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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIX (1984 / Heft 196 und 197)

indet man ab Mitte des 18. Jahrhunderts in ganz 
tschland als Vorläufer des Etagenofens Heizkörper 
iurchbrochenem Oberbau", bei dem ein oder meh- 
Durchsichten zum Warmhalten von Speisen und 
"anken übereinander angeordnet waren. Dieser 
ttyp ließ sich verhältnismäßig einfach aus einzel- 
Kachlen errichten und bot zudem heiztechnische 
eile. Die Anordnung in einzelnen Etagen bewirkte 
rzugartige Führung der Heizgase, die im Ofenauf- 
zirkulieren konnten. Verbessert wurde diese Tech- 
durch die Erfindung der Züge, die ins Innere des 
ts als Heizgas- und Rauchkanäle eingebaut den 
reftekt des Ofens um vielfaches steigerten. Somit 
t der Etagenoten zu den frühesten von technischen 
rlegungen und Bestrebungen bestimmten Ofen- 
len, die im Lauf des 19. Jahrhunderts immer mehr 
(onstruktion der Heizkörper bestimmten. 
er Biedermeierzeit änderte sich an der Grundform 
Heizkörper wenig (Abb. 7). Jedoch wurde der Ofen- 
itel mit dem typischen biedermeierlichen Zierrat 
rehen. Anfang der vierziger Jahre entstanden die 
esten Entwurfszeichnungen von Franz Erndt jun., 
er als Lehrling in der Werkstatt seines Vaters aus- 
te (Abb. 8). 
ten vierziger Jahren liefert als Parallelerscheinung 
Biedermeier historistische Strömungen einher. 
iorientierte sich an der eigenen Vergangenheit und 
.if Öfen zunächst im Stil der Neogotik (Abb. 9) und 
Neorokoko. Bei den Entwürfen der Familie Erndt 
riniert vor allem der Rokokoofen (Abb, I, ll. 10. 11)". 
misch zur Kategorieder Überschlagöfen zu zählen. 
Je er nicht aus einzelnen Kacheln zusammenge- 
t. sondern über einem Holzgerüst wurde eine 
lcht ausTon itumgeschlagenii odertiüberschlagenit. 
1er Form des gewünschten Ofens entsprach. Luft- 
ocknet zerschnitt man den freiplastisch modellier- 
-leizkörper in große Stücke. Nach erfolgtem Bren- 
und Glasieren setzte man die einzelnen Teile an Ort 
Stelle zum nunmehr fertigen Ofen wieder zusam- 
. Die Fugen wurden so fein verstrichen. daßder Ein- 
:k eines in einem Stück modellierten Werkes ent- 
d. Plastische Zierglieder und Architekturteile 
ten gesondert geformt. gebrannt und zum Schluß 
1ie Mantelparlie des Ofens aufgesetzt. 
ttisch schlossen die Ofenentwürfe von Franz Erndt 
(Abb. 10)undjun. sehr eng an den höfischen Wiener 
ides18.Jahrhundertsan undzeigen all dessen cha- 
aristische Merkmale. Auf zierliche Messingtüße 
ellt. erhebt sich über einer breiten Messingleiste 
Dfenkorper. Im Aufbau stets zweistufig. ist in der 
zlzone derÖfen ein kräftiges, vielfach geschwunge- 
und reich gegliedertes Gesims und darüber ein 
lhllSS Mittelstück eingeschoben, das sich zwischen 
voluminösen Unter- und dem schlankeren Ober- 
befindet. Die seitlichen, den Ofenkörper rahmen- 
Pilaster geraten ins Schwingen und bestimmen die 
egte Silhouette der Heizkörper zusammen mit den 
ten und C-Schwüngen des Gebalkes und dem 
irvten, oft gebrochenen Kranzgesimse, das mit sei- 
bewegten. abwechselnd nach oben und unten aus- 
nden, in derMitte der Stirnseite vielfach gegenläufi- 
Voluten verziert ist. Die meist kuppelförmigen 
bnungen tragen als oberen Abschluß zierliche 
tmausdenen oftkeramische Blumensträußewach- 
Die Spannung zwischen dem weißen glänzenden 
ikörperund dermitgroßem Einfallsreichtumverteil- 
plastisch modellierten, meist vergoldeten Orna- 
tik machen die Wiener Ftokokcöfen so besonders 
roll. 
