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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXX (1985 / Heft 198 und 199)

die in den zeitgenössischen Saizburger und Admonter 
Handschriften vollständig fehlen. Unterschiedlich sind 
schließlich auch noch die gelben. schmutzig-grünen 
oder purpurnen Untergrundfarben." In dieser Hinsicht 
dürften allerdings Zusammenhänge mit der zeitgenös- 
sischen Admonterm Malschuie bestehen. Auch die 
Achterschlingenm (Abb. 3) an den Buchstabenkörpern 
und die eingekerbten Zierlinien" innerhalb der einfa- 
cheren Initialen (Abb. 3) weisen Parallelen mit der 
genannten Werkstatt (Abb. 12 und 17) auf. Trotz dieser 
Gemeinsamkeiten sind die Unterschiede zum Admon- 
ter Typus nicht zu übersehen. wie die knorpelige 
Formw (Abb. 9) der Rankenblätter zeigt. Auch die in 
Admont beliebte historisiertem (vgl. Abb. 9 und 12) ini- 
tiale fehlt in Millstatt fast vollständig. 
Keine Zusammenhänge lassen sich hingegen mit dem 
zeitgenössischen lnitiaitypus der Werkstatt des Bene- 
diktinerstiftes St. Lambrecht in der Steiermark feststel- 
len. der äußerst schlanke Ranken und iilienförmige" 
(Abb. 13) Blüten oder dicht gezahnte Blattformenw 
besitzt. 
Die Auseinandersetzung mit der unterschiedlichen Inl- 
tiaiornamentikbenachbarterMaizentrenzeigtalsqdaß 
der Typus des Millstatter Sakramentars als eigenstän- 
dige Form betrachtet werden muß. Auch ein kurzer 
Blick auf lnitialiormenm älterer Millstätter Handschrif- 
ten vermag diese Beobachtung zu bestätigen, wenn- 
gleich dort gewisse stilistische Verbindungen mit der 
zeitgenössischen Saizburgerm Ornamentik gegeben 
sind. Der lineare Zeichenstil (Abb. 14) im Pergament- 
kodex 38 aus der UB Klagenfurt iaßt sich hingegen am 
ehesten mit dem nüchternen Vokabular süddeutscher 
Reformkiöster vergleichen. Initialen dieser Stilrich- 
tung sind auch in zeitgenössischen Göttweiger"? und 
St. Blasianer": Handschriften aus St. Paul im Lavant- 
tai nachzuweisen. Verwandt damit sind aber auch 
die Zeichnungen der Codd. a Vlll 1 (Rituale; Mitte 
12. Jh.)'", a X 24 (Gregorius Magnus: Moralia; Mitte 
12. Jh.)"5 und a XI 4 (Werke des hl. Augustinus; 3. Vier- 
tel 12. Jh.) von St. Peter in Salzburg. 
Zusammenfassend kann man also festhalten, daß ne- 
ben dem Kalender und der Schrift auch die künstleri- 
sche Ausstattung des Miilstätter Sakramentars eine 
Lokalisierung nach Salzburg oder Admont ausschließt 
und eine tatsächliche Entstehung in Millstatt wahr- 
scheinlich macht. Maßgebend türdiese Beurteilung ist 
vor allem die unterschiedliche Auffassung in der Dar- 
stellung der Tierkreisbiider und in der Ausbildung einer 
eigenständigen lnitialornamentik. 
Henrorzuheben ist in diesem Zusammenhang geson- 
dert noch der naturalistische Stil der Tierzeichnungen. 
da dieser ein erhöhtes Interesse an physiologische 
Gesetzmäßigkeiten und die Berücksichtigung indivi- 
duelier Merkmale zur Voraussetzung hat. Bedenkt man 
dazu noch. daßdiese neue Naturbetrachtung im Umfeld 
eines byzantinistisch und platonisch" geprägten Weit- 
bildes vor sich geht. wird man erst das eigentliche Aus- 
maß der Bewußtseinsänderung ermessen können. die 
zu dieser realistischen Auffassung geführt hat. in Ver- 
bindung damit wird aber auch die Reduzierung des 
strengen Byzantinismusm in der Darstellung des Gre- 
gorbildes (Abb. 1) erklärbar. Daß diese naturalistische 
Tierdarsteilung darüber hinaus auch als positiver Hin- 
weis einer Kärntner Provenienz des vorliegenden 
Sakramentars verstanden werden darf. zeigt der 
Umstand. daß die einzige verwandte (Abb. 6) Darstel- 
lung aus einer zeitgenössischen Handschrift des Bene- 
diktinerstittes St. Paul" im Lavanttai stammt. 
