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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXVIII (1983 / Heft 188)

J. P. HodinlLondon 
Eros und Ananke - 
Das seelische Spannungsfeld 
des Malers Franz Luby 
Zum 80. Geburtstag des Meisters 
Das Werk von Franz Luby hat größtenteils autobiogra- 
phischen Charakter, Der Künstler hat die Schöpfung 
und sein Zeitalter durch den Seismograph der eigenen 
Persönlichkeit mißtrauisch und aufmerksam behorcht. 
dieses sein eigenstes Wesen eingestellt auf die großen 
Fragen des Seins. auf Leben,Verfall und Tod. auf Kultur 
und Untergang der Kultur. auf das Diesseits und das 
Jenseits. Er hat sich selbst als Luft- und Seefahrer kon- 
terfeit, der Vorsorge des Pegasus anvertrauf. mit ei- 
nem riesenhaft wirkenden Teleskop. durch das er ge- 
spannt blickt und das Geschaute bedenkt und mit sei- 
nen tiefgründigen Erkenntnissen beleuchtet. er. der 
Wurm. derdie Erdkruste durchbricht. um aus dem Dun- 
kel ans Licht zu gelangen. in das strahlende Licht einer 
Weisheit vorzudringen. die in seinem Werk meteoren- 
halt aufleuchtet und die er. weil er ein Österreicher ist. 
mit einem humorvollen, heiteren Kichern begleitet- 
denn was er entdeckt hat, umfaßt Lust und Grotesk- 
Tragisches. Sein Humor ist Ausdruckseines Stolzes ein 
Mensch zu sein. der sich den ewigen Mächten zwar un- 
terordnet. aber doch darauf besteht, daß ihm das 
Schicksal nach menschlichen Maßstäben. dieja für ihn 
gelten. ungerecht und oft grausam erscheint. fast un- 
tragbar für die schwachen Schultern eines Sehers des 
20.Jahrhunderts. Erstelltsich imiiGastmahlrr, 1969, dar 
als der siebenmal zum Sterben verurteilte Mensch. Er 
istderSatyr.dersich hoffnungslosderschon verholzten 
Daphne nähertoßDaphne und Satyrii, 1967). er ist derJo- 
chanaan. der sich selbst den Kopf abschneidet und der 
Salome großherzig anbietet (iiSammelikone mit Distelii. 
1968), er ist iiDer Spielerw. 1964. dessen Leben im Stun- 
denglas sinnlos abläuft. Er ist der Engel, der auf dem 
Teufel als Instrument spielt, um mit der Harmonie das 
Böse zu besiegen ("Überwindung des Bösenk. l-IV, 
1969). er ist der Künstler. der den vUntergang der Hie- 
rarchiert. 1973. beklagt und unser lndustriezeitalter in 
Flammen aufgehen laßt. 
Keiner der wohlbekannten Meister des sogenannten 
Wiener phantastischen Realismus weist eine derart ge- 
schlossene und durchbildete Weltanschauung auf wie 
Franz Luby. der reichlich verspätet von den Kunsthisto- 
rikern und -kritikern in den Kreis dieser kreativen Rich- 
tung mit einbeschlossen wurdez. trotzdem er wohl der 
erste in Wien war, der auf das Paradox der modernen 
Anschauungs- und Phantasieweit hinwies. ehe man 
noch von einer Richtung sprechen konnte. schon gar 
nichtvoneinerSchule. Romantisch-MystischesmitSur- 
reaIistisch-Psychoanalytisch-Unterbewußtem wird im 
Wiener phantastischen Realismus geboten. ein poeti- 
sches Zerrbild des als Wirklichkeit erkannten und ange- 
deuteten Universums, talmudisch Ertüfteltes oder tie- 
fenpsychologisch Gequältes. Phantasmagorien des 
Absurden mit Semen übergossen. ein sexueller Pud- 
ding mit nekromantischen Visionen vermengt, wie sie 
einem Marquis de Sade anstehen und von denen Para- 
celsus auszusagen wußte, selbstbewußte iiLunaticiw 
dies? 
Lubys Werk hat sich aus dem drastischen Ansturm von 
Erlebnissen mühevoll und langsam. von unsäglichen 
Verzögerungen praktischer Art gehindert. in die Klar- 
heit des Dualismus von Eros und Ananke hlndurchgear- 
bettet. den er als grandiose Einheit letztlich, wenn auch 
schmerzerfüllt. bejahte. Denn sein fast mönchisches 
Bestreben. Sinn in das verwirrende Geschehen um ihn 
und in ihmzutragen. eine höhere Ordnung. eine Koordi- 
nation der Sphären zu entdecken und zu bewahrheiten. 
