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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXVIII (1983 / Heft 190 und 191)

menten die Triumphidee als Synthese schlechthin an- 
schaulich machte. Was im Barock die Synthese einte, 
wird im Klassizismus nach Piranesi zum scharfen Syn- 
kretismus des Architekturcapriccios. Welche Anfänge 
und welcher Wandel zugleich dahinter liegen, zeigt ein 
vergleichender Blick auf Tafel lV im ersten Buch von Fi- 
scher von Erlachs i-Historischer Architektur-i mit den 
Pyramiden Ägyptens und auf die davon inspirierte Dar- 
stellung eines iiGrabmonuments für die Herrscher ei- 
nes großen Reichesii von P. F. Leonard Fontaine(1785). 
Beide stellen die geschichtsträchtige Aura iipyramida- 
ISFN Ewigkeitsanspruchs durch atmosphärische Um- 
witterung dar. Fischers historische Utopie atmet die 
Vergegenwärtigung eines Theatrum mundi in Konzen- 
tration des Kosmos; bei Fontaine gerinnen Kristallisa- 
tionsformen erinnerungslosen Zukunftsgedächtnisses 
aus den Himmeln eines Horror vacui." 
Zwischen diesen Extremen stehen voller Eigenheit - 
nicht nur ikonographisch, sondern auch in epochaler 
Hinsicht als Denkmäler historisch begriffener Gegen- 
wärligkeit der Zukunft zugesprochen - das Tor von 
Wailzen und das gleichfalls 1764 begonnene Neutor in 
Salzburg. Wenn bei diesem Bergdurchbruch, einer 
glänzenden lngenieurtat gegenüber chthonischer Ur- 
mächtigkeit, durch die Portalinschrift vTE SAXA LO- 
QUUNTU Rrr gerade der stumme überwundene Fels be- 
redt gemacht und zum Zeugen fürdie Nachwelt aufge- 
rufen wird, so steigert dieser Antagonismus das iiLapi- 
darerr der Inschrift zu höchster übertragener Bedeu- 
tung. Der (künstlich) naturruinösen Torarchitektur aus 
felsigem Altertum entspricht in polarem Gegensatz die 
i-eminentex Fernwirkung des Waitzener Triumphbo- 
gens. Wird dort das Pathos des Lapidaren vor seinem 
"Urgrunde berufen, so begründet sich hier dieerhabene 
vschweigender Konturierung des hohen Torbogens vor 
dem Himmeisfreiraum fast von selbst. Die in der In- 
schrift beschworene unendliche Dauerwird vor der Un- 
endlichkeit der Himmelsweite anschaulich-triumphal 
abgesetzt von aller Veränderlichkeit der momentanen 
Zeit." 
Noch einmal gelang bei beiden Toren eine Synthese von 
Form und Inhalt mit Mitteln. die iiletztlichit noch barocke 
Möglichkeiten ausschdpften. Es sind dies aber gerade 
diejenigen Mittel, die schon im Barockzu Forciertheiten 
des synthetischen Kombinierens führten - vsynthe- 
tischu also im äußerlich operierenden Herstellungs- 
Sinn des Kalküls verstanden. künstlicher als die von in- 
nen her durchwaltete Synthese. Mit diesem Verstand- 
nis des nSynthetischenr soll hier eine Möglichkeit des 
Barocksbezeichnelwerden,diedurchausalsoriginare 
PotenzierungdesZusammenschließensaufgefaßtver- 
schieden ist von den phantastischen Zusammenfügun- 
gendesCapricciosodergarvondemprinzipiellganzan- 
ders zu betrachtenden Eklektizismus." 
Auch der den Ordnungen von Pilastern und Säulen ab- 
holde Blondel d.Ä. suchte die Ewigkeitsmaßstäbe sei- 
ner Proportionen in der stereometrischen Körperhaftig- 
keit seiner Porte St-Denis durch Antikenzitate einer 
vollkommenen triumphalen Synthese zuzuführen. Un- 
ter Berufung aufdie iischönsten und bedeutendsten Re- 
ste der Antiken wurde - wenigstens der Intention nach 
- das Tor mit Kopien von Teilen der Trajanssäule, den 
iiausÄgypten nach Rom gebrachten Obeliskehri und der 
Colonna rostrata geschmückt." Das Ganze besitzt ei- 
nen unverkennbar kompilatorischen Zug, aber der ba- 
rocken Wirklichkeit nach ist es vergleichbar mit jener 
Gedanklichkeit, die dann Fischer v. Erlach in höchster 
programmatischer Durchdringung von Formen und In- 
halten bei der Karlskirche als Synthese vollzog iials eine 
architektonische Abbrevialur der ,Fl0ma aeternaw, de- 
ren Kompositionsreichtum YßSiCh in mehreren räumli- 
chen und geistigen .Plänen' entfalten". 
Erst von diesem Punkt aus lassen sich komplexe Phäno- 
mene im äußeren und geistigen Gesamtbild des Waitze- 
ner Domes bestimmen (Abb. 2 und 3). Die Fassade: 
dominant springt das triumphale Portalmotiv der Ein- 
18 
 
