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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXX (1985 / Heft 203)

1er besonders evident wird, wenn das Marienbild von 
Kit-Bunzlau (Stare Boleslav) zitiert wird.'9 Johannes 
llepomuk hatte zu Maria und speziell zum Bunzlauer 
Snadenbild eine große Verehrung; derTullner Freskant 
rannte das von Pfeffel tradierte Bild genau, er wird es 
später noch verwenden. In der Beichtszene der Königin 
-bei Pfeffel im Hintergrund ein Spiegel (Stich 10) - ist 
iber ein anderes Marienbild: Vorbild dafür dürfte ein 
Bild gewesen sein in der Art der sogenannten ßMaria 
ron Lorettoir. das Flatlael zugeschrieben wurde, und nur 
nehrin Kopienerhalten ist. Mariaziehthierden leichten 
ächleier vom aufwachenden Jesuskind, während 
ioseph aus dem Hintergrund die Szene beobachtet." 
Iür seine geradezu klassisch-ruhig konstruierte 
lauptszene mag unserem Künstlerdas Bild des Raffaei 
iesonders geeignetgeschienen haben,esvollendetdie 
äeklärtheit der Verwendungskomposition durch die 
iigene Ausgewogenheit. Doch steckt hier noch mehr 
larin: am Fuß der Pyramide bedeuten die beiden Putti 
nit ihren Gesten Verschwiegenheit und Vertrauen (Ver- 
ichlossenheit und Hingabe). Maria offenbart die gott- 
nenschliche Schuldlosigkeit und Schuldübernahme in 
ler Hoffnung des Kindes: verschlossen werden 
nenschiiche Unzulänglichkeit und Hoffnungslosigkeit: 
.0 dürfen wirwohl die Gegensätzlichkeit derAllusionen 
erstehen. Die sichvon den Putti aufbauende Dreiecks- 
omposition ist nicht nur künstlerisches Mittel. in ihrer 
rnwendung auf den Beichtvorgang wird zugleich die 
Zedeutung des Sakramentes formuliert. das Johannes 
'on Pomuk exemplarisch in allen Konsequenzen ver- 
valtete. Es ist nun die Vorsorge der Gesamtbildorgani- 
ation. daß die geschlossene Feierlichkeit dieses Fres- 
os mit seiner vergleichsweisen Nahsichtigkeit über 
len in den Blendbogen aufgestellten Beichtstühlen 
ingebracht wurde. 
1 den Seitenmedaillons haben ie zwei Putti nochmals 
lie Aufgabe (auch mit Hilfe von Schriftbändern: i-Posui 
iri meo oustodiam Ps 39V Zrr und nConfitebor adversum 
'18 iniustitiam Ps 31 V Sri) simulierend Bekenntnis und 
erschwiegenheit des Sakramentes auszudeuten. Mo- 
"IEHIBHG Aktualität und Historie gehen also Hand in 
land. Der Hauptduktus der Freskenerzahlung verlauft 
n den vier Hauptgewölbefeldern, wobei es dem ideel- 
en Organisator (zweifellos ein Angehöriger des Klo- 
ters) und auch dem Maler gelang, eine durchgehende. 
iramatische Konsequenz glaubhaft zu machen, die 
iassive und die aktive Gestik (übrigens durchaus ein 
iestentypus, der keine sehr große Bandbreite des Aus- 
irucks beanspruchen kann; er ist auch nicht auf unse- 
en Heiligen beschränkt) des Titelheiligen symbolisiert 
lie Grundstromung der vier Bilder. In die Deckenbilder 
tußten mehrere Fäden elngewoben aber auch enthüllt 
rerden. Über der Westempore bietet König Wenzel 
em späteren Heiligen den Bischofssitz von Leito- 
wischt (Litomysl) und die Probsteiwürde vom Wyscheh- 
ad - zwei Bischofsmitren sind sichtbar. Nach der Vita 
Klr. 7. Stich 9) geschah dies aber vor der Beichte der 
Iönigin. diese Diskrepanz ist nun insofern überspielt 
iorden, als der König nicht nur anbietet. sondern mit 
charfer Miene und Handhaltung den Priester zur 
ösung des Beichtgeheimnisses erpreßt. Die Antwort- 
este des Heiligen kann beiden entsprechen. Die aus 
em Hintergrund vordringenden Soldaten zeigen 
ereits an, wohin sich das Geschehen fatal entwickeln 
rird. Das alles istsehr knapp undpräzis-treffend erzählt 
rorden. Es dringt hier eine Parallelassoziation des Bild- 
totivs durch: das Verhör Christi durch Pilatus wird 
egenwartig. sodaß aus der herkömmlichen Kenntnis 
ieses Bildtypus der tddliche Ausgang absehbar wird. 
