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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXVI (1981 / Heft 178 und 179)

Es stand Großes auf dem Spiel, als sich Henri IV. für 
seine Hauptstadt Paris und eine katholische Messe 
entschied. Gegen seine innere Überzeugung ent- 
schloß er sich zu diesem Eingeständnis. Die Einheit 
der Nation und seine persönliche Vorrangstellung 
schienen der Lohn für den ßbedenklichen- Einsatz. 
l-lenris Ende ist bekannt. Er fiel durch Mörderhand. 
Die Metapher scheint weit hergeholt. verleugnet 
doch der qualifizierte Kunsthandel keineswegs 
seine innere Überzeugung, organisiert er sich ein- 
oder zweimal jährlich zu einer Leistungsschau in 
prunkvollem Rahmen. Und doch hat sie Gültigkeit. 
Gibt es doch fast keinen ambitionierten Kunsthand- 
ler in Österreich, der nicht unter der Belastung 
wKunst- und Antiquitätenmesse-x leidet; aber 
ebenso kaum einen, der daraus die Konsequenz 
zieht und nicht mehr teilnimmt. Was ist schuld an 
dieser fast schizophrenen Haltung? Was die Ursa- 
chen dafür, daß sich die Elite des heimischen Kunst- 
handels Jahr für Jahr- und das sogar zweimal - un- 
ter Murren und mehr oder weniger laut geäußerter 
Ablehnung dazu aufrafft, die beiden österreichi- 
schen Spitzenmessen zu beschicken; ein Unter- 
nehmen. das mit viel Aufwand an Arbeit, finanziel- 
lem Einsatz und Ambition verbunden ist. Jedenfalls 
ist das der Inhalt der Klagen, die man immer wieder 
hört. Was ist hier nicht in Ordnung? 
Wir glauben der Denkansatz. Wir sind der Meinung, 
daß die Einrichtung der Kunst- und Antiquitäten- 
messen in ihrer Funktion von vielen Händlern falsch 
definiertwird. einer fehlgeleiteten Einschätzung un- 
terliegt. Diese gilt es zu ändern; ein Unternehmen, 
das nur über eine vernünftige Definition der Aufga- 
ben der Kunst- und Antiquitätenmessen zum Erfolg 
geführt werden kann. 
Welche Aufgaben hat also eine Messe? Was ist ihre 
Funktion im Kunsthandel und welche hat und dart 
sie nicht haben? 
Messe ist Leistungsschau. Die gemeinsame An- 
strengung aller ermöglicht es, das Interesse für den 
Kunsthandel verstärkt zu wecken. Das heißt, zweimal 
im Jahr wird im Frühjahr in Salzburg und im Herbst 
in Wien vom österreichischen Kunsthandel alles 
mögliche unternommen. um aufzuzeigen, zu wel- 
chen Leistungen der heimische Kunst- und Antiqui- 
lätenhandel fähig ist. Er ruft sich als Branche und 
den einzelnen Händler als Spezialisten in Erinnerung; 
und zwar nicht mit Versprechungen, wie es bei an- 
deren Branchen üblich ist, sondern mit Beweisen, 
mit den ausgestellten und verkäuflichen Objekten 
seines Angebotes. Der Kunsthandel macht mit Hilfe 
dieser Messen darauf aufmerksam, daß es ihn gibt; 
und zwar in der Form vieler Einzelunternehmen, die 
Jahr und Tag das gleiche wie auf der Messe tun. 
Nämlich Kunst und Antiquitäten erwerben, erhalten, 
einordnen, präsentieren und verkaufen, möglichst 
an Leute, die auch wissen, was sie da erwerben und 
es dementsprechend schätzen. Die Messe ist fürden 
ernsthaften Händler eine Außenstelle, eine Anlauf- 
adresse, um sich und sein Geschäft, um seine Tätig- 
keit, die das ganze Jahr über dauert. vorzustellen. 
 
