den Kollegen im Niedersächs. Lsndesverwaltungsamt. 
Institut i, Denkmalpiiege, und im Niedersächsischen Staatsarchiv in 
32 
 
Bückaburg suwie der Fürsli. Huikammer-Verwaliung. 
'" J. Rasmussen (Anm. 4), S. 561 1., Kai. Nr. 238. Abb. 
"l C. Theuerkauri. L. L. Müller (Anm. 2), S. 21911.. Kai. Nr. 130. Abb. 
"' lnv. Nr. Wac. 131 b. H, 24.5 cm und - leidersiark zerstört - lnv. Nr. 
Wac 131 a). H. ca. 15 crn (Fragment). 7 Feneiope Hunterstiebel: 
A Siemens o1SainiJerome.ln:Bulle1in Museums er Art und Archeolo 
gy, TheUniversilyolMichigan 1, 1978(Ann Arbor), S. 4311.,Äbb. r2(laui 
Anm. 11 offenbar aur den Hamburger Katalog zurückgreilend). 
1" P. Hunier-Stiebel (Anm. 165). S. 45. Abb. 14 nach M. Leilhexlasper. 
'" C. Scherer (Anm. 12) Katalog, S. S4, Kai. Nr. 122. T31. 28. 
m C. Scharer (Anm. 12) Katalog. S. 64. Kat. Nr. 120. T31. 28. 
r" KaLLaningrad (Anm 16) SJBrNKaI. Nr. Qr-Aussß-Kai. Leningrad, 
1974 (Anm. 75) Kai. Nr. 53. Abb. - Vergl. hier Anm 24. 
r" G. Deilrrlenn (Anm. 151). s. 31. Abb. 5. 
r" C. Scherer (Anm. 12), Kaiaiog. s. 145. Km. Nr. 489.751. 70. 
'" QSchererMnm. 12). Katalog.S.91.KaLNr 27015017119 KaLNLSZQ 
1.,Tu1. 52 (Krieqsverlust). 
'" Inv. Nr. BVMQLINGÄBJSMGEE X 4,80m. FürrreundlleheAuskurrrtund 
P0108 danke ich Ekkahard Schmlcberger. Kassel. Beide Fieliels vor 
1795 irrventansien. 
'" S. die Bezeichnung im Inventar. 
'" J. Rasmussen (Anm. I) S. 561 1.. KAI. Nr. 238. Abb. - Die Verbindun- 
gen vonT. W. Fresse In Bremen nach Braunschweig. wo sich beide Mab 
leslne Reihevon kleinen elienbelrremen Bergmarrrrsliqiircherr -einer 
Serie? - berinden. versucht Alrred Löhr. Bremen. Zu klären, dem ich 
-- 10r oftmalige Hilfe danke. 
' Für Hilfe und Unterstützung bei der Beschaffung von Folns und speziel- 
ler Literatur, iurara Erlaubnis zur Fublikahon und Heundllchrkolleqlile Hin- 
weise danke 10h vor allem S1e13ri Bursche. Berlin; Lucy M Cullen. London; 
Dr. F. Ducrel. Krlchberg; Gerald Heres und Joachim Menlhausen. Dres- 
den: B040 Hederguti und Jnharrna Lessmann. Braunschwe Bernd Halt- 
rnanrr und Hermann Jeoding. Hamburg; Alrred Loh r, Breme . John F. Mal- 
leii. London; Waltraud Neuwirih, Wien; Rainer Rücken. München; Günter 
Schade. Berlin-Köpenick; H. Strutz. Schwerin; Fleiner Winkier. Biebrich.
	        

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