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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXII (1977 / Heft 153)

sammenleben mit den Bauern z. B.: „...Einer- 
seits haben sie eine gewisse Noblesse, einen 
bäuerlichen Adel, aber dann sind sie auch wie- 
der sehr zügellos. Plötzlich kann ein Knall los- 
gehen, irgendein Streit." Und vor allem das 
Malen war nicht einfach: Die Motivsuche mit 
schwerem Malgepück in der unwegsamen Natur 
war nicht nur anstrengend, sondern enthielt audw 
echte Gefahr. „lch bin mitten im Anfangen, 
in der Wildnis, auf gefährlichen Wegen, mit 
lästigem Gepäck." 
Nach einer Krankheit im Jahre 1967, die das 
Herz in Mitleidenschaft zog und ihn sehr schwäch- 
te, mutete er sich danach wieder viel zu, er er- 
ging sich seine Motive, lehnte iede technische 
Hilfe ab, wollte allein sein mit der Natur und 
fühlte sich wohl zwischen Schluchten und Dornen. 
„Darf ich nicht mehr in meine einsamen Täler 
und auf die Höhen gehen, im Meer zum Hori- 
zont schwimmen? Es war ia für mich ein ver- 
tieftes Leben, wie ich es so noch nicht kannte. 
Freilich auch mit vertieften Antrieben, die ich 
nicht verlieren kann. (Audi die Begrenztheit mei- 
dem Rahmen vergleichbarer künstlerischer Tätig- 
keit. Nicht die Auseinandersetzung mit Kollegen 
und Publikum suchte er, sondern ausschließlich 
die mit der Natur als seinem Element. Tiefe 
Beziehung hatte er zu seiner Familie, zu seiner 
Frau und seinen drei Kindern und zu einigen 
wenigen Freunden, die er vor allem durch viele 
Briefe lebendig hielt. Aber für seine Kunst war 
ihm die Einsamkeit wichtig, nur sie konnte 
ihm die Voraussetzung geben für ein so großes 
Werk, für ein so konzentriertes Arbeiten. Ob- 
wohl ihm die Einsamkeit auch zu schaffen mach- 
te, auch die Schwierigkeiten mit der italienischen 
Sprache, die ihm manchmal mehr, manchmal 
weniger Kontakt ermöglichte, er hatte sich für 
sie entschieden, weil er sie brauchte. 
In einem Alter, in dem sich andere zur Ruhe 
setzen, gelang es Eduard Bäumer noch einmal 
mit der Vitalität und Frische eines iung ge- 
bliebenen Menschen, Bild um Bild zu malen 
und eine künstlerische Form zu finden, die 
fernab von Vorbildern oder gar Klischees, weit 
weg von Modernismen, ein ganz persönliches 
das gut in dieser Schnell- und Großmalerzeit. 
lch suche vor allem meine alten Plätze wieder 
auf, und es werden doch andere Bilder." 
Bäumer wiederholte auch sehr viel, und er wollte 
es immer besser machen. „Es sprechen auch 
die Unterschiede, nicht die Bilder allein. Das 
sind dann die Schritte sozusagen. lch male 
ein Bild, mache einen Schritt und gehe zum 
nächsten Bild. Das Leben wird sehr einfach 
dadurch." G968.) „lch glaube, in der Arbeit 
sollte man sich zwischen Hochgemutheit und 
Demut bewegen, hat man vom einen zuviel, 
so muß man das andere zu Hilfe nehmen." 
Die Enttäuschung beim letzten Aufenthalt 1975 
in Tropea waren die Veränderungen. Früher ein 
altes, vertröumtes, heruntergekommenes kleines 
Städtchen, wurden auch hier Hotels gebaut, Tou- 
risten kamen, Restaurants entstanden, und das 
Leben wurde laut und hektisch. „Mein früher 
Morgengang berührte mich ähnlich wie früher. 
Aber die lieben armen kleinen Häuser ver- 
schwinden bald ganz, und hohe Kästen stehen 
auf. In der Kirche neue Bänke und Beichtstühle 
 
