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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIX (1984 / Heft 196 und 197)

Sicher ist in das Wesen dieser Nymphe als Bewohnerin 
eines rizauberischK-gotischen Wasserschlosses das 
romantische Undinen-Motiv eingegangen. wie es La 
Motte Fouque in seiner Erzählung von 1811 geschildert 
hat. Durch den erheirateten Besitz einer menschlichen 
Seele wandelt sich das Naturgeschöpf vom seelen- 
losen Elementargeist des Wassers zu einer liebenden 
und leidenden Frau. Es ist die Metamorphose der unbe- 
wußten Naturindiewehe BewußtheitmenschlicherExi- 
stenz, Und darin ist es das Verhältnis von Natur und 
Kunst selbst, das in der melancholischen Schönheit 
einer Symbolgestalt zum Ausdruck schmerzlicher 
Reflexion geworden ist."' 
Sehr gegensätzlich zu Undinens Marmorbild in Anif 
wurde in derStadt Salzburg bei der Gestalt desWilden- 
Mann-Brunnens die Natur geschildert. Dieser Wilde 
Mann stand über seinem Brunnen fruher am alten 
Fischmarkt bei den Fleischbanken am Salzachgries" 
(Abb. 3). Unbeirrt von allem traumversunkenen Entglei- 
ten in Vergangenheitsempfindung ivielmehrvoll Prä- 
senz mitten im Alltag wachte diese Naturgestalt nicht 
weit vom städtischen Pranger uber dem Treiben des 
Marktes. Eine seiner Funktionen war die eines rechtli- 
chen MarktzeichensderStadt(vergleichbardem Floria- 
nibrunnen am Alten Markt). Sein Schild zeigt denn auch 
- heute nur schwer erkennbar - das salzburgische 
Stadtwappen. In der Heraldik stellen schild- und wap- 
penhaltende Wiidmänner ein vielbeschäftigtes Wach- 
personal, und das bildet gewiß einen bedeutsamen Teil 
in der iiRealitätil dieser mythischen Wesen. Doch 
erwächst diesem hier aus einer treffenden Verbindung 
von künstlerischer Form und Naturvorstellung eine 
besonders leibhaftige Realitat. DieTechnikder Kupfer- 
treibarbeit hämmerte diesen Wildmann zu einer bered- 
len Formlebendigkeit.dieinungeglätteteiAnschaulich- 
keit jenen ungebärdigen Naturbereichen entspricht. 
denen die Wilden Leute entstammen. Das Wild-Borsti- 
ge seiner Erscheinung im zottigen Fellkteid. das hart- 
blättrige Laubgewinde um Kopf und Hiiften verzählenrr 
dem Betrachter von jenen raschligen Waldeinsamkei- 
ten. wo Wildmänner und Wildlrauen hausen. Wie der 
Wesensunterschied in der ganzen Befindlichkeit der 
Anifer Nymphe und dieses Wildmannes, so gegensätz- 
lich ist auch die Formensprache zwischen jenem lyri- 
schen Verklingen und dem, was hier gleichsam im rau- 
hen Naturlaut nicht ohne Scherz hervorgerufen wird. In 
Gestalt des Sagenhaften wird die Erfahrung naturzeitli- 
chen Wandels aus Beharrung undjähem Wechsel laut. 