Der Trend läuft leider und im allgemeinen anders. 
Den Messen und in einigen Extremfällen den zahl- 
reichen anderen ßmesseähnlichenu Verkaufsmärk- 
ten wird das Ladengeschäft geopfert. Auf wenige 
Wochen wird die Hoffnung und die Ambition eines 
ganzen Jahres konzentriert. 
Das Jahr über werden dem Laden und dadurch der 
regelmäßig vorbeikommenden Kundschaft die be- 
sonderen Exponate entzogen; insbesondere dann, 
wenn - wie es vorkommt - inflationär alles. was es 
da so an Veranstaltungen gibt, beschickt wird. Das 
führt dazu, daß so manches ehemals florierende und 
durch sein permanent wechselndes Angebot ausge- 
zeichnete Antiquitätengeschäft im Alltag durch 
Mittelmäßigkeit und Leere unrühmlich hervorsticht. 
Das daraus resultierende mangelnde Kundeninter- 
esse wird mit dem Schlagwort "Das Ladengeschäft 
ist tote apostrophiert, ohne daßgesehen wird, daßja 
nur die eigene, falsche Politik und Einstellung an 
diesem Umstand Schuld trägt. Alle Hoffnung kon- 
zentriert sich auf die Messen. die unter diesen Um- 
ständen ausschließlich als Umsatzmekka betrachtet 
und dementsprechend angegangen werden. Viele, 
auch große Händler beklagen diesen Zustand und 
vermeinen. daß es keinen Ausweg gäbe. 
Der Kunsthandel spielt sich nicht ausschließlich auf 
den Pulten der Auktionare und in den Kojen der 
Messen ab. Zum überwiegenden Teil besteht er im 
persönlichen, hektiklosen Kontakt des Händlers mit 
dem Sammler oder Kunden, und zwar in den Räumen 
seines Unternehmens. Es ist dies eine Frage der Be- 
wußtheit und Einstellung sowohl des Händlers als 
auch der Kunden. 
Mit dieser Feststellung soll keineswegs den Messen 
das Wort geredet, sondern die Einstellung zum Mes- 
segedanken ganz allgemein relativiert werden. Es 
geht nicht an, ungerechtfertigte Präferenzen gelten 
zu lassen, die auf Kosten der Basis - dem Ladenge- 
schäft - allzu forciert werden. 
Die Messen sind gut und notwendig, doch keines- 
wegs ein Allheilmittel und die einzige Antwort auf 
die vielfältigen Fragen, die sich dem engagierten 
Kunsthändler stellen. 
Das Wohl einer Branche, also in unserem Falle das 
Wohl des Kunsthandels, fundamentiert sich in der 
Kontinuität der Leistung, einer Leistung, die darin 
besteht, das ganze Jahr über für den Kunden und 
seine Wünsche dazusein und - das sei unbenom- 
men - gelegentlich publikumswirksame Glanzlich- 
ter zu setzen. 
Das freilich bedarf starker Händler mit Erfahrung 
und Umsicht. Händler, die es verstehen, die Ge- 
wichte richtig zu setzen, die Überblick und Ambition 
genug besitzen, für das Wohl des Standes und dar- 
aus folgend natürlich auch für das eigene Wohl zu 
agieren. Diese Verantwortlichkeit schließt in sich 
ein, daß, wie es ia in verstärktem Maße geschieht, 
darauf geachtet wird. wer auf einer der beiden Kunst- 
und Antiquitätenmessen Österreichs ausstellt. Nicht 
ieder Händler ist schon geeignet dafür, nicht ieder 
besitzt genug qualifizierte Ware und - was vielleicht 
noch wichtiger ist - genug Verantwortungsbewußt- 
sein. Die Sorge um sogenannte Kcnkurrenzunter- 
nehmungen, die meistens bloße Verkaufsmärkte 
sind, soll da nicht dazu verleiten, Grundsätzliches zu 
vergessen. hereinzunehmen, was sich anbietet. 
Messen sollen Glanzlichter sein und kein Ersatz.
	        

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