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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXVIII (1983 / Heft 188)

iig Anhaltspunkte und man schwankt in seiner Beur- 
ing wiederum zwischen Leyden und Antwerpen. 
ierlich weist der Stil der Zeichnungen nicht zur 
audo-Blesir-Gruppe hin, es sind hier die ikonographi- 
en Beziehungen zum Wiener Tüchlein, die an den 
iverpener Kunstbereich denken lassen. Ähnliches 
üreineweitereZeichnung,die aufgrund ihrerik0no- 
mischen Verwandtschaften ebenfalls in Zusam- 
ihang zu dem WienerTüchlein zu stellen ist. Dieses 
ondon" aufbewahrte Blatt bildet fragmentarisch 
Jerum die weissagende Sibylle mit ihrer Damenbe- 
tung vor einer architektonischen Hintergrundlolie 
Die Hilfslinien durch die Mitte der Darstellung wei- 
das BlattalsFragmenteinesGlasfenster-Entwurfes 
Hier ergibt sich in Hinsicht auf das Wiener "Sibyl- 
üchlein-i die folgende Konstellation, daß zwar die 
ppe der vier Damen des Gefolges bis in die Kopfhal- 
ider einzelnen Figuren gleichlautend gestaltet wor- 
ist, wogegen die Haltung der Sibylle abweicht; sie 
st hier mit dem linken Arm nach oben, während sie 
ihrem rechten, der vom Blattrand überschnitten 
l, wohl auf den vor ihr knienden Kaiser gedeutet hat; 
ihn weist im vorliegenden Auschnitt nur mehr die 
ie zu Füßen der Sibylle. interessant istein Detail am 
de: Die Flahmung des Portals, das sich in der Zeich- 
g direkt hinter der Seherin öffnet, zeigt die gleichen 
elemente wie das Wiener Pendant - ein kurzer Bo- 
iries, Krabben auf dem äußeren Portalgewände. 
Londoner Blatt wird nun dem nordniederländi- 
an Kunstkreis des ersten Viertels des 16. Jahrhun- 
s zugewiesen; der penible, sachlich notierende Stil 
Zeichnung, die keine Antwerpener Stllmerkmale 
t, legt dies nahe." Hierbei ist allerdings zu beden- 
daß es sich um einen Glasfensterentwurf - mögli- 
'weise um eine Kopie nach einem solchen - han- 
dessen Ausführung viel stärkerdie Details der Dar- 
ung notiert. 
i Berliner Zeichnung führt wieder zurück in den Stil- 
s des nPSEUGO-BIOSM-MGiSIGTS. Die Assistenzfigu- 
iruppe derTiburtinischen Sibylle, wie sie das Londo- 
Blatt und das Wiener Akademietüchlein zeigen, ist 
in das Szenarium der Enthauptung Johannes des 
iers versetzt worden, rechts in den Hintergrund der 
ie." Diese Zeichnung steht in ikonographischem 
stilistischem Zusammenhang mitder Tafel gleicher 
stellung in Berlin, die als typische Arbeit des 
iudo-Blesu-Meisters vorgestellt wurde. Auch der 
henstil des Berliner Blattes schließt sich mit sei- 
nervösen Linienduktus dieser Werkgruppe an. Ka- 
3. Boon gibt bei dieser Zeichnung allerdings zu 
enken", ob es sich nicht um einen holländischen 
ator des aus Antwerpen stammenden Stils handelt, 
iewisser Nähe zum ldiom der Leidener Schule. Wir 
ien wenig Anlaß für diese Vermutung sehen, da die 
zichriete Fassung derJohannes-Enthauptung in der 
rengestaltung, in der Wiedergabe der gleichen bi- 
en Torsionen und spindeligen Einzelformen durch- 
jenen Stilduktus wie die gemalte Fassung zeigt. 
sind damit wieder auf dem glatten Parkett der Zu- 
eibungsfragen gelandet. Die Berliner Zeichnung 
ieBt eine lndizienkette ab, mit der wir zeigen woll- 
daß stilistisch ziemlich divergente Werke stets ein 
iandtes Vorbild, erstaunlicherweise daraus nur ein 
lll, variieren. lmTemperabild derWlenerAkademie 
man demnach mit allervorsicht wohl auch nur eine 
aung einer weitverbreiteten Komposition sehen 
sen. die Existenz einer zweiten Tüchleinfassung 
er Darstellung legt dies nahe. Vieles spricht dafür. 
alle Kompositionen beziehungsweise Motivauszü- 
erSibyllen-Darstellung aufeinen in derZeitsehrbe- 
iten Urtypus zurückgehen. 
