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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXVIII (1983 / Heft 188)

3. Der Einband der Gruppe lll. 
Hs.: 
alll35 (Naturkundliches Wörterbuch, lat-deutsch, 
um 1477(?), Inhaltsverzeichnisvermutlich von 
Manseer) 
WährenddieSchmuckformen derEinbändederGruppe 
I und lt wesentlich und ausschließlich mit der Salzbur- 
gerTätigkeitSchreiers verknüpftwaremwurde der Ver- 
zierungsstil der Einbände der Gruppe lll, die eine Syn- 
these von Lederschnittkunst und handwerklichem 
Blindstempelschmuck erstrebt. durch einen Wiener 
Aufenthalt des Meisters beeinflußt. Diese Begegnung 
mit der Wiener Einbandkunst wirkte sich bei Schreier 
vor allem darin aus, daß er die schräge. unsymmetri- 
sche Anordnung der Muster zugunsten der geraden, 
symmetrischen" Aufteilung des Mittelfeldes aufgab. 
Sie wurde aberauch in der Übernahme neuerWinkelha- 
kenmotive und in deren zentralrautiger und diagonaler 
Anordnung (vgl. Salzburg, UB, W lll 38, I -V) und 
schließlich auch im Umstellen zentraler Großrosetten 
(Abb. 7. Nr. 17)mitdreiteiligen Blättern (Abb. 5)sichtbar. 
Neben dem Einfluß der zeitgenössischen Wiener Ein- 
bandkunst waren bei der Ausbildung des neuen Stils 
aber auch Salzburger Anregungen zu erkennen. die vor 
allem von der im Rahmen der Chiemseeischen Hof- 
bibliothekßä (von ihr stammt der Kopfstempel auf 
Abb. 7, Nr. 11) arbeitenden Werkstatt kamen. Von ihr 
dürftenämlichSchreierzurBildungderfürden Stempel- 
bestand dieser Gruppe charakteristischen Funfblattro- 
setten (Abb. 7, Nr. 17) animiert worden sein, da dort 
schon am Anfang der siebziger Jahre ähnliche Motive 
(Abb. 7. Nr. 19) beim Schmuck der Einbände verwendet 
wurden." Dieser Vorgang ist der Schreierschen Werk- 
stattdurchausnichtfremd.damanschon belderAusge- 
staltung der Motive der Gruppe I und ll eine ähnliche 
Praxis beobachten konnte. So lassen sich z. B. deutli- 
che Zusammenhänge zwischen der gebänderten Ro- 
seltenform (Abb. 7, Nr. 1) der Schreierschen Werkstatt 
und den gleichen Typen der ersten wiDomstiftwerkstattir 
(Abb. 7, Nr. 2 und 3; vgl. auch die Einbände der Hss. a 
ll 20, a lll 10 und b Xll 8) oder auch den verschiedenen 
Kopfstempeln derbeiden Werkstatten(Abb. 7, Nr. 12 : 
Schreier; Abb. 7. Nr. 10 : nDomstiftwerkstattir) er- 
kennen. Auch die beiden Blütenrankenmotive (Abb. 7, 
Nr. 15 und 16)der Gruppe ll gehen vermutlich auf frühe- 
re Vorbilder" bayerischer Werkstätten zurück. 
Gegenüber den übrigen Einbänden dieser Gruppe, wie 
etwa dem des Ftadecker Missales" (Salzburg. UB, Mlll 
48 : Schmidt-Künsemüller Nr. 266) und den Specula- 
Bänden" des Vinzenz von Beauvais (Salzburg. UB, W 
lll 38, l-V : Schmidt-Künsemüller Nr. 270 -274), 
ragt der Einband der Hs. a lll 35 (Abb. 5) vor allem aus 
zwei Gründen hervor: zunächst, weil er ausschließlich 
mit Blindstempeln verziert ist, die im allgemeinen fast 
nur im Kontext des Lederschnittschmucks auftreten. 
dann aber auch, weil er nur mit einem einfachen, ganz- 
flächigen Kopfstempeldekor ausgestattet ist. während 
beim Schmuck der anderen Einbände dieser Gruppe 
auch noch die zentralrautigen und diagonalen, auf den 
Wiener Aufenthalt verweisenden. Winkelhakenbänder 
Verwendung fanden. Trotz des offenkundigen Einflus- 
ses des Wiener Aufenthaltes Schreiers auf den Verzie- 
rungsstil dieser Gruppe muß im vorliegenden Fall eine 
mögliche Entstehung oder Bindung in Wien ausge- 
schlossen werden,daeinzelneSchreiberderHs.a lll35 
auch in anderen Handschriften nachweisbar sind, die 
vom Domstift in die Stiftsbibliothek St. Peter gebracht 
wurden. Zu nennen sind hier vor allem die Hss. a lll 10, 
b lll 31 und b lll 40, die alle in der ersten vDomkapitel- 
werkstattir gebunden und verziert wurden. 
