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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXX (1985 / Heft 203)

Großformatige Ölskizzen deutscher und österreichi- 
scher Freskanten des 18. Jahrhunderts gehören schon 
lange zu den Seltenheiten auf dem internationalen 
Kunstmarkt. Sammler und Museen schätzen sie glei- 
cherweise hoch und gestehen ihnen den Rang von auto- 
nomen Kunstwerken zu. Der Erwerb von Matthäus 
Günthers Skizze für das Chorfresko der ehemaligen 
Benediktinerkirche in Rott am Inn (Farbtafel) durch den 
Kreis der Freunde und Förderer der Städtischen Kunst- 
sammlungen Augsburg bedeutet daher einen außerge- 
wöhnlichen Glücksfall. Die Deutsche Barockgalerie in 
Augsburg, die das Bild als Leihgabe erhält. besitztdamit 
den reichsten und repräsentativsten Bestand an Öl- 
skizzen dieses fruchtbarsten Freskanten Süddeutsch- 
lands im 18. Jahrhundert. 
Das 87.5 x 82.5 cm messende. auf Leinwand gemalte 
Bild war nach Angabe des Vorbesitzers in den fünfziger 
Jahren auf einer Auktion in Brüssel als anonymer Mei- 
ster versteigert wordenf Ob es sich zuvor mit der zwei- 
ten, 127 X119 cm großen Ölskizze für Rott am Inn, die 
das Bayerische Nationalmuseum München 1959 aus 
dem Pariser Kunsthandel erwarb", in einem, vielleicht 
französischen, Besitz befunden hatte. ließ sich nicht 
eruieren. Immerhin deutet das Auftauchen zweier wei- 
terer Ölskizzen im Pariser Kunsthandel" darauf hin. 
däßeinnichtunbeträchtlicherTeildesGünthernachlas- 
ses nach Frankreich verschlagen wurde. 
Das nahezu quadratische Bild ist. von kleineren 
Beschädigungen abgesehen. gut erhalten. An den Rän- 
derniedoch wares übermaltbzw. neu gemalt, indem die 
kreisrunde Komposition gegen die Ecken zu durch 
braune und grüne Vordergrundstreifen um fast 5 cm 
enzveitert wurde (Abb. 2). Die Ecken selbst waren durch 
pseudobarocke, dunkel eingefärbte Gipsauflagen 
kaschiert. Nach Abnahme des vergilbten Firnisses und 
der Übermalungen durch den Gemälderestaurator der 
Städtischen Kunstsammlungen, Herrn Bodo Beier, 
stellte es sich heraus. daß die Farbe des 19. Jahrhun- 
derts großteils in das originale Craouele eingedrungen 
war. Auffallend ist die außerordentlich solide Grundie- 
rung des Bildträgers. Auf die - nicht dubliene - Lein- 
wandwurdezunächsteinedünne rote Bolusschichtauf- 
getragen. Darüber liegt ein beträchtlich stärkerer, 
hellgrauer Kreidegrund. der durch eine dünne braune 
Farbschicht in lasierendem Auftrag abgeschlossen 
wird. Auf die geglättete und farbundurchlässige Malflä- 
che wurde zunächst mit dern Stift in leichten Umrissen 
die Zeichnung aufgetragen, die, besonders unter den 
hellen Lasuren, stellenweisesichtbarblieb (Abb. 3). Die 
Eckzwickel wurden erst zum Abschluß der Arbeit mit 
grauer Farbe gleichmäßig ausgemalt. 
Dargestellt ist das Martyrium des hl. Marinus, der 
zusammen mit dem hl. Anianus. seinem Neffen, als 
Patron der Kirche von Rott verehrt wird. Der Legende 
zufolge waren die beiden irischen Wandermönche von 
Rom nach Bayern in die Gegend des lrschenbergs gezo- 
gen, wo sie etwa 40 Jahrelang als Eremiten lebten, bis 
sie anno 679 von den heidnischen Wenden aufgespürt 
wurden. Diese plünderten die Klause des Marinus, fol- 
terten ihn und warfen ihn in einen brennenden Scheiter- 
haufen, während der krank darniederliegende Anianus 
in seiner Hütte verschied. Die Gebeine der beiden Heili- 
gen sollen später in Wilparting. danach in Rott beige- 
setzt worden sein. Links sieht man die geöffnete Klause 
des Heiligen und diesen selbst. von den halbnackten 
oder gewappneten Soldaten niedergestreckt. die mit 
Knüppeln und eisernen Haken auf ihn eindringen. 
Rechts ragt der brennende Scheiterhaufen empor, von 
muskulösen Männern angefeuen. während zwei 
andere Holz herbeitragen. Der Tote liegt im schwarzen 
Mönchshabit, das Kreuz in der Linken. wie schlafend in 
den Flammen. Als ginge sie das Ganze nichts an. unter- 
halten sich im Vordergrund ein stehender Stutzer mit 
Spazierstock und Feder am Jägerhut und ein sitzender 
Türke mit würdevollem Gesicht, Turban und Stock. Die 
oberen Bildränder nehmen weitere Soldaten, Gehölz 
und das Zeltlager in der Ferne ein. In der Mitte tragen 
Engel den verklärten Märtyrer aufeinerWolke zum Him- 
2 
mel empor. Einer hält Mitra und Krummstab, die Mari- 
nus als Bischof ausweisen. Der Halbkreis der anschlie- 
Benden Wolkenbänder ist mit weiteren jubelnden und 
musizierenden Engeln besetzt, ein großer und zwei 
kleine Engel schweben dem emporblickenden Märtyrer 
mit Palme und Krone entgegen. Am oberen Bildrand 
erscheint, zwischen den Bäumen versteckt. die Klause 
des hl. Anianus. 