In diesem Tonfall paraphrasiert der knorrige, tieibholz- 
artige Stamm in der Rechten das "Stämmigeii des wur- 
zelfesten Stehens. und der Ansatz zum Kontrapost 
wirktdabei mehrwieeiri nachdruckliches Postierender 
Stange denn als ein nachgiebiges Ausponderieren des 
Korpers. Geradedei nicht zu übersehende i-Humorrr - 
der seinem Wortursprung nach im Feuchten wurzelt 7 
gibt der Figurdas hohe Maß an vitalerSpannkraft, Es ist 
nicht unverständlich, daß der sonst so genau erfas- 
sende Lorenz i-lübnei im Wildmann iidie Statue eines 
Wassergottesii sieht." In gewisser Weise mag sich da 
demaufgeklärtenAugedas Elementare, Mythischedie- 
ser Naturgestalt mitgeteilt haben, wie sie gleichsam 
wassereritstiegen über dem Fischkalter wacht, So. wie 
der Wildmann auf der Säule ein Abkömmling der Ele- 
rrientarnatur in derStadl lSl, so waren einst die bewegli- 
chen, im Stern der Wassertröge gefangenen Fische 
TierederwildenSalzach. Das sonderbar ineinandertau- 
sehende Realitätsverhaltnisvon Kunst- und Naturform, 
das zur Entstehungszeit des Brunnens den iiStyle ru- 
stiqueii prägte, ist mit einem witzigen Wesenszug auch 
diesem Marktbrunnen zu eigen. r 
Gegenüberdem Ideal einer regulärgeläuterten, vollen- 
deten Kunstform betont der iiStyle rustiquerr ein Schöp- 
fungsprinzip der Gestaltwerdung, das nahe den 
Ursprüngennochvoridervieldeulig-arnbivalenteniiNa- 
turir elernentar-wildwuchsiger Kräfte durchwaltet ist. 
Diese Verbindung zum Ungestum-Vegetabilischen (vor 
allem auch im iiHumork) teilte sich beim Wilden-Mann- 
Brunnen nicht zuletzt durch die nah vorbeistromende 
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Salzach mit. einen damals ungezähmten Gebirgsfluß. 
der Reichtum und Verderben gleichermaßen bringen 
konnte. Auch ein Blick auf die extreme Situierung des 
Klausentors, das Markus Sittikus 1612 - noch in sei- 
nem Wahljahr - auf Kosten der Stadt errichten ließ. 
verdeutlicht durch eine bemerkenswerte ikonographi- 
sche Formulierung die betont enge Zusammenfügung 
von urtümlich-mächtiger Felswand und ungezügelter 
Flußnatur im Bereicht stämisch-architektonischer 
Festigung. ' Über der lnschrifttafel (Abb. 4) wachen in 
heraldischer Funktion zwei Wildmänner. lagernden 
Flußgottern nicht unähnlich. Der eine führt in seiner 
Rechten einen austreibenden Baumstrunk, während 
der andere eine um seinen linken Arm sich windende 
Schlange fest im Griff halt, Ambivalent-mehrsinnig ist 
dieses Schlangensymbol seiner ganzen chthonischen 
Erdnatur nach. so wie die Wildmänner auch. Unverse- 
hens der Enge entgleitend, ist die wendige Schlangen- 
klugheit zugleich voll überraschender Gefährlichkeit. ' 
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In der Gesinnung des iiStyle rustiquerr sind Fels und 
Wasser ihrem innersten Wesen nach originär miteinan- 
der verwandte Hervorbringungen der iiTerrari, der irdi- 
schen Matrix. ln dieser tlUlSplüfigliChkeiN der Natur 
gründet als Faszinosum iener Zeit die eigenartige 
Ästhetik des Grottenmilieus. ln Salzburgs italienisch- 
manieristisch geprägter Kunst zur Zeit des Markus Sitti- 
kus von Hohenems gilt dies insbesondere für den Geist 
der Hellbrunner Anlage als einem höchst effektvoll 
inszenierten Theatrum der Erstaunlichkeiten. Diesem 
Wesen entsprechend treibt das Wundersam-Zwittrrge 
der Kunst-Natur-Metarriorphose hier sein vexatori- 
sches Spiel. Einer der Hauplschauplätze wardas i-Stei- 
nerne Theaterii. Fischer von Erlach bewunderte es als 
eine (durch Erosion) geformte iiWundersame Felsen : 
Bühne . . . an welchem die Natur selber den Bau gefüh- 
ret.  den die Kunst  nicht zuwege zubringen ver- 
mocht hätteiikg. Zwarweiß Johann Steinhauser als Zeit- 
genosse. es sei das iiTheatrum des Bergs . mit 
sondern Fleiß und Kunst also durchbrochen" und zuge- 
richtet worden e doch betont er dies zur Schilderung 
eines anders frappierenden iiAugenblicksir. einer ande- 
ren Metamorphose aus Kunst- und Naturauftritt; denn 
dadurch können i-die Personen überall aus den Folsen 
artlich hertürkomen, darob sich die  Zuehorer nit 
wenig verwundernrigß Gerade dies ist der transitori- 
sche wMomentii par excellence im manieristischen 
iiStyle rustiquek: das dämonisch-urplötzliche Lebendig- 
Werden aus scheinbarer Unbelebtheit und polar dazu 
dasheftigeiiversteinernri imtheatralisch-dramatischen 
Affekt. Neben den wundersamen Aktionen bei den dort 
stattgehabten Schausoielen selbst lassen dies auch die 
Grotten Hellbrunns als thematisch-formal durchgebil- 
dete Inszenierungen erkennen, die eine enge Bezie- 
hung zur Bühne haben. 