:hdieTatsache,daßdasweiblicheGefolgederWie- 
Sibylle in jener Zeichnung in Berlin aus nächster sti- 
icher Nähe zum wPseudo-Blesii-Oeuvre auftritt, er- 
auch der hier geäußerte Zuschreibungsvorschlag 
Wiener iiSibyllentüchleinsk weitere Unterstützung. 
sich sowohl stilistische wie ikonographische Ge- 
"isamkeiten irn künstlerischen Umfeld der "Pseudo- 
Blesii-Gruppe und desiungen Jan de Beeransiedeln las- 
sen. Wichtig war uns auch zu zeigen, daß das Wiener 
iiSibyllentüchleinii nicht isoliert in der heute überblick- 
baren Entwicklung steht, sondern eine im damaligen 
künstlerischen Umkreis anscheinend gut bekannte 
Komposition überliefert. Diesen hypothetischen Urty- 
pus ikonographisch etwas näher zu fassen und vor al- 
lem Anhaltspunkte dafür zu suchen, wie weit er sich zu- 
rückverfolgen laßt, soll anhand einiger weiterer Beob- 
achtungen versucht werden. 
Kursorisch wollen wir nurwenige relevante Stationen in 
der ikonographischen Entwicklung der Darstellung des 
nAra-Coeliii-Wunders anmerken. Wie eingangs schon 
erwähnt, liegt einederbildlichen Quellen fürdie Illustra- 
tion dieses Themas in den Bildfolgen der Biblia Paupe- 
rum und des Speculum humanae salvationis." Im Spe- 
culum hat die Vision der Tiburtinischen Sibylle im Kapi- 
tel acht ihren Platz, sie gehört zur Typologie der Geburt 
Christi in eine Reihe mit dem Bild des Traumes des 
Pharao-Schenken und des blühenden Aaronstabs. Die 
Illustration der Visionsszene beschränkt sich dort auf 
das Figurenminimum und zeigt keinerlei Ansätze zu 
einer narrativen Ausweitung: Die Sibylle und Augustus 
stehen parallel zueinander oder einander gegenüber, 
der Madonnenerscheinung in der Mandorla über ihnen 
zugewandt; der Kaiser hat die Krone nicht abgelegt. 
Diese älteste Bildtradition reflektiert noch die Illustra- 
tion dieser Begebenheit in den nTres Riches Heuresii 
der Brüder Limburg", und zwar in getrennte Komparti- 
mente entsprechend dem Schmucksystem der Buch- 
seite gefaßt beten die Sibylle und Augustus das über ih- 
nen befindliche Madonnenmedaillon an. 
Hinsichtlich des altriiederländischen Kunstkreises laßt 
sich bemerken, daß auch im Werk Jan van Eycks dieses 
Themagestaltetwordenist;die DarstellungderWeissa- 
gung der Tiburtinischen Sybille befindet sich auf den 
Flügelaußenseiten des Maelbeke-Aliares, die aller- 
dings nicht mehr von Jan van Eyck eigenhändig ausge- 
führt worden sind." Zusammen gesehen mit den Flü- 
gelinnenseiten ist die Wurzel des gesamten Bildpro- 
gramms und damit auch dervisionsszene in den typolo- 
glschen Bildfolgen des Speculum noch deutlich zu er- 
kennen, wobei die Gestaltung der iAra-Coeliii-Szene 
noch ganz der Lösung der Brüder Limburg folgt. Die 
Szene selbst ist auf die beiden Außenflügel verteilt. bei- 
de Protagonisten erscheinen als Nischenfiguren, die 
das Madonnenmedaillon im oberen Register überAugu- 
stus anbeten beziehungsweise darauf zeigen. 
Jene Eyckische Lösung hat für die Entwicklung des er- 
zählerisch ausgeweiteten Darstellungstypus wenig bei- 
getragen, viel ehergilt dies für Rogiervan derweydens 
Konzeption. Rogiers Fassung des Themas findet sich 
auf dem linken Flügel des Bladelin-Altaresß; als Pen- 
dantsteht ihraufdem rechten Flügel die Darstellung der 
Drei Weisen aus dem Morgenland gegenüber, wie sie 
den Stern Bethlehems erblicken; die Mitteltafel des 
Triptychons stellt die Geburt Christi dar. 
In Ftogiers Bildfassung der Weissagung wird eine ge- 
treue lllustration des Textes der Legenda Aurea gege- 
ben, worin erstmals die verschiedenen älteren Quellen, 
zumeist aus der patristischen Literatur, zusammenge- 
faßt worden sind. Im Kapitel iiVon der Geburt des Her- 
renir wird berichtet, wie der gottgleich verehrte Kaiser 
Augustus die wahrsagende Sybille von Tibur befragen 
läßt,objeein MenschaufErdengeboren werdenwürde. 
der größer sei als er; am Tag der Geburt des Herrn er- 
blickte die Seherin in der Kammer des Kaisers um die 
Mittagszeit einen iigüldenen Kreis-i um die Sonne und in 
diesem die Jungfrau. die über einem Altarstand und ein 
Kind aufdem Schoß hielt. Sie wiesdie Erscheinung dem 
Kaiser, der eine Stimme vernahm, die sprach: iihaec est 
ara coeliii, worauf die Sybille erklärte, dies sei das Kind, 
das größer sei als er und welches er anbeten solle. Dar- 
auf ließ sich Augustus nicht mehr als göttlich verehren, 
weihte die Kammer und spendete Weihrauch. Soweit 
die Erzählung der Legenda Aurea." 
