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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVIII (1973 / Heft 130 und 131)

bautens, daß sowohl das Erdgeschoß wie das 
erste Obergeschoß des Eckhauses ursprünglich 
überwölbt waren und daß die Gewölbe besei- 
tigt wurden, als man beide Geschosse aus be- 
triebstechnischen Gründen einheitlich zu Ge- 
schäftszwecken nutzen wollte. Die bautechnische 
Lösung fiel infolge der Beengtheit des Raumes 
und der problematischen Zielsetzung eher küm- 
merlich aus und ist heute ohne Zweifel völlig 
veraltet. 
1921 wurden die Fassaden des Eckhauses („Sla- 
mahaus") und bald auch des danebenliegenden 
Obiektes Brodgasse 13 („Fürsthaus") durch den 
Stadtbaumeister und Gemeinderat Franz Wag- 
ner renoviert. Wagner, der auch zahlreiche an- 
dere Salzburger Bürgerhäuser wiederhergestellt 
hatte, schlug dabei den ganzen Verputz ab, um 
die ursprüngliche Baustruktur aufzudecken. Da- 
bei sah man „bei fast allen Fenstern"" profi- 
lierte spätgotische Fenstergewölbe mit ie drei 
überstabten Vorhangbogen als oberen Ab- 
schluß. 
ln der Publikation „Stadterhaltung und Stadt- 
erneuerung in Salzburg an Beispielen der Re- 
staurierungen Franz Wagners"7 schreibt der 
Verfasser, Dr. Kai Mühlmann: „Eines der inter- 
essantesten Ergebnisse erbrachte aber die Re- 
staurierung des Slamahauses am Alten Markt. 
Dieses prachtvolle Bürgerhaus mit seiner elegan- 
ten, imponierenden Ecklösung legte von vorne- 
herein die Vermutung nahe, daß die etwas ein- 
tönige Fensterbehandlung - gerade horizontale 
Balken überhöhten Fenster der ersten drei Stock- 
werke - nicht das Ursprüngliche war. Das glück- 
liche Werkprinzip Wagners, durch Abschlagen 
des alten Putzes iede Fassade auf ihre Urform 
hin zu untersuchen, förderte hier nicht nur ein 
selten schönes Ornament aus spätgotischer Zeit 
zutage, Wagner gewann damit zugleich auch 
die Wiederherstellung des alten Kompositions- 
gesetzes dieser Fassade, das von dem klassi- 
zistischen Schema mit geraden Balken grundle- 
gend abweicht. Ein Blick auf die Abbildungen 
zeigt, daß es sich oben um ein bloßes Addieren 
der Fenster zur gleichmäßigen Reihe handelt, 
während das spätgotische Kompositionsgesetz 
einen aus vier Fenstern gebildeten Angelpunkt 
der Fassade in das Zentrum der ganzen Haus- 
wand rückt. Dieses Zentrum wird gebildet durch 
eine dreieckige, aus den vier ornamentierten 
Fenstern gewonnene Hauptfigur, um die sich 
die Nebentrabanten der übrigen, schmucklosen, 
dadurch viel kleineren Fenster gruppieren. 
Die Bildung und Anbringung des Ornamentes 
selbst in leicht vertieftem Feld wahrt, wie man 
sieht, wie überall in Salzburg streng die Sub- 
ordination des Dekors unter die Fläche der 
Wand. Gleichzeitig wurde bei dieser wertvollen 
und fruchtbaren Rekonstruktionsarbeit gegen 
den Residenzplatz zu ein schöner Konglomerat- 
pfeiler bloßgelegt, welcher die Hauskante bis 
zum dritten Stockwerk führt. 
Die bauliche Situation ließ weiterhin vermuten, 
daB das Slamahaus zusammen mit dem Fürst- 
haus einen Komplex gebildet haben müsse. Bei 
der einige Jahre später erfolgenden Renovie- 
rung des Fürsthauses, die gleichfalls Wagner 
übertragen wurde, stieß man denn auch, die 
Bestätigung für iene Vermutung findend, alsbald 
auf eine Reihe gleich gestalteter Fensterdekors 
aus Konglomerat. Diese beiden Fassaden gehö- 
ren nun unbestritten zu den interessantesten 
auf dem Boden der Stadt Salzburg und haben 
wohl die Richtigkeit der von Wagner angebahn- 
ten Restaurierungsmethoden schlagend darge- 
ton." Dr. F. Martin schrieb aus diesem Anloß1921 
im Salzburger Volksblatt: „Die Aufdeckung die- 
ses Hausschmuckes wurde von allen, die var- 
übergingen, mit dem größten Interesse, ia sogar 
46 
mit einer gewissen Spannung verfolgt, was 
einerseits für den unserer Bevölkerung inne- 
wohnenden historischen Sinn zeugt, andererseits 
aus der Seltenheit gotischen Bauschmuckes im 
heutigen Salzburg zu erklären ist..." Wenn sich 
also ietzt am Hause Residenzplatz 2 gotischer 
Dekor fand, so taucht gleichsam ein Stück des 
mittelalterlichen Salzburg vor Wolf Dietrich, von 
dem niemand mehr etwas wußte und das man 
verloren glaubte, empor, und das ist das Reiz- 
volle an der Sache . .. 
Nach dieser Untersuchung steht nunmehr fest: 
1. Bei „fast allen Fenstern" kamen 1921 die 
wertvollen spätgotischen Stabwerkfenster mit 
Varhangbogenabschluß zum Vorschein. 