he Entwürfe wurden z. B. bei der Herstellung von 
l in der Wiener Hofburg und in Schloß Schönbrunn 
ilehnung an die vorhandenen Heizkörper und die 
ikoinnenausstattung verwirklicht. Die Stilkopien 
19. Jahrhunderts schlossen zum Teil so eng an die 
rtalen Rokokoöfen des 18. Jahrhunderts an, daß sie 
1 von diesen zu unterscheiden sind. Auch Heizkör- 
nit asymmetrisch gestaltetem Otenaufsatz in Form 
s Füllhorns (Abb. 11) oder Rokokoöfen. bei denen 
eine vollplastische Figur an Stelle des Ofenaufsatzes 
tritt, sind bereits im 18. Jahrhundert weit verbreitet." 
Man findet bei den Erndt-Entwürfen auch den soge- 
nannten Kaminofen, bei dem die untere Partie die 
Gestalt eines Kamines. die obere iene eines Ofens 
besitzt. 
Neben den Öfen orientierte man sich auch an den Vor- 
bildersammlungendes18.Jahrhunderts.Soistein Blatt 
des Franz Erndt sen. erhalten. das eine getreue Kopie 
eines Kupferstiches von Joh. Georg Hertel nach einer 
Zeichnung von Franz Xav. Habermann darstellt." 
Bleiben die Entwurlszeichnungen und ausgeführten 
ÖfenvonFranzErndtsen.sowiediemirbekanntenöfen 
in der Wiener Hofburg von Bernhard Erndt in Aufbau, 
Dekoration und Ornamentik durchwegs dem Stil des 
18. Jahrhunderts verhaftet, so werden ab 1850 die Öfen 
von Franz Erndt jun. immer reicher dekoriert, überlade- 
ner und in bizarreren Formen gestaltet. Davon zeugt 
sowohl der 1854 ausgeführte Rokokoofen im Pietra- 
dura-Zimmerder Präsidentschaftskanzlei (Abb. i. II) als 
auch dereigenartige Kaminofen, bei dem der Aufsatz in 
Form eines Kerzenleuchters gestaltet ist (Abb 12), 
Im gesamten Otenbau allerJahrhunderte beispiellos ist 
auch jener um 1850-60 in der Werkstatt von Franz 
Erndt iurt. erzeugte und im Österreichischen Museum 
für angewandte Kunst erhaltene Ofen (Abb. 13)'", der 
im Oberteil die Gestalt einer pittoresken Vase und im 
Unterteil die Form eines geschweiften. mit einem Fuß- 
wulst versehenen Zylinders zeigt. Von äußerst maleri- 
schem Gesamteindruck ist die lichtgrüne. leicht perl- 
graue Grundfarbe über und über mit buntglasierten 
Ranken, Festons, einzelnen Blüten und verschiedenar- 
tigem Blattwerk übersät. DieserOfen ist auch auf einem 
Musterblatt. auf dem Franz Erndtjun. 1868 elf verschie- 
dene. damals in seinem Lager vorhandene Heizkörper 
zeichnete. abgebildet (Abb. 14). 
In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts verlor der Rokoko- 
ofen allmählich an Bedeutung. So wurde in einer Kritik 
anläßlich derWiener Weltausstellung 1873 das Hokoko 
als itärgstes Unwesen des Barockstilesir" bezeichnet. 
Vorallemdie reich dekorierten, bizarren Öfen des Franz 
Erndtjun. konnten keine Erfolge erringen und wurden im 
offiziellen Ausstellungsbericht heftig kritisiert. liMit sol- 
cher Geschmacklosigkeit. gepaart mit technischer 
Unvollkommenheit, war es immerhin gewagt, eine Aus- 
stellung zu beschicken. Ein fürchterlich modellirter. mit 
Gold zur Hälfte überzogener weißer Barockofen und ein 
grauer und blauer Majolica-Ofen waren Zeugen einer 
verfehlten Fabrikation." '" 
Inder2.Jahrhunderthälftebevorzugtemanimmermehr 
Ton- und Kachelöfen im Stil der Neorenaissance und 
des Neobarock, während die Neogotik noch immer eine 
wenn auch untergeordnete Rolle spielte. Als Vorlagen 
für jene historistischen Öfen dienten oft bereits vorhan- 
dene Heizkörper aus vorangegangenen Jahrhunder- 
ten, Vor allem die Fabrik Fleischmann in Nürnberg 
erzeugte genaue Imitationen der Nürnberger Renais- 
sanceöfen, aber auch mehrere Ofenfabriken in Heidel- 
berg, Wien, Steyr, Graz lieferten Kopien alter Öfen. Von 
Franz Erndt jun. sind zwei Blätter erhalten, die Kopien 
des 1 568 datierten Ofens mitgroßen Arabeskenkacheln 
(Abb. 15)" und mit einigen Variationen des schwarz 
graphitierten um 1600 entstandenen Kachelofens von 
Bartholomäus Schamerich" zeigen (beide heute: 
Österreichisches Museum für angewandte Kunst). 