Stellt man sich darüber hinaus auch noch die Frage 
nach dem Einfluß der Schmuckform dieser Gruppe auf 
die übrigen Salzburger Werkstätten, ergibt sich eine 
ähnliche Antwort wie auf die Frage nach dem Einfluß 
des Stils der Gruppe ll. Dies wird vor allem daran sicht- 
bar. daß in den achtziger Jahren einzelne Motive" die- 
ser Gruppe wie die Rosette (Abb. 7. Nr. 17) und die Wir- 
belblüte (Wind. Nr. 353) im Kontext des Stempelbestan- 
des der wersten Domstiftwerkstattr", aber auch in Ver- 
bindung mit Motivkombinationen aus der wzweiten 
Domstiftwerkstattrr" auftreten. daß darüber hinaus 
aber keine wesentlichen Veränderungen innerhalb die- 
ses Bereichs feststellbar sind. die auf tiefgreifendere 
Abhängigkeit hätten schließen lassen. 
Zusammenfassung 
1 . Von den neuentdeckten i-Schreierbändenu der Stifts- 
bibliothek der Erzabtei St. Peter in Salzburg sind vier- 
zehn derGruppe l (Verwendung von Motiven. die unmit- 
telbar mit der llluminationstätigkeit Schreiers zusam- 
menhängen), sechs der Gruppe ll (Kopfstempeldekor) 
und einerderGruppe lll (Rückkehrzum geraden Aufbau 
und Verbindung von Lederschnittkunst und Blindstem- 
pelverzierung) zuzuordnen. 
2. Auftraggeber der vorliegenden Bande ist nlcht, wie 
man zunächst annehmen könnte, die Erzabtei St. Peter, 
sondern Erhard Manseer. der ehemalige Viceplebanus 
der Salzburger Stadtpfarre und spätere Mönch (Pro 
fess: 26. 10. 1475) von St. Peter. 
3. Neben dem vermehrten Wissen über den Kreis der 
Gönner und Auftraggeber Schreiers vermitteln uns die 
wSchreierbänderr der Stiftsbibliothek von St. Peter auch 
noch erweiterte Kenntnisse über die Schreiersche 
Werkstatt selbst, als auch über deren räumliche und 
künstlerischeZusammenhängemitanderenzeitgenös- 
sischen Salzburger Werkstätten. Dabei zeigt sich. daß 
die wNichtschreierschenrr Salzburger Werkstätten, ob- 
wohlsiez. T. aufsehrengem nRaumwmiteinanderarbei- 
teten. in künstlerischer Hinsichtwenigervon derSchrei- 
erschen Werkstatt bestimmt waren. als man bisher an- 
genommen hatte. 
Ieratur 
Laurin, Zur Einbandkunsides Selzburger Illu- 
ruienbergidahrbuch 1951234 - 243. 
Leurin. Der Salzburger Einbiridsili Ulrich 
auch 1960. 371 - 379. 
: G. Laurin. Die Lederschrlittbände des Salze 
chreler lürden Erüliscnbi Bernhard von Rohr. 
Buchwesens s (1964). 74a - 17a. 
iurln. Preßburger Lederscrinrlibende Ulrich 
ichte das Bnchweseris 5 (i 964i. 1485 -1504. 
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'. A. Schmidl-Künsemüller. Oorpus dar goti- 
eaus dem deutschen Sprachgebieüßenkrnäa 
eri 1980 
rten Einbände der Handschrilten der Eizabtei 
D. UnierMiiarbeitvon G. Hayermankschrirten 
erreichiscrien Akademie der Wissenscharien 
Anmerkungen 46 e 72 
" Zur Zwsammensetzung dieser GYUPDGVQI. die Liste: Laurln, Einbandstil. 
371 . 
