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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXVI (1981 / Heft 178 und 179)

Jahrhunderts mit dem Orient. Manche wählten ihn 
im Verlauf oder unmittelbar nach einer Reise zum 
Thema, andere schöpften aus dem Erlebnis eines 
einziges Aufenthalts im Süden immer wieder und 
viele Jahre lang, und wieder andere kannten nur 
Beschreibungen und Ansichten aus Reisebüchern 
und Zeitschriften und nahmen orientalische The- 
men vereinzelt in ihre Gestaltungswelt auf. Seit 
den siebziger Jahren waren im Künstlerhaus eini- 
ge Werke französischer Orientalisten, wie Horace 
Vernet, Eugene Fromentin und Jean-Leon Gero- 
me, ausgestellt. 
Leider gibt es keine Monographie L.C. Müllers, 
weil das Bildmaterial zum größten Teil in engli- 
schem Privatbesitz und unerreichbar ist. Eine 
1922 herausgegebene Sammlung von Briefen des 
Künstlers an Ferdinand Lautberger, August von 
Pettenkofen, Georg Ebers u.a. sowie von einigen 
Briefen an ihn informiert jedoch ausgezeichnet 
über sein Lebenß. Im Winter 1873174 hielt sich der 
Maler zum ersten Mal in Ägypten auf. Vorher (von 
Dezember 1872 bis Sommer 1873) war er zusam- 
men mit Eugen Jettel in Sizilien. nlch arbeite immer 
im Freien, und zwar in der Sonne. ich wage viel, 
denn von der Sonne beleuchtete Figuren sind 
schwer in eine Bildwirkung zu bringen...tt (Brief an 
Laufberger vom 21. Janner 1873). "Was Farbe an- 
belangt, so kann ich behaupten, daß ich heute 
Dinge weiß, von welchen ich noch vor 2 Monaten 
absolut keinen Dunst hatte, doch mit aller Mühe 
ist es mir noch nicht gelungen, ein diesem Wissen 
conformes Produkt zu Tage zu fördernd: (Brief an 
Laufberger vom 16. April 1873). Müllers einziger 
Trost war, daß es Jettel, der schließlich vergramt 
abreiste, noch schlechter ging. In Kairo wollte 
Müller Studien vor der Natur malen und nicht, wie 
in Palermo, fertige Kompositionen. Erst im Wiener 
Atelier sollten dann große Bilder aus diesem Ma- 
terial entstehen. Der Wunsch, nach Agypten zu ge- 
hen, kam nicht aus heiterem Himmel: Bald nach 
dem Abschluß des Akademiestudiums befand 
sich Müller in Szolnok, wo ihm andere Menschen 
mit anderen Lebensgewohnheiten begegneten, 
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die flache Landschaft unter einem dominierenden 
Himmel, der ein anderes als das gewohnte Licht 
verbreitet. Ein für Wiener Begriffe exotischer Ort. 
