MAK

Objekt: Monatszeitschrift II (1899 / Heft 10)

Tiepolo. An einer Fensterwand sieht man die Kunst in ihren ver- 
schiedenen Übungen. Zwei Kinder malen im Atelier nach dem 
Modell. Nach einem Mädchen mit ganz wunderbar modellirtem 
Rücken, in einem gelb und weissen orientalischen Seidenhemde von 
erstaunlicher Malerei, und nach zwei Kindern, deren nacktes Fleisch 
den schönsten Goldton Venedigs mit einem neuen, makartischen 
Schmelz verträgt. Das ist die erste Vollblüte Makarts, und sie bricht 
mit einem genialen Schuss und Glanz hervor, der eigentlich dann 
nicht die vollgiltige Fortsetzung fand. Zwischen zwei Fenstern sieht 
man endlich noch die Astronomie und Chemie, und in einer Fenster- 
ecke stellt ein nackter Junge, der kniend auf den Marmor loshaut, 
die Bildhauerei vor. 
Wir haben es nicht für überflüssig gehalten, diese bedeutende 
decorative Leistung zu besprechen, denn sie ist im Publicum zwar 
berühmt, aber ziemlich unbekannt. Das Makart-Zimmer ist ein wahres 
Denkmal des damaligen Wiener Prunkstils. 
Gustav Klimt hat das Musikzimmer eingerichtet. Es ist ein 
grosser, hoher Salon in einem freien Empirestil. Dunkles Mahagoni 
und zierliche Appliken in Goldbronze geben den Ton an. Die beiden 
I-Iauptthüren sind besonders hervorgehoben. Ihre Rahmen sind aus 
hellgrauem Carrara-Marmor, in dessen Profilirung ein Eierstab und 
eine Perlenschnur aus Goldbronze mitwirken. Die Supraporten sind 
zwei grosse Bilder von Klimt: die „Musik" und „Schubert am 
Clavier". Sie sind bekanntlich Hauptstücke der sogenannten 
„secessionistischen" Malerei jung-Wiens und haben als solche 
auf den letzten Ausstellungen geglänzt. Die Eigenthümlichkeit der 
malerischen Vision und ein nervöser Flimmer in Farbe und Licht, 
bei überwiegend heller Haltung, machen sie besonders geeignet, von 
hohem Standpunkte herab auf Saalweite zu wirken. Diese beiden 
Thüren sind noch zwischen zwei mächtige Pilaster aus dunkelgrünem 
Marmor gefasst, deren vergoldeter Applikenschmuck als zweiseitig 
gefiederter, symmetrisch gekräuselter Ornamentstreifen zu einer als 
Capitäl dienenden grossen Maske (Kopf) emporläuft. Eine reizende 
grünpatinirte Victoria (nach Klimts Zeichnung von seinem Bruder 
Georg gegossen) dient jedem Capitäl als Aufsatz. Die weisse 
Flachdecke hat wieder goldene Appliken in besonderer Anordnung. 
Sternenkränze und in einander gehängte Schlängellinien bilden in 
der Mitte ein luftiges System für sich, während in den Ecken, 
wiederum so inselartig, goldene Zweige mit Blüten sich zu leicht 
hingeschwungenen Kreisen schlingen. „Wir Architekten trauen uns 
nicht, so was zu machen", sagte ein bekannter Baukünstler, „wir
	        
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