4. Datierung 
DerZeitpunktderEntstehungdesMillstätterSakramen- 
tars wurde im allgemeinen aus dem stilistischen Zu- 
sammenhangwg des Gregorbiides (Bi. 7v) mit analogen 
Darstellungen des Antiphonars von St. Peter gefolgert. 
Eine Festsetzung der Entstehung innerhalb des Zeit- 
raums von 1160-1180 lag daher nahef" Bedenkt 
maniedoch.daßdasGregorbildgegenüberdemStildes 
Antiphonars eine Weiterentwicklung" darstellt und 
32 
17 Initialen mit unterschiedlichen Verzierungen aus der Werk- 
statt des Benediktinerstiftes Admont. Admont. Stiftsbiblio- 
thek, Qod 17. S. 227. 
sowohl der Kalenderm als auch die lnitlalgrnamentikm 
Admonter Einflüsse aufweisen, scheint eine Entste- 
hung während oder kurz nach der Regierungszeit des 
aus Admont stammenden Abtes Heinrich Il. (1166 bis 
1177)" als angemessen. Die Entstehungszeit läßt sich 
also auf die siebziger oder den Beginn der achtziger 
Jahre des 12. Jh.s begrenzen. Bei der Festlegung der 
oberen Entstehungsgrenze muß auch noch die Tatsa- 
che berücksichtigt werden. daß der Eintrag des hl. Tho- 
mas von Canterbury. dem um 1178"" in Salzburg eine 
Kirche geweiht wurde. im Kalender des Sakramentars 
noch fehlt (Bi. 89r). 
Zusammenfassung 
1. Das sogenannte Millstätter Sakramentar ist in Mill- 
statt selbst und nicht in Salzburg in den siebziger oder 
am Beginn der achtziger Jahre des 12. Jahrhunderts 
geschrieben worden. Diese Herkunftsbestimmung 
ergibt sich sowohl aus der Interpretation des liturgi- 
schen Kalenders als auch aus der Untersuchung der 
Schrift und der künstlerischen Ausstattung. 
2. Der Kalender enthält die für Millstatt gültige Festord- 
nung der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Er gibt 
außerdem Aufschluß über die intensiven Verbindun 
zwischen Millstatt und FriauilAquileia auf der ei 
Seite und den Oberkärntner Enklaven des Freisil 
Hochstiltes auf der anderen Seite. Grundgelegtwut 
diese Beziehungen schon bei der Gründung Millsti 
da die Grundherrschaft von Millstatt auch im Ber 
der genannten Herrschaitsgebiete Besitzungen h: 
Der Eintrag des in Millstatt verehrten Herzogs Dom 
ist echt. Er ist zur ursprünglichen Kaienderfassun 
rechnen. 
3. Die Schrift zeigt deutliche Unterschiede zum mi 
mentalen Stil der Schreibschuien von St. Peter in E 
burg oder Admont in der Steiermark. Aus der Ur 
suchung des Skriptoriums der zeitgenössischen Hi 
schritten. die einen Miilstätter Besitzvermerk auf 
sen. gehthervor. daß Millstatt schon im 12.Jahrhun 
eine eigene Schreibschuie besaß. Auch das Sakrar 
tar dürfte im Rahmen dieser Schule entstanden s 
Verwandt mitder Millstätter Schrlftform ist im gewi: 
Sinn auch die Schrift der Wiener Genesis (: lll 
ÖNB. Cod. 2721). Auch in diesem Fall ist eine En 
hung in Kärnten anzunehmen. Die Millstätter Gent 
und Physiciogushandschrift gehört schon der früh 
schen Epoche an. Ein Vergleich mit romanischen H 
schriftenistdahernurmitEinschränkungen mögiicl 
deutet abervieles daraufhin, daßauch sie aus dem 
stätter Skriptorium stammt. 
4. Obwohl die Illuminationen (Gregorbild. Tierkreis 
stellungen und Federzeichnungen) Parallelen zurr 
des Antiphonars von St. Peter (Gregorbild) oder 
zeitgenössischen Werkstatt des Benediktinerst 
Admont (Federzeichnungsinitialen) aufweisen, b 
zen sie einen eigenständigen Charakter. Neu ge- 
über den genannten Maizentren ist vor altem der r 
ralistische Stil der Tierdarsteliungen und die Ornar 
tik der Rankeninitiaien. Verwandte Tierzeichnur 
lassen sich in der Werkstatt des Benediktinerst 
St. Paul im Lavanttai nachweisen. 
Anmerkungen 112 - 134a s S. 31 
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