Müller schwebten schon damals große figurenrei- 
che Stimmungsbilder vor, die er in manchmal jah- 
relanger Arbeit versuchte auf die Leinwand zu 
bringen. So schuf er sein großes Bild vDie letzte 
Tagesmühu (Wasserholende Mädchen an der 
Theiss)', und unter denselben Vorzeichen schuf er 
auch sein Meisterwerk, den 1878 vollendeten 
"Markt in Kairon (Abb. Frontispiz, I, S. 1), der 1875 
ohne Vorgabe eines Themas vom Ministerium für 
Cultus und Unterricht für die Akademiegalerie be- 
stellt worden war. Es ist bezeichnend, daß Müller 
kein literarisches Thema wählte, sondern das Le- 
ben darstellen wollte, dem er in Kairo täglich be- 
gegnete. w... ich habe es vorgezogen, etwas zu 
malen, das gar keinen Titel hat, mir aber Gelegen- 
heit gab, malerisch zu wirken-t, erzählte er Georg 
Ebers in einem Brief vom 1. März 1878. Verschie- 
dene Figuren, die er nicht vor der Natur, sondern 
in Venedig (wo er ein Atelier in der Ca' Rezzonico 
besaß) aus der Erinnerung gemalt hatte (Müller 
schleppte das große Bild jahrelang zwischen Ve- 
nedig und Kairo hin und her), kratzte er herunter, 
um sie durch nach der Natur und im Sonnenlicht 
Kairos gemalte zu ersetzen (Brief an Laufberger 
vorn 22. Jänner 1878). Der i-Markt in Kairo" ist das 
Hauptwerk der Wiener Orientmalerei und auch ein 
Hauptwerk der realistischen Orientmalerei im eu- 
ropäischen Rahmen. Der "Poetische Realismus-i 
des Bildes" wird durch das Fehlen eines Themas 
betont, das Augenmerk des Beschauers würde 
durch Handlung von der Erfassung einer Stim- 
mung, der Atmosphäre nur abgelenkt. Zur glei- 
chen Zeit arbeitete Müller an Illustrationen für das 
Agyptenwerk Ebers", eine Aufgabe, die er nach 
seiner Berufung zum Akademieprofessor an 
C.R. Huber weitergab. Obwohl der ewige Zweifler 
Müller mit seinem Bild nicht zufrieden war (zu vie- 
le Figuren seien drauf, meinte er), gelang ihm ein 
solcher Wurf später nicht wieder. Die nSchule in 
Algiem (Abb. 2) aus dem Jahre 1887 zeigt deutlich, 
daß er seinem Ziel - oder war es ein Wunsch- 
traum? -, möglichst wwahrii zu malen, mit Hilfe 
geradezu fotografisch treuer Wiedergabe der Ge- 
sichter nahekommen wollte, daß jedoch der inne- 
re Zusammenhalt nur unvollkommen bliebl". Das 
mag damit zusammenhängen, daß es eines jener 
Bilder ist, die er aus der Erinnerung gemalt hat. 
Besonders lebendig und unmittelbar sind seine 
Porträtstudien, meist kleinformatig und im Gegen- 
satz zu den mehrfigurigen Bildern schnell gemalt. 
Das Porträt i-Nefusat- (Abb. 3) ist ein schönes Bei- 
spiel dafür, daß Müller nie das historische Ägyp- 
ten gesucht, sondern sich nur mit dem Heute be- 
schaftigt hat. So lehnte er auch Genrebilder mit 
Themen aus vergangenen Zeiten ab. 
Dieser Maler war ein unstetes Gemüt. Er fand zum 
Orient, weil sich das aus seiner Vorstellung, Wahr- 
heit in der Malerei finden zu müssen und sie nur 
unter einem fremden Himmel finden zu können, 
fast von selbst ergab. Denn das Licht, das die 
i-Wahrheit an den Tagii bringt, gab es seiner Mei- 
nung nach nur im Süden. So bewegte er sich im 
Lauf der Jahre immer weiter in diese Richtung: 
Szolnok, Venedig, Sizilien, Kairo und Oberägyp- 
ten. Wieder und wieder versuchte Müller seinen 
Freund Pettenkofen zu einem Ägyptenaufenthalt 
zu überreden, doch war dessen Scheu vor einer 
Seereise stärker. (Einmal schreckte Pettenkofen 
sogar erst in Triest angesichts des Meeres zurück, 
obwohl er sein Kommen schon angekündigt 
hatte). "Es ist eine zum Himmel schreiende Sünde, 
daß Du nicht hierher kommst", schrieb Müller am 
28. August 1881, irOberegypten ist Deine Domaine, 
ist für Dich erfunden worden. Niemand könnte 
Oberegypten so gut packen, als Du es könntest- 
Er selbst war neunmal in seinem "lieben" Ägypten 
(zwischen 1873 und 1886). Die meisten Bilder, die 
er dort malte, verkaufte er direkt an Reisende, vor 
allem an Engländer, die den Winter in Ägypten ver- 
brachten; dabei war seine Bekanntschaft mit dem 
Prince of Wales sehr nützlich. Bald gehörte er in 
den Augen des englischen Publikums zu den er- 
sten europäischen Orientmalern. Er war im Londo-
	        

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