" Ins Zentrum der Blatlbllder sind hier jeweils Secnselettbliiten (Wind. 
m. l62)gesetzi. 
" Die Blaiigelüge sind imvorliegenden Fall Z. T. mit. Z. T. Ohne Zentralin- 
satten gebildet. 
" Besonders bei den Einbinden der H88. b XII 29 und b XII 34. die ieweils 
doppelte Rahmen anMeisen. 
" Belrri ElriberidderHs. bXII 38 Ist nurder Kßpisierripelrnli hellgriiner Fer- 
be bemalt. 
9' Beim Einband der lnk. S39 sind alle Motive bemeil (die Kopistempel hell- 
grün, die Wirbelbluten hellblau imd die Rosetten violett). 
u Beispielhaft seien davon nur erwähnt die Klosterwerkstätten: Prüll bei 
Rsgensburgwgl. Hs.. St. Peter. bVll SundWind I 18).Asbach(vql. Mün- 
cnen. Staetsbiblioihek, Clin 2776 und? lnc. c. a. 13289 und Wind 107) 
oder die Werksian des nV-Dc-Meislers (Hi. SI. Peter. b X 25 und Wlnd 
lzß). 
9' Alle beiden r-Ddmstirtwerkstättemdürften Scribn vor Schreier am Ende 
der sechziger Jahre Koplstempeldekor verwendet haben (vgl. dazu die 
Hss. Si. Peter. ä II 20. 5 XII B. D IX 29 und b XII 35). Zu den Werkstätten 
im einzelnen s. Wlnd 119 I. 
5' So etwa zwischen der gebdnderten Rosette der Schreier-Werkstatt 
(Abb. 7. Nr. 1) und den gleichen Typen der ersten IDOMSIIIIWGrKSIBIIu 
(Abb. 7. Nr. 2 und 3) oder auch zwischen den beiden Blütenrankenrrioti- 
VPII mm 1 m re und ist rlin cnmnhl in der werlraien Schreier: a1: 
1' Vgl. die Einbände der Hss.. St. Peter. e II 33. a ll 40. a V 6, a III 10oder 
ällßh 3 VII I8. 
5' Vgl. die Hse. S1. Peter. a IV 37. b II IBMDD. B. Nr. I2) und b Vll13 
ß Vgl. die riss. st. Peter. a lx 1. n rv a2 und b vl s. deren Einbände aus 
der ersten lrDomstitMerkstati-i slammen 
1' Vgl. z. a. die Einbände der Hss. e v6.1: IV 32. b vlll 26 aus der ersten 
sDomstirtwerkstatt: und die HSS. a XI 8 und h VII 14 aus der Werkstatt 
von Si. Peter. 
" Z. B. eul den Elnbänden der Hss. BXI B i1ndbII16 (WSFKSIBII VOn St. Pe- 
ter), der H8. b III 4D (1. nDomstlltwerkstattl) Lind den HSB. b IX 29. b IX 
30 und b XII 35 aus der 2. rrDomsiiitwerksiaitrr. 
" Zu den Motiven dieses Einbarides vgl.Wlnd125. 
u Zuden genauen Hintergründeriund Auswirkungendieses Aulentrialtes 
s. Laurln. Schreier in Wien. 1331 -1335. 
" Vgl. dazu etwa die Abbildungen der zu dieser Gruppe zählenden 
Specula-Eärlde des Vinzenz von Beauvaisßalzburg. uß. w lll 3a. I - v) 
bei Scnmidi-Künsemüllei. Nr. 270-274. 
u Zur Kurzcharakterislerung dieser Werksiati vgl. Anm. 17. 
u gädie Einbände der Drucke: Salzburg. UB. W II i1. W II 25 und 
" Vgl. dazu E. Kyriss. Verzlerte gotische Einbände irn alten deutschen 
Sprachgebiet l. Stuttgart 1953. Tatel 29. Nr. 9. 
" Zur Beschreibung s. Laurin. Lederscrinittbände. 748 - 754. 
" Vgl. die Charakterisierung bei Lziurin. Lederschnittbdnde. 757- 770 
und K. Hoher. in: Ausstallungskatalogi Späigotik in Salzburg. a. 0.. 
Nr 284 und 255 und Teiel 93. 
1' Fsist schwarzunntsczhsidnn was linh talcärhllch um die in der Werk.
	        

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