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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIX (1984 / Heft 196 und 197)

die Behauptung aussprach, daßdiese vom ehemaligen 
Swieten-Grabmal in der Augustinerkirche stamme." 
Tatsächlich aber war diese am Anfang der 70er Jahre 
des 18. Jahrhunderts entstandene Büste, die sich im 
Direktorenzimmer der Österreichischen Nationalbi- 
bliothek befand, wohl für diesen Raum, die ehemalige 
ricamera praefectiir bestimmt, in der Gerard van Swie- 
ten 27 Jahre als Vorstand der damaligen Hotbibliothek 
residiert hatte. Mit dem ehemaligen Grabmal hängt sie 
in keiner Weise zusammen. Dieser Irrtum tradierte 
sichauchdann noch weiter, als in dem inzwischen publi- 
zierten kunstgeschichtlichen Material aus den gehei- 
men Kammerzahlamtsbüchern des 18. Jahrhunderts 
Balthasar Ferdinand Moll als Urheber des Grabmals 
nachgewiesen wurde." Man hatte sich den Sachver- 
halt dann so ausgelegt, daß Moll zwar das Grabmal in 
Auftrag bekam und es auch ausführte, die Büste, der 
Mittelpunkt des Aufbaues, aberdennoch an einen ande- 
ren Künstler vergeben wurde, eben Franz Xaver 
Messerschmidt - eine Vermutung, die in Anbetracht 
der gegenüber seinem ehemaligen Schüler überlege- 
nen gesellschaftlichen Position Molls nicht sehr wahr- 
scheinlich ist. 
Das Grabmal für Gerard van Swieten, das nach den 
bekannten Quellen genau datierbar ist, entstand in 
einer Zeit, in der sich die Gedanken Winckelmanns in 
Wien aul theoretischer Ebene voll durchgesetzt hatten 
und auch das Schaffen einzelner Künstler zu beeinflus- 
sen begannen. In demselbenJahr1772ianddie Reorga- 
nisation der Akademie der bildenden Künste nach 
neuen Prinzipien statt, ein Jahr später begann Johann 
Friedrichwilhelm Beyer mit einem ganzen Stab von Mit- 
arbeitern die groß angelegte plastische Gestaltung des 
Schönbrunner Parkes. Die neue Kunstentwicklung hin- 
terließ in dieser Zeit auch im Werk Balthasar Ferdinand 
Molls ihre Spuren. Er versuchte sich der neuen Ästhetik 
anzupassen - sich zu modernisieren, Seine Beweg- 
gründe entsprangen wohl weniger einer inneren Über- 
zeugung, sondern waren eher pragmatisch, wie bei den 
meisten seinerAltersgenossen, die noch im Spätbarock 
aufgewachsen waren und mit den neuen Kunstidealen 
nicht viel anzufangen wußten, sich aber dennoch ver- 
pflichtet fühlten, mit der Zeit Schritt zu halten. 
Die Anpassung an den Klassizismus äußerte sich beim 
Denkmaldes Gerard van Swieten schon im Gesamtkon- 
zept. Trotz beachtlicher Maße wählte der Künstler ein 
verhaltnismäßig schlichtes NischerrGrabmal mit über- 
sichtlichem aber auch etwas simplem Aufbau. Den Mit- 
telpunkt bildet die Büste des Verstorbenen, aufgestellt 
auf einem eigenen Sockel und umgeben von derglatten 
HüllederNische. SiebildetsoeineArt Denkmal fürsich. 
ihre Präsentation ist der damals üblichen Denkmalauf- 
stellung nachempfunden. ' Das einzige "belebenden 
Moment, das die strenge. aber auch etwas leere Sym- 
metrie der Architektur durchbricht, ist der Unterschied 
im Bewegungsmotiv der beiden vGenienii, zwei überdi- 
mensionierten Nachzüglein barocker Putti, aber schon 
mit verhaltenen, iigesetztenii Gebärden. Bei der Büste 
van Swietens, dem einzigen bis heute erhaltenen Teil 
desGrabmals, zeigtsich MollsAnnäherung an den Klas- 
sizismus ebenso deutlich, wie im Aufbau selbst. Wir 
erkennen sie im Konzept des Büstenabschrtittes, das 
auf den für die früheren, iibarockenii Büsten Molls cha- 
rakteristischen Überschwang an schmückenden Ele- 
menten verzichtet und eine glatte Silhouette anstrebt. 
Der i-Umhangii, der den Büstenabschnitt in flachen Fal- 
tenumhülltundaufderrechtenSchultermiteinem Ende 
nach vorne fällt, ist wohl als eine Art Toga zu verstehen. 
