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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXX (1985 / Heft 198 und 199)

ner schöpferischen Kräfte in dem abgeklarten Werk 
reinster Verinnerlichung und Vertiefung hinterlassen 
haben. wie es der Ölberg seiner Vaterstadt, seiner 
Stadtpfarrkirche verkörpertihtg Die Argumentations- 
kette lautet demnach: Ried ist die Stadt derSchwantha- 
ler, der Rieder Ölberg ist ein Meisterwerk, also stammt 
er vom besten Schwanthaler. dem Thomas. Diese 
Conclusio ist freilich dürftig und wenig schlüssig. Aller- 
dings liegt im Ölbergfragmenl von Hohenzell. das mit 
größter Wahrscheinlichkeit von Thomas Schwanthaler 
stammt, eine vergleichbare Arbeit von diesem Künstler 
vor, so daß der Streit um die Urheberschaft am Ölberg 
noch nicht entschieden scheint. 
Ende der 50er Jahre entdeckte man Thomas Schwan- 
thaler als Zeichner. Anlaß dazu war die Entdeckung 
eines Skizzenbuches im lmster Heimatmuseum im 
Jahre 1955. Nach Tirol war es vermutlich über den 
Schwanthaler-SchülerAndreas Thamasch gekommen, 
der später vor allem für das Stift Stams arbeitete, 
Die Schwanthaler-Ausstellung. die vom 3. Mai bis 
13. Oktober 1974 in Stift Reichersberg stattfand, 
erfreute sich zwar großer Publikumsbeliebtheit. 
brachte aber nicht die zu erwartende Fülle an neuer 
Schwanthaler-Literatur. Als äußerst aufschlußreich 
erwies sich aber die Restaurierung der Werke für diese 
Ausstellung. So wurde eine Reihe technologischer 
Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. 
Aus den letzten Jahren erscheint vor allem ein Artikel 
Waltrude Oberwalders interessant, in dem ein druck- 
graphischesWerkdesThomas Schwanthalerpubliziert 
wurde. Er scheint demnach der universelle Künstler 
gewesen zu sein, als den ihnseinwappenbriet von 1679 
preist. 
Eine erste belletristische Behandlung erfuhr Thomas 
Schwanthaler 1947 in Leopold Schmidts Novelle iiDer 
Verzicht-i. Es geht hier. wie auch in Mira Lobes Buch 
iiMeister Thomas in St. Wolfgangii um den Doppelaltar 
in dieser Wallfahrtskirche. Ausgangspunkt ist in beiden 
Fallen die Diskrepanz, die zwischen dem Vorvertrag. in 
dem von einem neuen Choraltar die Rede ist. und dem 
Werkvertrag besteht, der von der Belassung des 
Pacher-Altares ausgeht. Es ist natürlich, daß dieser 
Sachverhalt. dervermutlich nicht mehr als ein Mißver- 
ständnis ist, den idealen Hintergrund für einen Roman 
bildet. der Konflikt des ehrgeizigen Künstlers zwischen 
seinem eigenen Werk und dem von ihm als Meisterwerk 
erkannten Pacher-Altar, 
Freilich verläuft dieser Konflikt bei Leopold Schmidt 
allzu unproblematisch. Ein friedlicher gottergebener 
Abt von Mondsee - Schmidt kannte offensichtlich kein 
Porträt des Abtes Coelestin Kolb. erwäre sonst kaum zu 
dieser Charakteristik gekommen - ist nur allzu gerne 
bereit, eine Änderung in der Planung durchzuführen, 
und das zu einem Zeitpunkt. zu dem bereits ausgepackt 
die Teile des Doppelaitars in der Kirche verstreut 
umherliegen. Das erscheint wohl wenig glaubhaft. 
Zudem bleibt die Frage nach der seltsamen Form des 
Doppelaltaresvöllig unberührt. Demgegenüberist Mira 
Lobes Arbeit ausgezeichnet recherchiert. Zahlreiche 
Details beleben die Erzählung, die durch die große Zahl 
der vemrendeten Eigenschaitswörter zusätzlich an 
Farbe gewinnt. Nicht Typen sind es, die hier vorgestellt 
werden. sondern glaubhaft geschilderte Charaktere. In 
dieser Hinsicht wirkt die Gegenüberstellung von Tho- 
mas Schwanthaler. sowohl mitdem jungen, schwärme- 
risch veranlagten Meinrad Guggenbichler, als auch mit 
dem kühl distanzierten Abt Coelestin Kolb außerordent- 
lich reizvoll. 
Das jüngste Werk zu diesem Thema ist Carl Oskar Ren- 
ners Roman iiDer Rebellen, Durch die Ausdehnung des 
Romans zu einer Biographie gerät das Werk zu einer 
Anhäufung von Episoden. von denen zudem einige 
reichlich unwahrscheinlich sind. Thomas Schwantha- 
ler tritt kaum aus dem Typus heraus. es fehlt ihm die 
menschliche Note, die den Thomas Mira Lobes so lie- 
benswert werden laßt. 