Neben getreuen Imitationen entstanden auch Öfen, bei 
denen die architektonischen und dekorativen gotischen 
und Fienaissanceornamente nicht mehr als wesens- 
fremde, romantisierende Zutaten an einem aus völlig 
anderem Zeitgeist geborenen Heizkörper sind. Sowohl 
Franz Erndt sen. schuf Entwurfszeichnungen für Rund- 
ölen mit gotischen Verzierungen (Abb. 16) als auch 
Franz Erndt iun. solche für Öfen und Kamine mit goti- 
scher oder Ftenaissancedekoration. 
Als in dieser Zeit an Stelle der handwerklichen Produk- 
tion immer mehr die labriksmäßige trat, änderten sich 
die Vorbedingungen für eine künstlerische Gestaltung 
von Öfen grundlegend. Die massenweise. nur in weni- 
gen Formen in Fabriken hergestellten Kacheln er: 
gen einfache kubische Ofenformen. Der schöple 
tätige Handwerker. der eigene Entwürfe eigenh. 
auszuführen gewohnt war, mu ßtedie Kacheln nur 
in vorgeschriebener Weise zusammenfügen und 
damit zu einem Arbeiter ohne künstlerischen Et 
herab, Diese Entwicklung entsprach nicht dem kü 
rischen Empfinden von Franz Erndt jun. Ab Anfarl 
siebziger Jahre nimmt die Zahl seiner Entwurfs: 
nungen merklich ab um bald ganz zu versiegen 
ebenso scheint auch die Anzahl von Aufträgen ur 
Herstellung von Öfen zurückgegangen zu sein. 
hard Erndt gründete damals die Ofenfabrik in I 
Pöchlarn, in der neben der fabrikmäßigen Erzei. 
von Heizkörpern und anderen Tonwaren noc 
Anfang des 20. Jahrhunderts einige Fiokokoöfer 
Teil iigenau nach den alten bestehenden Typenir. 
fertigt wurden. Noch 190W entstanden unter de 
tung der Söhne von Bernhard Erndt in der Wiener 
burg ein weißglasierter, vergoldeter Barockofen i 
riAntekammer des Zeremoniell-Appartements br 
Adlerstiegeir (heute: Präsidentschaftskanzlei, R1 
zimmer) und ein weißer Rokokoofen ilim Servierzir 
des Alexander-Appartementsit (heute: Schauraur 
Als um die Jahrhundertwende das Bestreben einst 
diehistorischenStilezu überwinden,undmangegi 
fabrikmäßige Herstellung von künstlerisch gestal 
Gebrauchsgegenständen vorging, erreichte mit 
Jugendstil das Kunsthandwerk eine neuerliche l 
Zu dieser Zeit hatte aber die Hafnerfamilie Ernd 
Bedeutung bereits verloren. 
Mir ist wohl bewußt. daß diese kurzen Ausführu 
kaum der Fülle und Verschiedenartigkeit des Matt 
gerecht werden können. Zusammenfassend 
gesagt werden. daß sich die Hafnerfamilie Ernd 
bauend auf einer soliden handwerklichen und künt 
schen Ausbildung in ihrem Schaffen an den moderi 
Strömungen des ln- und Auslandes orientierte. l 
Erndt sen. konnte mit seinen Entwürfen, in den- 
Anregungen aus Berlin. Paris und dem Wiener R: 
verarbeitete. große Erfolge erringen. Während l 
Erndt jun. vor allem von künstlerischen Bestrebu 
geleitet wurde und zum Teil einzigartige. unvergl 
bare Öfen entwarf. die allerdings in der 2. Jahrhur 
hälfte kaum Zustimmung fanden, stand bei Berr 
Erndt das kommerziell Fabrikmäßige im Vordergi 
Anmerkungen 30 - 53 (Anm. 30 -E s, Text S. 32V)? 
