MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst XVIII (1973 / Heft 130 und 131)

uieter ächrage 
Gibt es artifizielle 
Kreativität? - 
Uber die Möglichkeit der 
Nachbildung kreativer 
Prozesse durch Automaten 
Paris 7959: Eine Maschine malt Bilder 
Eine Malmaschine, die auf einer Papierralle 
automatisch und schier endlos Bilder produ- 
zierte, wurde anlößlich der Pariser Biennale 1959 
einem staunenden Publikum vorgeführt. Erfin- 
der dieser Malmaschine mit dem Namen „Meta- 
matic" (Abb. 1) war der in der Schweiz geborene 
und seit 1952 in Paris lebende Plastiker Jean 
Tinguely, der in den folgenden Jahren dann 
noch wiederholt mit „metamechanischen", teil- 
weise ironisch-absurden „Maschinen" hervortrat. 
Nach seiner Bilder produzierenden „Metamatic" 
auf der Pariser Biennale schrieben manche Kri- 
tiker - es war damals die Zeit der Dominanz 
der abstrakten, meist tachistischen Malerei - 
zwar nicht vom Ende der Kunst, doch aber vom 
anbrechenden Ende der Bilderproduktion durch 
den Künstler. Die Kunst aus der Maschine wurde 
beschworen. Das Ende der Bilder malenden 
Künstler kam bisher nicht. Tinguelys Sensations- 
maschine wurde bald wieder vergessen. Und 
Tinguely selbst baute eine neue, vielleicht pro- 
phetische „Maschine": eine sich selbst zerstö- 
rende Maschine mit dem Titel „Huldigung an 
New York". Allein die ldee der Kunst aus der 
Maschine blieb weiterhin wach. Und es ist eine 
ldee, die es schon seit Jahrhunderten gegeben 
hat: bereits um 1660 hatte Kirchner eine Kom- 
poniermaschine beschrieben. (Siehe hierzu auch 
„Kunstfertige Automaten als Traum und als Wirk- 
lichkeit" von Goldscheider-Zemanekl.) In Tin- 
guelys Malmaschine hatte diese ldee wieder 
einmal eine aktuelle Ausprägung erfahren, und 
in den Jahren nach 1960 wurde sie dann be- 
sonders in der Computerkunst betont. Beson- 
ders in den USA und in Deutschland tauchten 
nach 1960 im Bereich der Musik, der Grafik und 
dann auch der Literatur die ersten Kunstpro- 
dukte auf, die als Computerkunst, als in einem 
Computer produzierte Kunstwerke, bezeichnet 
wurden. H. W. Franke hat in seinem 1971 er- 
schienenen Buch „Computergraphik - Compu- 
terkunst", das einen guten Überblick über die 
bisherige Entwicklung gibt, die Computerkunst 
wie folgt definiert: „Als Computerkunst soll ie- 
des ästhetische Gebilde verstanden werden, das 
auf Grund von logischen oder numerischen Um- 
setzungen gegebener Daten mit Hilfe elektro- 
nischer Automaten entstand." Entscheidend bei 
der Kunst aus dem Computer ist, daß die künst- 
lerische ldee, die kreative Phase in ein Pro- 
gramm - zunächst in ein „künstlerisches Pro- 
gramm", dann in ein mit Rechenschritten faß- 
bares „mathematisches Programm" und schließ- 
lich in ein in eine EDV-Anlage eingebbares 
„Maschinenprogramm" - gefaßt werden kann 
und daß der Schaffensvorgang des Kunstwer- 
kes sowohl in seinem mechanistischen Teil als 
auch in seiner komplexen Strukturverknüpfung 
durch die spezifischen Möglichkeiten des Com- 
puters simuliert wird. 
Was ist Kreativität? 
Die Computersimulation von Kunstprozessen, al- 
so das modellhatte Nachbilden von kreativen 
Vorgängen mit Hilfe von elektronischen Daten- 
verarbeitungsanlagen, hat natürlich von Beginn 
an zahlreiche Fragen nach dem Wesen der 
Kunst hervorgerufen. Von einem reflektionsfeind- 
60 
ucnen, überkommenen Standpunkt aus wurde 
von vornherein iede Möglichkeit, mit oder im 
Computer Kunstprodukte herzustellen, geleugnet. 
Urteile dieser Art berufen sich meist auf die 
Unnachbildbarkeit schöpferischer Vorgänge und 
betonen die eigentliche Unfaßbarkeit der nur 
dem menschlichen Wesen eigenen und letztlich 
nicht bestimmbaren Kreativität. Ungeachtet die- 
ser Standpunkte entwickelten aber kunstambi- 
tionierte Computeringenieure und Wissenschaft- 
ler und zu technologischen (elektronischen) Ex- 
perimenten fähige Künstler (bzw. aus Ingenieu- 
ren, Wissenschaftlern und Künstlern bestehende 
Arbeitsgruppen, wie z. B. die Wiener Computer- 
kunstgruppe „ars intermedia") das, was in dem 
vielschichtigen Spektrum der Kunst unserer Zeit 
als Computerkunst Bedeutung und Beachtung 
1 Jean Tinguely,_Molrrt_aschine „Metamatic", an- 
läßlich der Pariser Biennale 1959 vom Erfinder 
vorgeführt _ 
4 „Ars lntegrmedia" - imaginäre Architektur, 
Turmkomblnat Neu-Babylon, Computerpro- 
gramm 8t T, R, P, x, 5x, korr.; H 1971
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.