nes Lebens ist mir viel deutlicher)." (1967.) 
Aber er gewöhnte sich an seine Schwäche, und 
so fuhr Böumer weiter Jahr für Jahr nach 
Kalabrien, um für Monate dort zu bleiben und 
sich seiner Arbeit zu widmen. „Körperlich fühlte 
ich noch manchmal meine Schwäche, aber ich 
lerne damit umzugehen, so daß es mich kaum 
stört. Zweimal fiel ich auf schlechten Wegen, 
aber es ging gut aus. Ich bin bestimmt nicht we- 
niger froh als ich es war mit mehr Kraft und 
Geschicklichkeit. So kann ich Gott aus vollem 
Herzen danken." (1967.) 
Aber Bäumer verwendete nun öfter Ölkreiden, 
um sein Gepäck leichter zu machen - so ent- 
standen großformatige Kreidebilder mit der 
gleichen, beinahe unbekümmerten Farbigkeit und 
mit der großzügigen Komposition wie die Öl- 
bilder, über die Johann Muschik einmal schrieb; 
„Die Frische und Unmittelbarkeit seiner Bilder, 
ihr großer packender Rhythmus, ihr rhythmisches 
Feingefühl, ihr geordneter Bau, auch ihre Rein- 
heit, ihr Schimmern und Leuchten, das ist alles 
von iener höheren Art, die ein Maler nicht aus 
der puren Einfalt schöpfen, sondern merkwürdi- 
gerweise nur auf der Grundlage vielfältiger, 
bewöltigter Erfahrungen entwickeln kann." 
Bäumers Art zu leben und zu arbeiten fiel aus 
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schöpferisches Bekenntnis darstellt. „Nach man- 
chen Gesprächen denke ich, wenn man auch 
manches dabei gewinnen mag, man muß seinen 
eigenen Weg gehen und nicht zuviel auf andere 
sehen. Ich gehe nach meinem Herzen, hob' keine 
Beweise, daß mein Weg richtig ist. Eher im 
Gegenteil sehe ich manches Fragwürdige. Vor 
allem in mir drinnen. Geduld und Liebe und 
Großmut und Liebe" (1958). 
Poesie und Realität - zwischen diesen beiden 
Polen vollzog sich Bäumers Leben. Er behielt 
den „Kindersinn der Menschheit", einen Glauben, 
der sich nicht auf dogmatische Enge festlegen 
ließ, sondern der aus seiner tiefen Verbunden- 
heit mit der Natur kam und aus seiner Hoffnung, 
immer mehr in der Liebe zu leben. Das Bewußt- 
sein des Todes war für ihn so nahe wie das Be- 
wußtsein des Lebens, beides gehörte für ihn 
'zusammen als ein untrennbares Ganzes. Über 
zehn Jahre war ihm der Tod nahe, er lebte mit 
ihm, er integrierte ihn in sein Denken und 
Handeln. „lch werde jedenfalls dankbar ster- 
ben", schrieb er 1969. „Nur nebenbei muß man 
daran denken. Mehr wie ie habe ich ein Bedürf- 
nis zum Tun. Ich spürte Schwäche, aber wenn 
mich eine Arbeit freut, wüßte ich nicht, was mir 
fehlt. Weniger mache ich, aber vielleicht ist 
und nur halb so viele Gläubige. Seit 1957 komme 
ich hierher. In der Zeit hat sich die Welt unge- 
heuer verändert. Jeder von uns muß seine Schlüs- 
se daraus ziehen, so oder so." (1975). „Das, 
was ich hoffe und glaube ist, daß wir auf unse- 
rem Weg dazu kommen werden, daß alles 
eine Einheit wird. Das, was uns abhält, ist die 
Zersplitterung, und wie schrecklich bedroht sie 
uns alle. Das ist das Chaos wie ich es erfahre. Da 
fällt mir aber etwas von Nietzsche ein: ,Chaos 
muß sein, damit ein Stern geboren werde.' Wir 
müssen hindurch, können nicht darum herum. 
Und das ist auch schön, wenn wir ein Ziel wissen." 
Aber doch war Bäumer zunehmend schwächer 
und die „Mühsale des Alters" spürte er so- 
wohl wie das Nachlassen der schöpferischen 
Kräfte. „Es ist eine Zeit voller Probleme, und ich 
schwach, die Pinsel stumpf". Zunehmend be- 
schäftigte sich Böumer in seinem Salzburger 
Atelier, ordnete die Arbeiten, klebte Bilder auf 
Karton, malte auch noch Neues und korrigierte 
an alten Werken. 
„Der Tag vor dem Tag" war für Böumer 
eine Zeit der Kraft und der Schönheit. Gerne 
stand er sehr früh auf und war in der Morgen- 
frühe mit sich Iund seinen Bildern allein. 
„Ein großes Bild hängt mir gegenüber, an dem
	        

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