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gangshalleinsAuge;sechswuchtige,dichihintereinan- 
dergestellte Säulenpaare (als Hexastylos erscheinen- 
der Dodekastylos) korinthisoher Ordnung, also in reich- 
ster Würdeform, sind im Rhythmus 2:1:1:2 gegliedert. 
Die in die Tiefe führende Säulenstellung beschließen 
sechs Halbsäulen an der inneren Wand mit den Porta- 
len. Die Raumwirkung bleibt dabei von merkwürdig ab- 
strakterTiete ohne plastische Energien: sie verharrt als 
rein dargestellte Dimension. Eineinhalb Säulendurch- 
messer vor die Front gestellt - also dem lnlerkolum- 
niumdes PyknostylosfoIgend-tragen dievollkommen 
glatten Vordersaulen, mit kaum spürbarer Entasis sich 
nach oben verjüngend, das durchlaufende Gebälk mit 
hoher Attika. Auf dieser stehen die betont massigen, 
stark auf Untersicht berechneten Statuen: (von links) 
Johannes Ev., Petrus, Maria und Joseph, Paulus, Jako- 
bus d.Ä." Sie sind gebunden an den Rhythmus der 
Säulenfront. Die Höhe der Torhalle (ohne Skulpturen) 
entspricht ihrer Breite. Hartkantig setzen unmittelbar 
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II? itlnn-rß im! firlrrflhl- 111.- . 
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neben ihrdievorsprünge des flankierenden, pyloi 
tig wirkenden Turmpaares an. im Grunde hand 
sich bei der Wandung dieser Türme um die Fass 
wand, die schart geknickt hinter die Säulenvorha 
rückspringt; ihre logische Kontinuität bezeichni 
durchlaufende Konsolgesims. Das dritte Geschr 
ser wandflächigenTurmbildungen zeigt als eine F 
tionslorm zwei kubische Aufsätze. Sie werden vor 
Balustrade bekront, wie sie auch den zurückspr 
den Wandteil hinter dervorhalle abschließt. Dief 
lung ihrer Hauplptosten antwortet auch hier noc 
Rhythmus der Säulen unten. 
Als Kontrapunkt zur Knickung der Fassade und ai 
tisch zur Torhalle wirkt das Volumen der Kuppel, 
zwischen den Turmstümpfen erscheint, daß ihrß 
nicht sichtbar wird. Ohne Tambourhöhung steigt 
fast organisch weich gewölbte Dacherhebung ai 
Abb. 9) und tragt als dienendes Rund auf ihrem St 
eine auffallend detailliert geschmückte, mit Bog- 
sterndurchlichtete LaterneVorallemdiese Later 
ihrer eigenen Kuppel, die in einen Knauf übergel 
wiederum den Kreuzsockel bildet, spricht emins 
der Artikulation der Fassade mit: Ganz evident he 
zwischen dem Säulenportal und der Laterne eine 
lierte Korrespondenz. In fernbildlicher Erscheint 
dies eine Zuordnung von der tietschattenden Ra 
nedes blockhaft riesigen Portikus und der in nicht 
vierbarerHohenwirkungvon der Kuppelgetragen 
terne. 
Als Prinzipder Fassade fungieren klarbestimmte 
tektonische Einheiten; die Wandbehandlung zei 
nerlei Formverschleifungen. Beispielhaft dafür si 
dasSaulenportalflankierenden Wandabschnitte, 
strenge Flächigkeit einen absoluten Kontrast Zl 
reometrie der glatten Säulentrommeln wie aut 
räumlichen Schattentiefe der Halle selbst bilden 
der gedoppelte, kleine und große Zahnschnitt irr 
des Vorbaus wird in den Seitenwänden konseque 
glatter Sims weitergeführt. Nur das Konsolges 
Dachhöhe lauft als reihende Akzentuierung di 
Für die abstrahierende Wandbehandlung sprich 
das eingetiette Profil als Rahmung der hochrect 
gen Fenster. Die Einschnitte an den Kanten der 
würfel betonen vollends die plattenhafte Wands 
tung, Allenthalben, bis in den Gesamtumriß hinr 
diese Architektur in entschiedener Schärfe sfer 
trisch und geometrisch durchgeklärt. 
Das Innere: ein Raumeindruck, geprägt von e 
Feierlichkeit, aber imVerhältnis zurAußenfront k 
wegs von dieser osientativen Unbewegtheit. 
stereometrischer Formenreduktion herrscher 
stisch gefügte Wertigkeiten vor. Bei deutlich zentr 
rendem Zug eröffnen aufstrebende Bogenforme 
dem Gebälk der Wandgliederung eine Höhenwi 
die den sockelhaften Blockformen in Front- undS 
ansicht nicht abzulesen war. An den Ecksfelle 
zentralen Pfeiler unter der Kuppel bilden Halbs 
raumverbindende Gelenke, die vor den Knickung 
Wandflachen dominieren. Dieses andere, insg 
raumorganische Gliederungsprinzip arbeitet m 
kömmlichen Mitteln. diejedoch überaus logisch 
setzt eine programmatische Kontinuität des 
Raum-Prozesses von außen nach innen (bis hii 
Hochaltar) erkennen lassen, wo über die Detailsi 
eine barock-klassizistisch vermittelte Monumer 
vorgetragen wird. Keineswegs ist es ein künstler 
Widerspruch.daßsichnachderkomprimierlenAt 
heil der Formen am Außenbau eine mehr raumu 
gendeArchitektursprachemitteilLGewißwarCar 
durch die Fundamente nach den Plänen von F. 
gram gebunden. Das bedeutet jedoch nicht, daß 
nen anderen Raumausdruck hätte organisieren k- 
- dieser aber stellt sich in hoch bemerkenswerte 
Sequenz als eine durchdachte Folge von Raumkt 
dar. Während im quergelagerten Anfangsjoohwa 
geradezu antithetisch-dramatischen Wirkung VI 
waltiger Vorhalle und ihrer Einengung durcl 
vZwischen-Raumn unterdervon vier toskanische
	        

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