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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXX (1985 / Heft 198 und 199)

Für den Kunstsammler 
 
Neue Forschungen zur Nordwest- 
schweizer Möbelkunst um 1600 
Franz Windisch-Graetz hat in dem zweiten, 1953 erschienenen 
Band seines monumentalen Werkes über dlß "Möbel Europas" 
auf die hervorragenden Leistungen der Schweizer Möbelkunst 
des 16. Jahrhunderts hingewiesen: nDas wohlhabende Patriziat 
in Städten und ländlichen Gemeinden pflegte eine gehobene 
Wohnkultur. die in qualitätvollen Tischlerarbeiten - vom Geta- 
fel bis zum Mobiliar - ihren Niederschlag fanda Für Basal war 
die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts eine Zeit lebhaften wirts 
schaftlichen Aufschwungs gewesen. eine Zeit auch, in der Ita- 
liener, Franzosen und Bewohner der spanischen Niederlande, 
die ihre Heimat ihrer religiösen Überzeugung wegen hatten ver- 
lassen müssen, hier aufgenommen wurden. Allerdings sollte 
vjeder Welschew aufgrund des berühmt gewordenen Basler 
Ftatsbeschlusses vom 22. Februar 1546 "glatt fortgewiesen 
werden, er seye denn ein rycher oder ein kunstrycher Mannii. 
Solch ein kunstreicher Mann war gewrß der Tischler und Bild- 
hauer Franz Pergo(Francois Parregod). dem Dieter Pfister nun 
eine ausführliche Monographie' gewidmet hat. Am 22. Oktober 
1593 erhielt vFrantz Parregott von Grossbrun. der Byldschnyt- 
zerrt das Bürgerrecht der Stadt Basel, und am 23. Dezember 
1593wurde l-Frantz Pergo, derSchryner von Grossbrunn in Bur- 
gund. ufwelsch Granfontainec, in dieZunftzu Spinnwettern auf- 
genommen. 
Im Historischen Museum Basel befinden sich ein inschriftlich 
auf das Jahr 1593 datierbares Türgericht (Abb. 1) und ein doo 
pelgeschossiger Schrank, der wohl der gleichen Zeit entstam- 
men könnte. Paul Kölner hatte in seiner 1931 erschienenen 
vGeschichte der Spinnwetterzunft zu Etaseln die Herkunft der 
beiden Stücke aus dem Haus dieserZunft erwähnt unddeshalb, 
ohne archivalische Nachweise, den (bei Windisch-Graetz unter 
Nr. 341 abgebildeten) Schrank als das Meisterstück Pergos 
angesprochen. Da der Schrank ein Paradebeispiel der die Säu- 
lenordnungen streng beachtenden süddeutschen "Fassaden- 
schreinereiif darstellt, schien damit Adolf Feulners Annahme 
von 1927 bestätigt, daß Pergo libei einem deutschen Meister 
gelernt hatm. Windisch-Graetz hat aber mit Recht hinter die 
Zuschreibung Kolners das Fragezeichen einer ngroßeh Wahr- 
scheinlichkeitrr gesetzt, und Dieter Pfister nun lehnt es vehe- 
ment ab, iiPergo ein Meisterstück unterzuschieben. welches 
keinerlei Merkmale seines Stils aufweist, welches vor allem 
nichtzu beweisen. nicht zu demonstrieren vermag, welch glan- 
zender Bildschnitzer Pergo wani. 
Pergus Stil kann man dann angemessen beurteilen, wenn man 
die besondere Situation Basels zu jener Zeit und den Kreis der 
dortigen Auftraggeberbedenkt. wenn man Pergos Herkunft aus 
dem Burgund einbezieht, wenn man also südwestdeutsche und 
burgundische Möbel und die Charakteristika ihres Ornaments 
genau analysiert. Pfister führt dies an vier wichtigen Werken 
Pergos vor. an dem Portal im Basler Rathaus von 1595, an dem 
Buffet aus dem lselin-Zimmer von 1607. an dem Schrank Im 
Schweizerischen Landesmuseum in Zürich aus dem Jahre 
1612 und an dem Kunstschrank von 1619. 
Pfister sieht im Werk Pergos eine Tendenz zur zunehmenden 
Verbindung von burgundrschen und von Basler Elementen. 
ifWenn ein Auftraggeber Pergo mit derAusführung eines Werks 
betraute. so bedeutet dies. daü er Schnitzwerk im burgundi- 
schen Stil schätzte unddiese Spezialität Pergos an dem von ihm 
in Auftrag gegebenen Stuck verwirklicht sehen wollten Zudem 
fühlten sich Pergos Basler Auftraggeber in ihren Vorlieben und 
Wünschen alten Traditionen verpflichtet. die der Künstler 
berucksichtigen mußte und konnte. was sicherzu seinem Erfolg 
beilrug. Da im damaligen Basel durch die einheimischen 
Tischler ein reiches Angebot an eingelegten Möbeln und sol- 
chen im ßFassadenstil-r bestand. so scheinen die beschnitzten 
Möbel Pergos. die in ihrer Gestaltung dem erhohten Einfluß 
fremder Stiltendenzen entsprachen und doch Basler Wohnge- 
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