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Full text: Alte und Moderne Kunst XXX (1985 / Heft 198 und 199)

nisch aufgebauten Körper her entwickelte Wiedergabe 
der menschlichen Gestalt, sind - was bis in diejüngste 
Zeit hinein übersehen worden ist und worauf mit Recht 
Manfred Wundram aufmerksam gemacht hat - ebe- 
reits im letzten Drittel des 14. Jahrhunderts auf breiter 
Grundlage vorbereitet wordentt." Und in bezug auf 
einen anderen Kristallisationspunkt fürdie Entwicklung 
derSkulpturhatWundramfestgestellt,daßdasAusgrei- 
fen dreidimensional modellierten Volumens in den 
Raum nbei gleichzeitiger Öffnung eben dieses Volu- 
mens für den Raum ein konstitutives Phänomen aller in 
den siebziger Jahren des 14. Jahrhunderts entstande- 
nen Skulpturen der Prager Parlerhütte istti?" 
Viele Erforscher der wSchönen Madonnentt haben der 
Verwendung einzelner Kompositionselemente allzu 
große Wichtigkeit beigemessen (die absurdeste aller 
der daraus entstandenen Ideen Ist die des itSchnellzug- 
meistersrt von Karl Heinz Clasenx). Dagegen haben sie 
der Frage nach der originalen Aufstellung dieser Skulp- 
turen merkwürdig wenig lnteresse entgegengebracht, 
was sich zum Beispiel in der Unsicherheit spiegelt, mit 
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der man Nachrichten über Aufstellungen der Alten- 
markter Madonna interpretiert?" 
Denn die vcllrunde Bearbeitung der r-Schönen Madon- 
nentt und die oben angeführten Hinweise auf ihre auffäl- 
lig isolierte Aufstellung" bedingen zum zweiten die 
einstweilen noch nichtweiterzu behandelnde Frage, ob 
alle diese Statuen überhaupt ursprünglich für einen 
Altanlerband bestimmt waren? Zum dritten schließlich 
implizieren sie die Möglichkeit der Umschreitbarkeit 
dieser Skulpturen, gewiB nicht zu dem primären Zweck 
eines ästhetischen Genusses, vielleicht jedoch aus 
liturgischen Gründen. Naturgemäß sind solche Begrün- 
dungen nicht in den twstatischemr Bereichen der Liturgie 
der katholischen Kirche zu suchen wie vielmehr in ihren 
vdynamischena, das heißt in Prozessionen etwa, im 
vUmgängenr-t, nicht zuletzt in jenen Tendenzen, die für 
die Entstehung des europäischen Theaters von so ent- 
scheidender Bedeutung gewesen sind. 
Schon bei einerersten Beschäftigung mit den reichlich 
vorhandenen Quellen für das Gebiet des Erzbistums 
Salzburg - deren eingehende liturgiewissenschattli- 
26- 29 Salzburg, Franziskanerklrche. itSchüne Madonnaw, 
um 1410. Steinguß, mit Resten alter Fassung, Höhe 109 cm 
Anmerkungen 27 - 37 (Anm. 38 - 48 s. S 23) 
1' MarifredWundrarn, Die Bedeutung iur Korper und Raum tiirdie Parier- 
Skulpturin Prag undGrnund, in: FerdiriandSeibt undwinlried Eberhard 
ed, Europa 1400, Die Krisedesspatrriittelalters, Stuttgart 19645295 
bis 302, hier S. 300. 
1' Wundram wie Anm. 27. nier S 296 
1' Karl Heinz Clasen, Der Meister der Schonen Madorinen. Berlin 1974. 
I" Dazu meine in Anm 72 genannte Arbeit 
1' Müllerwie Anm. 25. 
ß Die Lit. zurGescriicnre des Frorlleichnamsfestes bei Otld Nußbaum. 
Die Aufbewahrung der Eucharlstie r: Theopharteta, Beiträge zur 
Religlcrls- und Kirchengeschichte Band 29), Bonh 1979, hier S, 149 
bis 174 
1' Peler Browe, Die Verehrung der Eucrlarlstie im Mittelalter ('Muricheri 
i933),'Romt967,hierS,141-154. 
M Mon. Ger. Script. tx, s. B38, 
1' ZurAIten-Burger-Bruderschaft vgl. einstweilen Salzburger Urkunden- 
bUCh l. Nr, 404. bzw, Nachtrag in lv. Nr, 404 
1- DleStadtptarra Sslzburgwar im Spälmlttelaiteldem Dcmkapltel inkor- 
pariert; der jeweilige Domherr, der die Pfründe der Stadlptzrre verlie- 
rian erhietl, bestellte zur Ausübung der Funktionen daiur einen wNach- 
prarrer. (iwlßepläbiftusl) Vgl Christian GrelnZ. DIE f. e. Kurie und das 
Stadtdekarlat Salzburg. Salzburg 1929, s. 173 e 174 
" Damit sind die beiden gleichnamigen Filialkircneri im stadlleil jenseits 
der Salzach gemeint.
	        

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