Zwei unterschiedliche Gestaltungsprinzipien bestim- 
men Aufbau und Komposition. Die drei Hauptmotive, 
Klause, Scheiterhaufen und der verklärte Heilige. erge- 
ben ein stumpfes Dreieck. das sich rechts vorn in der 
Gruppeumden buntgekleidetenStutzermitspitzigerem 
Winkel wiederholt. Einem dritten, noch steileren Drei- 
eck läßt sich dieGestalt des Märtyrers samt den Engeln 
in der Mitte einbeschreiben. Diesem statischen Gerüst 
wirkt die unten in der Mitte ansetzende Schraubbewe- 
gung der kurvigen Geländestreifen. der Flammen- 
schwaden und Wolkenbänke entgegen. Ein ähnlicher 
Kontrast herrscht in der Randzone zwischen der äuße- 
ren Kreisform und den links und rechts oben einschnei- 
denden verschobenen Geraden der Sand- und Fels- 
bänkefürWaldundZeltlager.Bildeinwärtsführendeund 
tiefenraumschließende Motive wechseln mit flächen- 
aulteilenden, hell beleuchtete Partien mit verschatte- 
ten. nah gesehene Gestalten und Gegenstände mitdun- 
stig verschleierten. So entsteht ein von außen nach 
innen, von vorn nach rückwärts, von oben nach unten 
fließendes,ständigesSchwingenundWiegen,dasauch 
im Zentrum des Bildes nicht zur Ruhe kommt und den- 
noch die Komposition im Gleichgewicht hält. 
Entscheidend beteiligt an diesem Eindruck ist die Far- 
bigkeit. Sie hebt an mit dem bläulich, weißlich, schmut- 
zig grau und blaß ockerfarbig schimmernden Erdfleck 
vorn, aufden unvermittelt das leuchtende Rot. Blau und 
Weiß des Stutzers mit der gebogenen Hutteder, der 
größten Figurdes Bildes. folgt. Verwandt, doch düsterer 
und branstiger. ist der rotflammende Scheiterhaufen 
mit seinem dunklen Opfer. Sie bilden, medias in res füh- 
rend. den dramatischen Höhepunkt der Farbkomposi- 
tion. Die Marterszene links tritt an farbiger Bedeutung 
bereits zurück. sie leitet über zur atmosphärischen 
Weichheit des Fernen. Die zartesten Farben. bis zum 
getönten Licht verblassend. weist die Bildmitte auf. Der 
Vordergrund drängt sich am stärksten ins Gesicht mit 
seiner kräftigen Modellierung. dem pastosen Farbauf- 
trag und dem quirlenden Pinselduktus. Weißhöhung 
und Braunschatten verstärken die Dinglichkeit. In den 
entfernteren Partien genügen farbige Lasuren mit wei- 
ßeroderrotlich-braunerZeichnung,umdieWirkung von 
lichtdurchfluteten Räumen hervorzubringen und die 
Bildgegenstände zu entmaterialisieren. Auch die Solda- 
ten oder die Zeltedes Hintergrundes sind hell in hell, mit 
viel Weiß und wenig Farbe gemalt. Für das Ornament 
auf der Mitra des Heiligen verwendet der Maler sogar 
das umgekehrte Verfahren, indem er das Muster mit 
dem Pinselstiel aus der Farbe herauskratzt (Abb. 3). 
Der Augsburger Kunst- und Freskomaler Matthäus 
Günther(1705 -1788)standim ZenitseinesSchaffens, 
als er den Auftrag erhielt, für Johann Michael Fischers 
Kirchenneubau in Rott am Inn diedrei Kuppeln mit Fres- 
ken zu schmücken und zwei Altarblätter zu malen. Den 
Benediktinern war er mit seinen Arbeiten in den Kloster- 
kirchen von Amorbach und Fiecht kein Unbekannter 
mehr, mit den Augsburger Stukkatoren Franz Xaver 
Feichtmayr und dessen Schwiegersohn Jakob Rauch 
verband ihn, neben der Heimat Wessobrunn. die 
gemeinsame Tätigkeit in zahlreichen Kirchen Schwa- 
bens. Bayerns, Frankens und Tirols. sein Münchner 
Namens, doch nicht Blutsvetter lgnaz Günther war erst 
kurz zuvor mit Ihm, Feichtmayr und Rauch an der Reko- 
koausstattung des Graflich Seinsheimischen Schlos- 
ses Sünching beteiligt gewesen. Die irgypsarii simul et 
architecti augustanir Feichtmayr und Rauch waren
	        

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