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als Zeuge der Schöpfung, das war die Mission die ihm 
auterlegtwar. seine wahre Aufgabe. Nicht nur Bilderzu 
malen. sondern Wissen zu vermitteln und aufGrund die- 
ses Wissens die Zeit zu züchtigen. wie nur ein klassi- 
scher Apokalyptiker es vor seiner Zeit bewirkt hat. je- 
doch ohne das Schalkhafte. das in Lubys Wesentiefver- 
ankert ist, so tief wie sein Streben nach der Wahrheit 
selbst. Und er ist ein Baumeister im Sinne von lbsens 
Baumeister Solness: "Er (Gott) wollte mir Gelegenheit 
geben. ein ganzer Meisterzu werden in meinem Fach - 
um ihm um so glorreicher Kirchen zu bauen- durch 
nichts anderes gebunden  weder durch Liebe noch 
durch Glücku, Ich sollte nur Baumeister sein. Nichts 
anderesiß Und im Sinne der Freimaurer. Luby baut an 
dem geistigen Gebäude der initiation zum Höchsten. 
und weil er Luby ist. sarkastisch und voller Selbstironie. 
lehrt er Insekten byzantinische Baukunst. wdenn Insek- 
ten werden immer überleben und die Baukunstsoll doch 
tradiert werden für kommende Geschlechtem (MDQY 
Baumeister", 1971.) 
1 Franz LubymDaphneund Silenw. HarzIÖlauf Holz. 53 X 23cm 
Eros und Ananke! Zwischen ihnen spielte sich das Le- 
ben von iiJedermannii ab, auf der Bühne des Weltthea- 
ters - das Lebenswerk Lubys umfaßt beide. Und auch 
hierin ist er ein Österreicher. denn er spann den Faden 
weiter. der in Salzburg zu einem mächtigen Gemälde 
gewoben wurde und auf Europa zurückwirkte, das sei- 
nen wesentlichen Beitrag vor Jahrhunderten schon ge- 
liefert hatte im Spanier Calderon und im wiEverymanr 
des mystisch-moralisierenden Engländers. So sagt 
auch Hugo von Hofmannsthal: 
iiMusikalisch theatralische Festspiele in Salzburg zu 
veranstalten. das heißt: uralt Lebendiges aufs neue le- 
bendigmachen;esheiBt:anuraltersinnfällig auserlese- 
ner Stätte aufs neue tun. was dort allezeit getan wurde; 
es heißt: den Urtrieb des bayrisch-österreichischen 
Stammes gewähren lassen. und diesem Volk. in dem die 
Gabe des Liedes. des Menschensachenspielens, des 
Holzschneidens. des Malens und des Tonsetzens last 
allgemein verteilt ist, den Weg zurück finden helfen zu 
seinem eigentlichen geistigen Elementxs 
Die sachlichen Römer übersetzten den Begriff der An- 
anke nüchtern als necessitas. Notwendigkeit. Für die 
Griechen jedoch, in ihrem kosmogonisch-mythischen 
Denken, das dem Anfang der Dinge ihretiefsinnig poeti- 
sche Deutung verlieh. damals als Himmel und Erde aus 
dem Chaos entstanden. verbanden die Vorstellung der 
Ananke. und auch der Tyche (Fortuna) mit den Moirai, 
den Schicksalsgöttinnen (Parcis). Sie alle entstammen 
der Nacht, die nach Hesiod auch die Muttervon Schick- 
sal und Verhängnis ist. von Tod (Thanatos) und Schlaf 
(Hypnos) und den Träumen. Weiters der Nemesis. den 
Alterserscheinungen. dem Schmerz, auch der Streit- 
sucht mit all ihren üblen Nachwirkungen wie Toschlag 
und Krieg. Tief schürlen die griechischen Dichter und 
Künstler? Und wenn wir uns in diesem Aufsatz mit dem 
Leben und Werk des Malers Franz Luby befassen. er- 
kennen wir, wie sehr tief die Wurzeln seines bewußten 
und unbewußten Seins in die Lebenssubstanz reichen 
und wie er mit den dunklen Mächten der Nacht ringt, um 
sie schließlich in der höheren Erkenntnis einer Einheit 
von Lichtund Dunkel. derconjuncfio opposirorurnin sei- 
nem Werk zugestalten und uns zugänglich zu machen. 
Tief reicht auch sein Gespür in der Erkenntnis der fast 
unwirklich scheinenden Wirklichkeit unserergemarter- 
ten Gegenwart. und nichts kommt seiner Vision des Kul- 
turverfalls unseres Zeitalters näher. als der Vergleich 
mit Hieronymus Bosch oder Desiderio da Monsu. Und 
dieses Zeitgemäße hat Luby ergreifend geschildert. Die 
Todes- und Verfallsgedanken in seinem Werk nehmen. 
in ihrer bitteren Weisheit die Proportionen von Novalis 
iiHymnen an die Nacht". und die von Bonaventuras 
"Nachtwachenrr an. wo derAutor bei Betrachtung eines 
CraniumsindieWorteausbricht: ßWas istnundieserPa- 
last, der eine ganze Welt und einen ganzen Himmel in 
sich schließt; dieses Feenschioß. in dem der LiebeWun- 
der bezaubernd gaukeln; dieser Mikrokosmos. in dem 
alleswasgroßund herrlich. und alles Schrecklicheund 
Furchtbare im Keime nebeneinander liegt, der Tempel 
gebar und Götter, Inquisition und Teufel; dieses 
Schwanzstück der Schöpfung 7 das Menschenhaupt! 
--v die Behausung eines Wurmes. 7 O was ist die 
Welt,wenn dasjenigewas sledachte, nichts ist und alles 
dann nur vorüberfliegende Phantasie! - Was sind die 
Phantasien der Erde. der Frühling unddie Blumen. wenn 
die Phantasie in diesem kleinen Rund verweht. wenn 
hier im inneren Pantheon alle Götter von ihren Fuß-
	        

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