Als kleinen eigenen Beitrag mochte ich zuletzt noch 
kurz aufzwei Spuren venezianischen Einflusses aufdas 
Werk des Meisters hinweisen. Wenn Baubdck meint, 
irim wesentlichen hat Thomas den für unsere Gegend 
eindeutig neuen Stil des reichen Barocke nach väter- 
licherAnregungd0chwohlaussich selbst herausgefun- 
den und aus etwas steifen Anfangen weiterentwickelt 
- zu einer bisher nicht dagewesenen Beseelung der 
Naturform bis hinein in die Gewandfaiteiä". so scheint 
diese Behauptung, bei aller Hochachtung vor dem 
Genie des Thomas Schwanthaler, doch wenig glaub- 
haft. 
Ein venezianischer Einfiuß wäre nicht weiter verwun- 
derlich. waren doch im nahen Salzburg, zu dem Thomas 
Schwanthaler gute Beziehungen hatte, mehrere vene- 
zianische Bildhauer mit Sicherheit tätig." 
Ein Charakteristikum des Schaffens unseres Meisters 
sei. so meint Waltrude Oberwalder, nein großartiges 
Gefühl fürden organischen Bau des menschlichen Lei- 
bes, zu dem das Gewand den Gegenspieler stellt. Anlie- 
gende Gewandpartien. durch die die Körperformen 
durchschimmern (der durchscheinende Nabel ist für 
die Figuren unseres Meisters ein Charakteristikum) 
wechseln mit reichen Faltenstückenm" 
Vergleicht man nun die Gewandauffassung einer Figur 
wie derdes hl. Paulus aus Mattighoten (Abb, 3) mit einer 
beliebigen venezianischen Plastik des ausgehenden 
16. Jahrhunderts (Abb. 4). so zeigen sich. bei allen 
Unterschieden. doch auffallende Parallelen, In beiden 
Fällen kontrastieren Teile. an denen das Gewand sich 
an den Körpergiattanpreßt, als wäre es naß. mitgroßzü- 
gig angelegten Faltenzügen. besonders als Faltendrei- 
eck am Ansatz der Schenkel sowie als Rahmung im 
Bereich der Gewandteile. die sich an die Schenkel 
legen. ja in beiden Draperien bildet derSaum einen ver- 
gleichbaren Bogen um den vertretenden Fuß. Auch der 
durchscheinende Nabel findet sich in beiden Werken, 
Auch der Typ des bärtigen Mannes mit der Hakennase. 
den wir. wie erwähnt. so oft im Schaffen des Thomas 
Schwanthaler finden, scheint in vergleichbarer Weise 
in Venedig vorgebildet. So erscheint der Kopf des 
hl. Paulus dem Kopf des Neptun, den Jacopc Sansovino 
für den Dogenpalast schuf (Abb. 5). sehr ähnlich. "Der 
Bartweht in großen gewellten Locken zurSeite, von der 
Wurzel der schmalen gebogenen Nase laufen die 
Brauen fast waagrecht auseinandem" Diese Worte 
gelten in gleicher Weise für beide Figuren. 
Die zweite Spur venezianischen Einflusses ist im 
Bereich der lkonographie zu finden. Im Gegensatz zu 
anderen Ölberggruppen des 17, Jahrhunderts ist der 
Rieder Ölberg nicht dem Typus nachgebildet, den wir 
bereits in der Druckgraphik des 15. Jahrhunderts fin- 
den. Während dcrt nämlich Christus und der Engel in 
Konfrontation gegeben sind. Christus nach den Worten 
des Markusevangeliums zu Boden geworfen und be- 
tend, ist dem Rieder Ölberg das Lukasevangelium zu 
Grunde gelegt, Denn nur dort findet man die Worte: iiDa 
erschien ihm ein Engel vom Himmel und gab ihm neue 
Krattß" Diesen Typ des Ölbergs findet man hingegen 
in Venedig öfters, So erscheint Veroneses Ölbergbild 
(BreraNr.241)sowieeinedaraufbasierendeZeichnung 
Palma Giovanes (Abb. 6) dem Rieder Ölberg außeror- 
dentlich ähnlich. 
Diese beiden aufgezeigten Parallelen lassen es als 
wahrscheinlich erscheinen. daß Thomas Schwanthaler 
venezianische Arbeiten gekannt hat. wenn auch viel- 
leicht nicht aus erster Hand, so doch vielleicht aus 
Kleinplastiken. die sicherlich auch in Salzburg vorhan- 
den waren. und an denen sich die genannten Merkmale 
ebenfalls erkennen lassen. 
Anmerkungen e - 14 
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w Bauböck Max. Pri-ibisme und Situation der Schwanthalerlorschung, in: 
Oberösterreich xviii H1I2. Linz 196a, 2a. 
" Näheres zu diesemThema holte ichbald in meiner Arbeit über Salzbur- 
ger Plastik der Mitte des 1 7. Jahrhunderts der Öffentlichkeit vorstellen 
zu xonnen. 
" Obenualder Waltrude. wie Anm. B. 9B. 
" Oberwalder Waltrude. wie Anm. 9. 99. 
" Lukas. 22. 43. 
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Lobe Mira. Meister Thomas in St. Wolfgang, Wien-Munoheri 19 
Renner Carl Oskar. Der Flebeller. München 1978 
48
	        

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