2. Freigelegt wurden lediglich die unbeschädig- 
ten Fenster, die übrigen wurden aus Zeit- und 
Geldmangel nicht erneuert, sondern wieder 
wie zuvor verputzt. 
3. Die heutige Erscheinung dieses Baublocks ist 
nicht nur wegen der halben Freilegung, son- 
dern auch wegen der Fensterkonstruktion 
bzw. Fensterteilung und des unschönen Laden- 
einbaus im Erdgeschoß ebenso unerfreulich 
wie unhaltbar. 
Leider sagt keiner der beiden Berichte (Mühl- 
mann, Martin) etwas über die genaue Anzahl 
und Lage der freigelegten und wieder verputz- 
ten gotischen Fenster aus. Auch die zahlreichen 
Abbildungen bei Mühlmann schaffen hier keine 
Klarheit. Deshalb hat das Institut für Baukunst 
und Bauaufnahmen der Technischen Hochschule 
Wien unter der Leitung des Verfassers eine 
Bauaufnahme des gesamten Baukomplexes 
durchgeführt", um aus verschiedenen Kriterien, 
wie Mauerstärke, Gewändeausbildung, Fenster- 
größen, Lage der Fenster in den Fassaden, be- 
stehende bzw. ehemalige Gewölbe und Raum- 
teilungen (alte, abgebrochene und neu einge- 
setzte Trennwände), eine genaue Bauanalyse zu 
erhalten. 
Aus dieser Analyse ergab sich dann, daß im 
Unterbau des Komplexes noch ältere Bauteile 
stecken. Der Hauptbestand beider Häuser stammt 
aus einer einheitlichen Bauperiade aus dem 
Anfang des 16. Jahrhunderts (keine Feuer- 
mauern zwischen den beiden Häusernl), aus der 
auch die ziemlich einheitlichen spätgotischen 
Fenster stammen. lm Anlagetyp sind die Häuser 
auffallend ähnlich, wenn auch das Eckhaus Alter 
Markt S-Residenzplatz 2 infolge seiner städte- 
baulichen Funktion eine Sonderstellung einnahm. 
Bei fast gleicher Länge sind die Häuser im 
Grundriß in ihrer Längsachse dreigeteilt, wo- 
bei die Portale mit dahinterliegendem Flur ie- 
weils fast genau in der Mitte lagen. Die Trenn- 
wände laufen ieweils parallel zu diesem Flur 
bzw. dem dahinterliegenden Stiegenhaus beim 
Eckhaus in Nord-Süd-Richtung, beim Nebenhaus 
in Ost-West-Richtung. Die Räumlichkeiten im 
Erdgeschoß und 1. Obergeschoß waren früher 
durchwegs, im 2. Obergeschoß nur zum Teil 
überwölbt. Durch die Grundriß- und Gewölbe- 
unterteilung ergab sich die fast barock anmu- 
tende strenge Achsteilung: Beim Eckhaus neben 
der Mittelachse ie zwei, beim Nebenhaus ie drei 
Fenster. Lediglich im 1. Obergeschoß des Edr- 
hauses ist dieses System beim Vorbau schon ur- 
sprünglich durchbrochen worden '. 
Auffallend ist bei diesem Befund, daß im 1. 
Obergeschoß nur diese vier (3+1 an der Schmal- 
seite!) Fenster des zur Residenz gerichteten Vor- 
baus die reichere spätgotische Form aufweisen. 
Dies zeigt einerseits die Bedeutung dieses Vor- 
baus, andererseits aber die weniger wichtige 
Funktion der anschließenden „Gewölbe" dieses 
Stockwerkes, die nur Lagerzwecken dienten. 
Nicht ausgeschlossen ist auch, daß hier noch 
Fenster eines älteren Bauteiles übernommen wur- 
l Salzbur, Altstadt, Spätgotisches Bürgerhaus, 
Residenzplatz 2 - Alter Markt 5 - Brodgasse 13 - 
Zustand mit barocker Fassadierung auf einer 
Zeichnung „Marktplatz zu Salzburg", Anfang 
19. Jahrhundert 
2 Ansicht des Hauses (Abb. 1) von Westen: Ecke 
Alter Markt l Residenzplatz 
3 Fassade des Vorboues des Hauses (Abb. 1) 
gegenüber der Residenz nach Freilegung der 
Fenster im Jahr 1921 
4 Schemaskizze der bereits freigelegten, der ver- 
mutlich unter Putz verborgenen spätgotischen 
Stabwerkfenster bzw. der übrigen Fenster des 
Hauses (Abb. 1) (Vorskizze zur Bauanalyse 
Koepü 
5 Zustand nach Freilegung sämtlicher gotischer 
itabvflerkfenster des Hauses (Abb. 1). Bauanalyse 
oep 
Anmerkungen 1-9 (Anm. 1-4 s. Text S. 45] 
' Im Besitz der Altstadt-Evidenzstelle. 
' Im Besitz der Altstadt-Evidenzstelle. 
11m Besitz der Altstadt-Evidenzstelle. 
' lm Besitz der Altstadt-Evidenzstelle. 
5 Im Besitz der Altstadt-Evidenzstelle. 
f F. Martin, Aus dem Salzburg van einst, Solzburger 
Volksblatt m1. Feuilleton. b 
' lndustrle- und Gewerbe-Verlag, MünctieneWlen, 1932. 
' Bauautnahmen des Instituts für Baukunst und Bauant- 
nahmen der m Wien, aufgenommen 1971173 durch Slmd 
Johannes, Wallner Wolfgang, Eichlnger Christian, Hanke 
Manfred, Höss Peter. 
' Vgl. unten das Kapitel über die Wappenschilde.
	        

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