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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXVIII (1983 / Heft 190 und 191)

 
Die Behauptung, daß Österreich in den zwanziger. 
ren wesentliche Beiträge zum konstruktivlstiscl 
und strukturellen Denken und Gestalten geleistet 
rutt in Fachkreisen zumeist ungläubiges Staunen 
vor. Ebenso wird die Behauptung. daß Wien damals 
Zentrumderlnformationsvermittlungfürdieaktuell 
künstlerischen Entwicklungen Europas war, mit S 
sis aufgenommen. In den gängigen kunsthistorisc 
Übersichten dominiert die Meinung, daß Österr 
nach den bedeutenden Leistungen des Jugendstils 
des Frühexpressionismus in der Zwischenkrieg: 
keinen AnschluB an die neuesten künstlerischen" 
denzen gefunden hat, und daß die wenigen Öste 
cher. die daran Anteil hatten, im Ausland tätig wa 
Diesem Klischee steht jedoch eine Aussage des Ai 
tekten und Malers Friedrich Kieslerentgegen. In se 
Erinnerungen an die künstlerischen Möglichkeite 
seinerHeimatstadtwährendderzwanzigerJahrerr 
er: iiEs war als würde Utopia Realität werdenß 
Wie ist es möglich, muß man fragen, daß die Kuns 
schichte von diesem Geschehen, aul das sich Kie 
als international anerkannter Vertreter konstruktiv 
scherGestaltungsideen bezieht, bis heute keine Ke 
nis erhalten hat: Beruht etwa seine Aussage auf e 
durch die lange Abwesenheit verklärten Erinnerun 
Kieslerwandert 1926 in dievereinigten Staaten au: 
oder ist die kunsthistorische Darstellung dieses . 
raumes lückenhaft? 
Es soll mit den folgenden Ausführungen keinesfalls 
tradierte Bild vom künstlerischen Geschehen im ll 
der zwanziger Jahre in sein Gegenteil verkehrt. 
heißt, an die Stelle der expressionistischen und tig 
len Vorherrschaft ein konstruktivistisches Übergevi 
gesetzt werden; lür die Darstellung der kulturellen 
deutung eines Landes ist das Hervorkehren der Vie 
und Verschiedenartigkeit der geistigen und künst 
schen Leistungen wichtiger. als eine zumeist an au 
künstlerischen Zwecken orientierte Suche nach eii 
einheitlichen nationalen Charakter. In diesem Sinn 
der vorliegende Beitrag das vorhandene Bild von 
österreichischen Kunst- und Geistesgeschichte 
Zwischenkriegszeit um einige wichtige Phänomen: 
reichern und zeigen, daß es in Wien eine lebendige 
dichte Auseinandersetzung mit den verschiedenei 
volutionaren künstlerischen und kunstlheoretisc 
Strömungen dieserJahre gegeben hat. Die zahlreir 
Zitate aus der Tagespresse, aus Katalogen und 
theoretischen Abhandlungen wurden mit der Abs 
ausgewählt, einen Einblick in die kritische Auseinar 
setzung in den die Öffentlichkeit inlormierenden 
dien zu gewähren, welchen ein entscheidender A 
an der Rezeption des Neuen und Ungewohnten 
kommt. Die hier erstmals aus dem Blickwinkel e 
Konstruktivismusrezeption in Wien zusammenge: 
ten Informationen sind problemlos aus Büchern, k 
logen, Zeitungen und Archivalien zu gewinnen. Sie 
sen den Schluß zu, daß Kiesler nicht so unrecht h: 
wenn er, allen politischen, wirtschaftlichen und di 
Vorurteile geprägten Schwierigkeiten zum Trotz, vo 
ner für seine ldeen und Ziele günstigen Situa 
spricht. Das Wiener Publikum war zwar konservativ 
gestellt. doch ist es das auch heute noch; das betra 
mals aber nicht nur seine Stellungnahme der geom 
schen Kunst gegenüber, sondern es wurden ebenst 
Werke Kokoschkas und Schönbergs abgelehnt. Es 
für die neuen Wege in der Kunst wie überall so au( 
Wien keine breite Resonanz, doch hat sich trotzde 
diesem Milieu eine überraschend aktive und engagl 
Gruppe von Künstlern, Kunsthistorikern, Beamten 
Politikern unter großem persönlichem Einsatz unc 
einigem Erfolg für die Vermittlung des aktuellen 
schehens in der europäischen Kunstszene eingesi 
Diese Personengruppe war eng mit der sozialdemc 
tischen Bewegung Wiens verbunden, ein noch viz 
wenig beachteterAspekt in der Kulturgeschichte dil 
Stadt; sie schufwahrend einigerJahre ein geistiges 
künstlerisches Klima, in dem sowohl durch umtani 
che Ausstellungen die neuesten Tendenzen vermi
	        

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