Rogier stellt textgetreu die kaiserliche Kammer dar und 
läßt Augustus darin durch das Fenster die Vision er- 
blicken, wobei er das Weihrauchfaß schwingt; g 
dem Legendentexterscheintdie Madonnamitder 
auf einem Altar thronend, über der mittäglichen 
schaff. 
Bei Ftogierwird die Beziehung zwischen dem Kais 
derSeherinsogeschildert,daßdieSybilIeinderH. 
einer Patronatsheiligen den Kaiser dem Madonn 
empfiehlt, nachdem derdieKroneabgenommenl 
teressantfürdieweitereEntwicklungdesThemas 
Rogier der Einbezug einer Gruppe des kaiserliche 
folges ins Geschehen, die so zu Zeugen des Wu 
werden. Diese Erweiterung der Darstellung geht 
auf den Text der Legenda Aurea zurück. Die Syb 
zene steht aber immer noch wie die älteren Spec 
Illustrationen in typologischem Konnex zur Mittel 
mit der Geburt Christi. Zusammen mit dem rechte 
gel figuriert die nAra-Coeliii-Szene als Weissagui 
Geburt des Herrn im Occident - neben der W 
gung im Orient durch die Drei Weisen, die den St: 
blicken, wiederum in enger Textanlehnung an d 
genda Aurea abgebildet. 
Für eine erste narrative Ausweitung der Bilderzä 
ist also Ftogier verantwortlich. Die vAra-Coeliid 
wird im niederländischen Raum im 15. und 16. Jat 
dert auch Thema der dreidimensionalen Skulptt 
meist wird hier der Sybillen-Augustus-Gruppe dii 
stellung gegenübergestellt, wie Johannes Evang 
auf Patmos vorn Engel aufdie Erscheinung derselb 
maculata hingewiesen wird, beide Protagonistei 
bildlich dasgleicheMadonnenbildverehren, auch 
es sich um völlig andere Textgrundlagen handelt 
Die allmähliche szenische Bereicherung der D2 
lung mag unter Einfluß des spätmittelalterlicheni 
rienspiels gestanden haben. Zu einem selbstän 
Bildthemaohne typologische Verknüpfung mit an 
Darstellungen hat sich das wAra-Coeliii-Wunder i 
nördlichen Niederlanden entwickelt, zwei Beispie 
der Hand eines Dierc-Bouts-Nachfolgers und vc 
Mostaert können genannt werden. 
Das Wundergeschehen ist in beiden Kompositioni 
einen geräumigen Stadtplatz verlegt worden. Di 
mengebende Bild des "Meisters der Tiburtini: 
Sybilleirw, tätig im letzten Viertel des 15. Jahrhun 
breitet ein Stadtpanorama aus, worin das Wunde 
beiläufig zwischen zwei Gruppen disputierender 
schen stattfindet. Augustus und die Seherin we 
sich einer Erscheinung zu, die am Horizont übt 
Landschaft zu sehen ist und von den anwesender 
gen gar nicht wahrgenommen wird. Diese Darsti 
ist als sehr "holländischer Interpretation aufzufa 
Sie subsummiert das eigentliche Bildthema als ei 
tiv unter anderen, durchaus gleichwertig behanr 
Details wie den sehr sachlich beobachteten Gri 
der Begleitfiguren, dem Stadtleben in den angre 
den Loggien eines Platzes, dessen architekton 
Details minutiös registriert werden. Jegliche drz 
sche Elemente der Bilderzählung sind vermiedei 
den. 
Auch das Jan Mostaert zugeschriebene Bildm rüc 
Wunderdarstellung gegenüber dem detailliert ge 
derten Ambiente etwas in den Hintergrund. Wir r 
ten diesen Stadtplatz-Typus als ausgesprochen h 
dische Darstellungsform der Weissagung der Tib 
schen Sybille bezeichnen. Wichtig für den ikonog 
schen Gesamtzusammenhang ist die Betonung d 
zählerischen Details, die Ansiedelung des Geschi 
im Freien, konkretisiert in der Architekturkulisse 
Stadtlandschaft. 
Diesem sogenannten holländischen Typus feh 
Dramatisierung der Bilderzählung sowie die kon 
tionelleKonzentrationaufdiewundererzählungv 
der Antwerpener Typus des Wiener Tüchleins br 
Wirkonnten keindemWienerTüchleinvorausgehr 
Beispiel eruieren, das einen früheren, spezifisch 
schen Typus zeigt, auf dem die szenische Fassun 
iiPseudo-Blesu-Kreises basiert. Das heißt: die in 
Tüohleirifassungen vorliegende Darstellung des 
ders, in Zeichnungen unterschiedlicher stilistii
	        

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