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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXX (1985 / Heft 203)

5 Holzdecke(Kasseltendeckemus dem Kaiserzimmerdes Stif- 
tes Zweltl im Thronsaal der Franzensburg in Laxenburg. Aus- 
schnitt. Ende 16. Jahrhundert 
 
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Bau in Klosterneuburg kam es iedoch zu einer Umkeh- 
rung, und der Kaisertrakt mit dem betonten Mittelsaal 
wurde wie beim Escorial östlich der Kirche errichtet. 
In Melk drehte Prandtauer die spanische Abfolge in die 
Querachse, sodaß die Kirche von Kaiser- und Biblio- 
thekstrakt flankiert wird?" Diese Lösung wurde im 
Zuge einer Pianänderung um 1 732134 auch inAltenburg 
übernommen. 
Die gleiche Gegenüberstellung von klosterlichem und 
imperialem Bereich ergab sich in Göttweig und in 
St. Blasien durch die Anordnung von Abt- und Kaiser- 
appartement zu beiden Seiten des Festsaales bzw. der 
Kirche.wobeidiedahinterstehendeldeedurcheineent- 
sprechende lkonographie der Stiegenhäuser deutlich 
zum Ausdruck gebracht wurde." ln ähnlicher Form 
wurde in Ottobeuren die Stellung zwischen kirchlicher 
und weltlicher Macht iischon in der Disposition des Klo- 
sters vorgezeichnetii und durch die Anbringung von 
Stuckbüsten von Heiligen im Konvent und von Imperato- 
ren im Gastegang veranschaulicht." 
Kaisersäle; 
Mehrere der schon genannten Klöster besitzen neben 
Gastzimmernfürden Kaiserauch einen Kaisersaal. Der 
Begriff scheintbereits in zeitgenössischen Quellen auf. 
So nennt die Ansicht des Stiftes Melk von Pteffel und 
Engelbrecht aus dem Jahre 1702 neben den alten und 
neuen nKeyßer-Zimmernr auch den anschließenden 
vKeyßer-Saalir", und zwei Jahre später bezeichnete 
der Abt von Corvey den eben fertiggestellten Festsaal 
als wnovum aedificium, vulgo Keysers sahlu." Anläß- 
lich der Erbhuldigung 1712 erfolgte in Klosterneuburg 
diefeierliche ÜbergabedesErzherzogshutesdurchden 
Propstandie kaiserlichenCommissarii im vkleinen Kay- 
serl. Sälerlii und auch das Zeremoniell der Rückgabe 
wurde im wKayserlichen Sälerlii neben der Prälatur 
abgewickelt? 
Die Bezeichnung wurde einerseits für Festsäle verwen- 
det, die tatsächlich von einem Kaiser besucht wurden, 
aber keine darauf bezugnehmende Dekoration aufwei- 
sen, wie z. B. in der Wiener Hofburg. im Stift Willen oder 
im Reichsstift Kaisheim; andererseits auf Räumlichkei- 
ten, deren lkonographie zumindest teilweise der Huldi- 
gung des Reiches oder Kaiserhauses dient. Heute ver- 
steht man unter vKaisersaalw nur die zweite Gruppe; es 
handeltsich also um einen wausschließlich ikonographi- 
schen Begriffe", und Herbst sieht in der kaiserlichen 
Ahnenreihe das nkonstltuierende Element eines Kaiser- 
saalesri, wodurch sich Parallelen zu den Ahnenhallen 
anderer Familien ergeben." 
Bei den Habsburgern wurden sowohl die theoretischen 
als auch die formalen Grundlagen dafür bereits zurZeit 
Kaiser Maximilians geschaffen?" Denn die damals 
durchgeführten genealogischen Forschungen wurden 
kontinuierlich bis ins 18. Jh, fortgeführLwobei u. a. auch 
die legendäre Abstammung von Karl dem Großen über- 
nommen wurde. Und der Statuenzyklus für sein Grab- 
mal, der erst 1584 in reduzierter Form vollendet wurde, 
bildete die wichtigste Anregung für die 1558 in erster 
Auflage erschienenen i-lmagines gentis Austriacaeu 
des Hofmalers Erzherzog Ferdinands von Tirol. Fran- 
cesco Terzio." Mit seiner Verbindung von Historiogra- 
phie und Porträtgalerie bildet dieses Kupferstichwerk 
den Auftakt für zahlreiche in den nächsten 200 Jahren 
folgende Publikationen ähnlicher Art, deren Stiche mit 
meist ganzfigurigen, denkmalhaften Porträts vielfach 
als Vorlagen fürgemalte und skulpierte Bildnisse in den 
Kaisersälen dientenm Dies gilt bereits für den "Spani- 
schen Saali des Schlosses Ambras, wo um 1570 ein 
Zyklus von Tiroler Landesfürsten entstandm, der im 
18. Jh. bis zu Karl VI. fortgeführt wurde, sowie für 
die Habsburgerstatuetten des Ambraser Antiquariums 
und die Terrakottastatuen Hans Reichles in der fürst- 
bischoflichen Residenz des Kardinals Andreas von 
Österreich in Brixen (um 1600). Nur teilweise an Terzios 
Stichen orientierte sich hingegen der Maler einer um 
1585 im bohmisch-mährischen Bereich entstandenen 
Folge allegorischer Porträts von Habsburger-Kaisern, 
deren ursprünglicher Standort nicht bekannt ist": 
Die Funktion solcher Porträtgalerien warnach Meinung 
der Zeitgenossen eine didaktische, da dadurch vder 
Vorfahren Tugend den Nachkommen durch die Augen 
ins Herz gedrucket, und sie zur lobl. Nachfolge ange- 
reitzet würdemim Die Zurschaustellung der Tugenden 
der Ahnen sollte darüber hinaus beim Betrachter den 
Eindruck hervorrufen. daB diese in ihrer Gesamtheit in 
der Person des regierenden Kaisers wie in einem 
Tugendspiegei reflektiert werden: 
wE. May. sind der Erbe sovielerTretflichkeiten, und deren leben- 
diges Geschicht Buch; ein Ocean, in welchen, gleichwie alle 
dieseTugend Strömezusammengeflossen, alsoauch allediese 
Ruhm bächlein nochzusammenfliessenwerden. Undgleichwie 
E. May. Dero grosserVorfahren Tugendverlassenschafterblich 
beywohnet, also wird Sie auch billich in Deroselben Ehren- und 
Glücks-Fußstapfen tretenß" 
Der Einfluß genealogischer Ehrenwerke (Abb. 9) und 
Tugendspiegei auf die Gestaltung von Kaisersälen, 
bzw. die gegenseitige Anregung. zeigt sich nicht nur an 
der Abbildung von nidealen Kaisersälem auf deren 
Titelblätternms, sondern auch im Text. So beschreibt 
etwa Birken 1657 in seinem Tugendspiegei ausführlich 
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