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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVII (1972 / Heft 122)

Für den Kunstsammler 
Geschnitzte Pinzgauer Zirbenholzmöbel 
Die auffallenden Merkmale tirolischer und aber- 
österreichischer Möbel sind durch eine Reihe von 
Veröffentlichungen bekannt geworden, nicht aber 
iene des Salzburger Landes. Dadurch werden 
solzburgische Stücke meist nur als „Alpenländisch" 
bezeichnet. Van den fünf Gauen des Landes 
Salzburg haben aber der Pinzgau und der Lungau 
Formen von unverwechselbarer Eigenart hervor- 
gebracht. 
Die Spitzenerzeugnisse des Salzburger ländlichen 
Möbels sind im Pinzgau entstanden; denn in diesem 
Gebirgsgau wuchsen nicht nur die Zirbe [Pinus 
cembra), die durch ihr Holz eine reiche Ober- 
flächenbeschnitzung ermöglicht, sondern auch die 
ausgezeichneten Almgräser, die eine gewinn- 
bringende Viehzucht und damit Bargeld einbrachten. 
Zugleich brachte der rege Saumverkehr über den 
Alpenhauptkamm das sonst den Bergbauern so 
mangelnde Geld ins Land. Dadurch erklärt sich 
der [seinerzeitige] ungewöhnliche Reichtum dieses 
Gaues an reichgeschnitzten Stubeneinrichtungen. 
Sie wurden beim einheimischen Dorftischler bestellt, 
der auch meist Bildhauer, stets aber ein guter 
Schnitzer war. 
Das Zirbenholz ist weich und zäh, daher zum 
Schnitzen bestens geeignet. In der Hauptsache 
entstanden aber erst im "I8. Jahrhundert Kästen, 
Truhen und Betten, deren Schaufläche ganz mit 
Schnitzwerk überzogen wurde. Oft ist ihnen auch 
noch ein freigeschnitzter Aufsatz aufgesetzt. Aber 
durch die alpine Retention gegenüber neuen Stil- 
formen zeigen sich die üppigsten Rocailleformen 
erst um 1780, die dann noch über das Jahr T800 
hinaus verwendet wurden. Im Laufe der Jahrzehnte 
bekommen Zirbenhalzmöbel eine silbergraue 
Holztönung, die leider oft als zu diskret empfunden 
wird, so daß man durch beizen oder locken eine 
kräftigere Tönung zu erreichen sucht. Man erzielt 
dadurch aber nur eine unbehebbare Schädigung 
des unvergleichlichen Reizes der fahlen Holzfarbe. 
Gerade durch sie wirkt die überaus reiche Schnitz- 
arbeit nicht überladen! Meist werden im Handel 
die Kästen auch austapeziert, wodurch der würzige 
Halzgeruch unterbunden und das Holz um eine 
weitere Tugend gebracht wird; denn dieser harzige 
Duft ist mottenabweisend. Zirbenholz nur vom 
Kern, ohne Splint verwendet, ist auch holzwurm- 
sicher. 
ln alten Nochlaßinventaren liest man, daß zu 
dieser Art Möbel stets nur grüne Bettdecken, 
Vorhänge und Sesselüberzüge verwendet wurden, 
die sich in den reseda- und mandelgrünen Tönen 
als Komplementärfarbe zur Zirbenholzfarbe bestens 
eignet. Dazu hingen im Herrgottswinkel keine 
farbigen Bilder, sondern nur Spiegelbilder, was im 
Zusammenhang mit dem silbergrauen Naturglanz 
dieses Holzes einen raffinierten Zusammenklang 
ergab. 
In Mittersill befand sich die Tischlerei des begabten 
Petrus Schmied, geb. T737. Die vielen von ihm 
erzeugten Möbel wurden vielfach in seiner Werk- 
stätte auch gleich bunt bemalt. Durch Kirchen- 
rechnungen weiß man über diesbezügliche Lieferun- 
gen, die durch Vergleich mit Profanmöbeln 
Anhaltspunkte über das Formgut seiner Werkstätte 
geben. Siehe z. B. die Lisenen an der Bramberger 
Kanzel, die auch auf vielen Pinzgauer Kästen 
artgleich zu finden sind. Häufig ist es auch dieselbe 
Kartuschenform, die sich am Pinzgauer Möbel auf 
dem „Kranz" [abhebbarer Kastenaufsatz) befindet, 
die man auf Altären wiederentdecken kann und die 
so Zeugnis für dieselbe Werkstätte geben. Weiter 
vermitteln uns die in der zweiten Hälfte des 18. 
Jahrhunderts aufkommenden, in den Holzgrund 
eingepunzten Sternd1en und Rädchen Spuren zur 
Werkstätte. Sie haben eine verschiedene Anzahl 
von Speichen, wie sie das in einer Tischlerei 
vorhandene Stempeleisen hinterließ. Da diese 
Sternchen auch zur Belebung des Grundes auf 
Kirchenbänken angebracht wurden, über deren 
Lieferung die Rechnungsbücher Auskunft geben, 
können auch sie Hinweise auf den Meister geben. 
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