Diese Komplexität bildet jedoch auch einen wesentli- 
chen Kern der stilistischen Eigenart und ihrer Kontinui- 
tät bis ins Barock beim Herkulesbrunnen unter den 
Hotarkaden der Residenz und beim Residenzbrunnen, 
Vor allem ein Trionlo, der 1618 in Salzburg nach dem 
Vorbild der berühmten Florentiner Theaterfeste der 
Medici stattfand. ist hierbei aufschlußreich." Von 
einem großen Wilden Mann als Herold angeführt und 
vonWildmännerngezogen,erschien unteranderem ein 
Triumphwagen des Herakles. Dieser war keulen- 
schwingend auf dem als verschlossener Berg gebilde- 
ten Gefährt zu sehen: Mit Acheious, dem Sohn der 
Sonne und der Erde. wollte er um Deianira kämpfen und 
damit beweisen, daß durch Mühe alle menschenmogli- 
chen Sachen zuwege gebracht werden können, Müßig- 
gang aber zu Schmach und Unehre führen. Letztlich 
also wohl ein Triumph der hohen Emsigkeit der Hohen- 
emser, "J Nach mehreren Metamorphosen des proteus- 
haften. wasser-erdverbundenen Acheious obsiegt 
Herakles denn auch durch unbeirrbare Festigkeit " 
Diese festliche Begebenheit nächst der Residenz ist 
demGrundgedankennachmitdem BrunneninderArka- 
denhalle der Residenz verbunden. dort kämpft noch 
heutesichtbarHeraklesiml-lalbdunkeleinerGrottenni- 
sche verbissen einen Wasserdrachen als Lernäische 
Hydra nieder?" Programmatisch wie im Trionlo von 
1618wird damit das Selbstverständnis der herrscherli- 
chen Pflicht in Überwindung dunkler, bedrohender 
Mächte gezeigt: ein ikonographischer Zielpunkt des 
ersten Residenzhofes als Vorbereitung des Haupttrep- 
penaufgangs. Bei genauerem Hinsehen erweist sich 
darüber hinaus in eigenartigen Details jene angeführte 
Komplexitatvon Kunst- und Naturerscheinung, Gerade 
derWahlspruchdes MarkusSittikusiiNumen veldissita 
jungitiim HellbrunnerSchloßlFestsaali, dem die Umar- 
mung zwischen salzburgischem Wappenlowen und 
Hohenemsischem Steinbock beigesellt ist, betonte als 
vlelsinnige Losungrnanch kontrastierendeVerbindung. 
Unter dieser Schickung kann sich die gegensätzliche 
Natur von Steinbock und Lowe im Temperament 
ebenso paaren wie beide als Zodiak-Zeichen eine Tem- 
perierung des Hitzig-Frostigen anzeigen. weil unter den 
Gestirnen von Steinbock und Löwe Sommer- und Win-
	        

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