ugleich die bildhafte und sinngemäße Ähnlichkeit mit 
en letzten Stationen des Lebens Christi. Pleflel stellt 
en Heiligen dreimal als Lehrenden bzw. als Prediger 
ar: einmal unmittelbar nach Erlangung der Doktor- 
iürde an der Universität Prag - wobei die Ähnlichkeit 
1itdemlehrendenJesusknabenimTempelnichtnurals 
liidanleihe gesehen werden darf(Slich 5); dann als Pre- 
iger in St. Veil in Prag (Stich 7) und schließlich nach 
em ersten Verhör(mit Folterung. Stich 19); die Homilie 
des bereits durch das beginnende Martyrium gekenn- 
zeichneten Priesters betraf die Worte Christi aus den 
sogenannten Abschiedsreden (also ebenfalls unmittel- 
bar mit der Passion verbunden): wModicum videbitis 
meri (Vita Nr. 13; gemeint ist offenbar hier die gesamte 
Sentenz von Joh16.16ff.). Im Stich bei Pfeffel ist dies im 
unteren Aufbau vermerkt worden: wloannes super illud: 
Post modicum dicens, concioni vale facit, mortem 
suam. multaque Bohemiae imminentia mala vaticina- 
tus. Vit. n. 13a. Abgesehen davon. daß bereits in der Vita 
die Parallele zu Christus sogar durch Weissagungen 
angestellt worden ist. wurde die Bildinszenierung in 
Tulln noch um einiges deutlicher: aufder an einerArchi- 
tekturfront fixierten Kanzel mit rechts und links ange- 
ordneten Vorhängen befindet sich der Heilige mit Ora- 
tionsgeste und über ihm ist in schwarzen Buchstaben 
vermerkt: nModicum et iam non videbitis meu. So ist hier 
nicht nur das Thema der Homilie aufgezeichnet, son- 
dern auch der innere Ausdruck. derGefühlszustand des 
Predigers begründet worden. Er gibt dann wieder die 
Ursache ab für die Erregung der unter der Kanzel 
befindlichen Hörer, die sowohl in den nimminentla 
malau als auch darin steckt. daß der überaus beliebte 
Geistliche aus dieser Welt scheiden muß. 
Die hier dargelegten Anspielungen - bildgeworden 
aufgrund des gesprochenen Wortes - haben aber 
nicht nur den Negativeffekt des Todes im Martyrium: 
das Wiedersehen des Heiligen geschieht wenig später 
in der fugenartigen Glorie in der Apsis (so war es auch 
bei Joh. 16gemeint; es ging um die WiederkunftCt 
Wie bereits erwähnt: eine innige Verehrung ve. 
den Heiligen mitder Muttergottes-die Kreuz-bzw 
densverehrung des Heiligen wird in seiner Vita ja 
besonders hervorgehoben e, erwar ihr auch zu b 
derem Dank verpflichtet, da er auf Fürbitte der M 
gottes schon im Kindheitsalter geheilt wurde (Vita 
Die Kreuzesverehrung wird im Fresko noch durt 
Kreuz an der Brust neben dem bildüblichen Rosen 
sichtbar gemacht, im übrigen hat sich unser Fre 
sehreng andie PfeflelscheVorlageangeschlosse 
Vielfalt durchlaufender und erkennbar gema 
Beziehungsfäden wird bei einem Vergleich aulgec 
unterdem Stich 20 mit dem Gang des Heiligen nac 
Bunzlau ist die Schrift: riloannes Boleslaviam vet 
peregrinatur. vitae exitum Virgini Matri commer 
rus. Vit. n. 141i Das "heilige und geheiligteu Beweg 
motiv - erinnern wir uns - als Bild des ablaufe 
Lebens überhaupt wurde bereits in der Gesamtö 
mie der Fresken an der Decke der Eingangshall 
tönen gelassen: introitus et exitus. Nach dem im Vt 
angekündigten Weggang ist Johannes nun tatsac 
auf seinem letzten Weg begriffen, jede der Gesi 
drückt die Vehemenz, die rapide Sequenz in den le 
Lebensstationen des Priesters aus; hier mischer 
auch englische Wesen ein. verstärkend zu den Sti 
von Pfeftel sind sie aber komplementäre Besten. 
der höchst erregten Komposition. Sie weisen auc 
ihre üppige Präsenz in Malerei und Stuck in der Apsl
	        

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