Mit einer ähnlichen, unverbindlichen Draperie stattete 
Moll auch zwei Bronzebüsten des Kaisers Franz I. von 
Lothringen aus. Eine davon befindet sich heute im 
Kunsthistorischen Museum, die zweite in der Österrei- 
chischen Galerie." Beide sind undatiert, ihre Ähnlich- 
keit mit der Büste van Swietens erlaubt die Vermutung, 
daß sie ebenfalls in der ersten Hälfte der 70erJahre ent- 
standen sind." Bezeichnend ist, daß Moll keine 
wesentlichen Unterschiede bei derGestaltung des Sou- 
verans und seines Untergebenen macht, die Rangord- 
nung ist nur durch Attribute zum Ausdruck gebracht, 
So tragt der Kaiser am breiten Halsband den Orden 
des Goldenen Vließes, während der berühmte Arzt den 
St-Stephans-Orden zeigt. Das Haupt des Kaisers wird 
von einem Lorbeerkranz bekrönt, während die genau 
gleich gestaltete Perücke bei Gerard van Swieten ohne 
diese Zierde bleibt. Die Haltung der etwas zur Seite 
gewendeten Köpfe ist aber gleich, ebenso die Gesamt- 
erscheinung des Büstenabschnittes - eine Gleichset- 
zung, die im barocken Bildnis nicht in diesem Maße 
üblich ist. Mit dieser Tendenz zu typologischer Nivellie- 
rung steht Moll keineswegs allein, sie ist allgemein im 
Porträt des späten 18. Jahrhunderts zu beobachten und 
hat ihre Gründe wohl teils im Fehlen von differenzierten 
klassizistischen Porträttypen. welche die traditionelle 
barocke Typologie hätten ersetzen können, teils aber 
sicher auch in den sittlichen Postulaten der klassizisti- 
schen Kunsttheorie, diesich besonders stark inder Dar- 
stellung der Persönlichkeit bemerkbar machten. Beim 
Porträt des Gerard van Swieten spüren wir dieses 
Bemühen um ethisches Pathos auch im gesammelten 
Gesichtsausdruck, der die geistige Überlegenheit des 
Dargestellten wiedergeben soll. Im Konflikt mit dieser 
Heroisierungstertdenz steht aber die nüchterne, des- 
kriptiveSchilderungderindividuellen Gesichtszüge,die 
Moll als Porträtisten schon bei früheren Bildnissen aus- 
gezeichnet hatte, dort aber noch durch äußere Pracht- 
entlaltung ausgeglichen wurde. Jetzt tritt sie unverhoh- 
len zutage, und der pedantische Zug, den Molls 
Bildniskunst damit erhält, ist wenig geeignet. die 
menschliche Größe des Porträtierten zu vermitteln. 
Seine Büste Gerard van Swietens ist also ein zwiespäl- 
tiges Werk, das nicht völlig befriedigt, das unsere Auf- 
merksamkeit aber dennoch verdient, weil es in Wien 
einen der frühesten Versuche darstellt, die klassizisti- 
sche Kunstanschauung in einem Porträt anzuwenden, 
das zugleich auch Denkmal sein soll. 
In der Zeit, als Balthasar Ferdinand Moll die Büste für 
das Grabmal van Swietens schuf, existierten in Wien 
mehrere Porträts dieses berühmten Mannes, und es 
stellt sich die Frage. ob und wie sich Moll von diesen 
Werken für sein postumes Bildnis anregen ließ. Eine 
direkte Verbindung zu anderen bekannten Darstellun- 
gen Swietens ist nicht nachzuweisen, auch wenn 
damals schon graphische Blätter mit ebenfalls denk- 
malhaften Porträts Gerard van Swietens existierten. 
Hervorzuheben ist vor allem das bekannte Werk von 
Augustin Cipp, einem Arzt und Kupferstecher, der sein 
Porträt als tlächenhalte Projektion eines dreidimensio- 
nalen Denkmales wiedergibt. " Dieses Werk, das meh- 
rere weitere graphische Porträts van Swietens an- 
geregt hatte, ist aber noch ganz der barocken 
Überlieferung verpflichtet. Selbständig verarbeitet und 
mehr klassizistisch verbrämt finden wir es in einem gra- 
phischen Blatt von Ägid Verhelst" d. Jüngeren, dessen 
Entstehungstermin nicht bekannt ist," Aber auch wenn 
es vor 1 772 geschaffen wurde. hatte es Balthasar Ferdi- 
nand Moll offensichtlich außer acht gelassen. In Jener 
Zeit existierte aber bereits die erwähnte Bleibüste van 
Swietens im Medizinischen Hörsaal der Wiener Univer- 
sität von Franz Xaver Messerschmidt, und etwa gleich- 
zeitig mit dem Werk Molls entstand auch die zweite 
genannte Büste Messerschmidts für das Präfektenzim- 
mer der Hofbibliothek. Moll fühlte sich wohl von diesen 
beiden Werken herausgefordert und bemühte sich 
sicherlich auch deshalb um eine ähnliche heroisierte 
Darstellung und um eine eigene Formulierung eines 
klassizistischenPorträts.SiegerbliebaberderJüngere, 
der eine überzeugende Antwort auf die ihm gestellte 
Aufgabe zu finden wußte. 
Anmerkungen 25 - 27 (Anm. 19 - 24 s. Text S, 26, 27) 
ß eeioewerkeweidenmanchmaiauchirngindrescerJahredes18 Jahr- 
hunderts datiert Nach u Kdriig ia a 0.. S 147) sind SIE aber wahr- 
scheinlich i775 entstanden 
1' Der nicht datierte Stich ist mir in zwei seiienverkehrlen Versionen 
no 
bekannt (beide befinden sich im Biidarchivder österreichischen Natid 
riaioibiiothek), Die vorzeicriniirig iiir die graphische Darstellung befin- 
qei sich im Graphischen Kabinett des Rriksmuseiims in Amsterdam 
1' Uber diesesWerk des Mannheimer Kuplerstecrters A. Verheist d. J, ist 
nichts Naheres bekannt.
	        

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