1' iriternatrcnaleAussicilung zu Paris 157a, kaiaiogderosierrerch 
Abteilurlg.hg vonderk k Cerltral-CdrrtrrllsslbnirtWlert lurdieW 
stellung zu Paris 157a. 1 Autl ,Wien, sss, 109 
1' lllustirtes Oesterr Journal, v Jg . Nr 122, Wien 23 Juli 1579, 
11 Uber soo Jahre Kleln-Fochlarner Tongruben, ift' Werbebro 
ERNDT, o J , s 1 
H Haus, Hof- und Staatsarchiv, Oberstholrrleisteramt. 1099, Fl 
Zl 13045 
1' ebenda,1909,R 121121311 11 966,HartdelsregisterdesAmtsge 
in wich. Abteilung e. Nr 3653a und Nr. HR 1a 7539 
ß ebenda, Nr HR e 7539 Heutige Adresse der Firma 
Tonolen- und Tonwarenlabrik ERNDT. Franz Malaschofsky 
schartm b 11 Nlg. KG. aseo KIein-Pochlarn 
ß Wahring, s 734 tzii. Anm. 10). v 
1' Vgl. dazir- Fritz Blilmel, Deutsche Ofen. Der Kunstolen von ti 
1910. Kachel- und Elsertülert aus Deutschland, Österreich u 
Schweiz, Munchert 1955 
Floserviarie Franz, Der Kachelofen, Entstehung und kunslgesc 
che Entwicklung vom Mlllelailer bis zum Ausgang des Klasslz 
Graz 1969 
'- Franz, Kachelofens teoi (zil Anm 37), 
" ebenda.Abb.S02 Zßlertentwurievon Riedeld J .Eerlinum tso 
ß ebenda. Abb. soa 2 Olerienlwurle von Unger. Berlin 
" JournaldesLuxusundderModemhg vnnFJ EertuchundG M 
Weimar 173a e 132a 
M Franz, Kachelofen tzrt Anm a7). Abb. sss - 601i 3 Olenentwu 
Firma olivicr. Paris Ende 1a Jh 
i! cbendas 149 Elurnel. Deutsche olerts 16711 tzii Anm a7) 
1' Zu den lruheslen Ofen mit durchbrochenem Oberbau zahlel 
Franz, Kachelofen (lil Anm 37),Abb. 524, Fayenceofen ubereis 
Feuerkasten, von Johann Adam Fischer. Dresden 1727. Schloßl 
burg. Abb 529 Oferlrrlodell aus bemalter Fayertce. DOfOlh8ert' 
1720, Eisenach, staatliche Museen 
ß BlürrleLDeutscheOli-zn 312343311 (1it.Anm 37) Franzkachr 
S140,146f (ltf. Anm 37) 
1' z e. Franz, kacheioientzit Anm 37). Abb 517 Wetßglasiertery 
deter Rokokootert mit Oteriaufsatz in Gestalt eines Fullhorns 
Mliiets Jh .W1en.SchloßSchünbrunn,Abb 522 Rokokoofenm 
sitzenden weiblichen Figur als Olenaufsatz. Wien. Mitte lB Jh 
chen, Bayerisches Nattonalmuseum. 
v in Sammelbandvon233Ornarrlentsl1cher1ausdem 1a Jh ausv 
zumeist unvciisiandigen FoigerilOMAK K I 772a. J 12) 
II Blümel. Deutsche Otens tat tzrr Annr 37) 
ß Teirich.OfticlellerAussteIlungs-Berlcht, S34(zit Anm 20) 
w ebenda, s as i 
11 Franz. Kachelofen tzii Anm a7),Abb.Tar 1a EuntglasiertelOl 
Arabeskenkacheln. aut den Lelstenkachelrl des Obeibaues da! 
und Slgrt. LD, Salzburg oder Oberosterreich, Wien. OMAK 
er ebenda,Abb.434 SchwarzgraphitierlerKachelofenvonBartholi 
Schamerich,Süddeutschland, um l600,W1en,0MAK 
a1 i-iaus.i-ibt-undStaatsarchiv.obersthcinterstcrami.1903m 2t 
zi 3142,21 8141.1904_R 2111212711 ssutsoa n 2iiiar2s.2i
	        

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