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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXVIII (1983 / Heft 190 und 191)

 
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signierte Arbeiten von Johann Baptist Cetto (641 f.) aus 
der Tittmonlnger Wachsbossiererfamilie des 18. Jahr- 
hunderts. Seltenheitswert besitzt ein schwarzes 
Jakobus-Pilgerzeichen von Santiago de Compostela 
aus dortigem Gagat-Material (591). Stücke in dieser 
Größe und Erhaltung können nur mehr in spanischen 
Kathedralschatzkammernw nachgewiesen werden. in 
der Sammlung der Kleinskulpturen verdient überhaupt 
jedes einzelne Exponat seiner vorzüglichen Qualität 
wegen besondere Beachtung. nicht zuletzt werden im 
Hinblick auf stilistische und künstlerische Provenienz 
viele Fragen aufgeworfen. Im Anschluß muß hier auch 
die umfangreiche Tabatierensammlung Erwähnung fin- 
den, die sich besonders durch einen reichen Bestand an 
seltenen Scherztabatieren auszeichnet. Zentrales 
Stück ist jedoch die 1854 authentifizierte Tabatiere 
Wolfgang Amadeus Mozarts mit ihrer einfachen Form 
und schlichten Miniatur (724). 
Die Baugeschichte des Stiftes entfaltet sich in Stichen 
und Plänen im sogenannten Altmanni-Saal", der sich 
durch seine Riesenansichten des alten und neuen Stif- 
tes in situ von Samuel Hötzendorferfür diese Dokumen- 
tation geradezu anbietet. Besonderes lnteresse er- 
wecken hierdieerstrnals gezeigtentechnischen Model- 
le, die aus der barocken Bauperiode des 3. Jahrzehnts 
des 18. Jahrhunderts stammen. An der Herstellung von 
Wasserpumpe und Materialaufzug (789 - 800) für das 
Stift waren über Johann Lucas von Hildebrandt hinaus 
der jüngere Emmanuel Fischer von Erlach und Abra- 
ham Hueber aus Salzburg beteiligt." Sämtliche Model- 
le sind nach Instandsetzung wieder betriebslähig. Da- 
neben finden sich die Plansequenzen der drei Göttwei- 
ger Baumeistergenerationen, angefangen von Johann 
Lucas von Hildebrandt über Anton Jänggl bis hin zu 
Franz Anton Pilgram. Sämtliche Pläne sind neum re- 
stauriert; Hildebrandts Westfassadenrißzeigt sich erst- 
mals ohne aufgeklebten Fortifikationsvorbau (8020). 
Darunter kam eine frühere Substruklionsgestaltung mit 
einer rund vorspringenden Auffahrtsrampe und -kehre 
zum Vorschein. Die wirtschaftliche Tätigkeit in den vier 
stiftlichen Arntern zu Nalb, Brandhof, Gurhof und Meid- 
ling im Thal stellt sich an der Südwand vor. dargelegt 
durch Urbarien (815 ff.), Gewährbücher. Dienstboten- 
bücherund Territoriumskarfen mit Parzellendetails. die 
besonders durch ihre Exaktheit und vorzügliche Erhal- 
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12 St. VeitlGdlsen, Apostelgruppe der Emporenbrüstung über 
dem Südportal. wChristus thronendu, vollrund, um 13807 
1400 
13, 14 St. VeitlGdlsen, Apostelgruppe der Emporenbrüstung 
über dem Südportal. wApostel Petrus und Paulusk, vollrund, 
um 1380 - 140D 
15 St. VeitIGdlsen, Apostelgruppe der Emporenbrüstung über 
dem Südportal. uApostel Jakobusr, vollrund, um 1380- 
1400 
16 Mauer bei Melk. wMaria. Barbara und Katharina-t vom Ge- 
sprenge des Sakramentshauses 1506. Polychromiertes 
Lindenholz 
17 MauerbeiMelk, wProphetZachariak,heutigeAuszugsfigur, 
links, um 1509- 1512 
18 Hi. Martin. Lindenholzskulptur. ausgehende Donauschule, 
um 1520; restauriert 1983 
19 HI. AnnaSelbdritt, Lindenholzskulptur, ausgehende Donau- 
schule, um 1520; restauriert 1983 
 
 
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tung auffallen. Sie zeigen, daß Abt Bessel. gezwungen 
durch den Neubau, größten Wert auf sorgfältige und 
sparsamste Wirtschaftsführung legte. 
Die Kaiserzimmer mit Jagd- und Gobelinsaai bleiben 
der Göttweiger Paramentik in der Bearbeitung von 
Dr. Dora Heinz vorbehalten, weil gerade diese Raume 
besonders vorsichtig zu adaptieren waren. Bringt auch 
der Paramentenbestand im Vergleich zu anderen Stif- 
ten mit geringen Ausnahmen nichts Außergewöhnli- 
ches,solassen sichimStiftinteressanterweiseviele Le- 
derkaseln mit bewegten Ornamentformen (835) nach- 
weisen. Geradediese Lederkaseln haben in nachtriden- 
tinischer Zeit kirchliches Verbot von Rom erhalten. Sie 
dürften sämtlich spätestens aus dem ausgehenden 
17. Jahrhundert stammen und ll'l Oberitalien verfertigt 
worden sein. Ähnliche Stücke finden sich heute noch in 
Offenbach (Ledermuseum) und Karlsruhe, in Öster- 
reich in Klagenfurt, Kremsmünster, Klosterneuburg, 
Wegscheid, Wilhering, Herzogenburg und Wien. St. Mi- 
chael. Es steht zu vermuten. daß man nach Verbot sol- 
che Kaseln höheren Geistlichen mit ins Grab gelegt 
hat's 
Durch Einbeziehung archivalischer Unterlagen kann in 
Gdttweig gerade für den Bereich der Paramentik in 
Österreich viel an Neuerkenntnissen gewonnen wer- 
den. Ein glücklicher Umstand läßt unsdie Räumlichkei- 
ten der Kaiserzimmer in einem Aquarell Fludolfvon Alts 
, aus dem Jahre 1841 aus der Staatlichen Graphischen 
Sammlung in München (851) mit der Wirklichkeit ver- 
_ gleichen. Es lassen sich nur geringfügige Veränderun- 
gen zum Heute feststellen, die sämtlich aus der Kloster- 
aufhebung (1939 - 1945) mit Einquartierung in der NS- 
Zeit und der späteren Besetzung des Stiftes durch die 
Russen resultieren. 
Die Watte Galerien wird wieder als solche präsentiert." 
An der Südwand entfaltet sich in rekonstruierter Han- 
gung der wesentliche Bestand an Gemälden profanen 
Sujets. wobei besonders Bilder von den Brands. von 
Franz Werner von Tamm (874), von Hötzendorfer, Ferg, 
Schinnagl und diversen Niederländern dominieren, be- 
sonders die biblischen Landschaften nach Art des Ma- 
thys Cock (1015a. b). Sie sind sämtlich augenscheinli- 
che Beispiele für niederländische und italienische 
Landschaftsrezeption in den süddeutsch-österreichi- 
sehen Bereich und verweisen wiederholtaufden späten
	        

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