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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXX (1985 / Heft 201 und 202)

Jost Schäfer 
Historisches bei 
Robert Rauschenberg 
 
1 Ftobert Rauschenberg, wCharleneu, 1954. Öl, Papier. Stoff, 
Holz, Metall auf Heizplatte. 226 x 284 cm. Amsterdam. Ste- 
delijk Museum 
2 Robert Rauschenbsrg, nEarth Day 22, 1970m. Collage (Vor- 
lage für Plakat der American Environment Foundation), 
101,6 X 75,9 cm 
3 Robert Rauschenberg. vCurrents Collagen-r, 1970. Eine 
Reihe aus 28 Zeitungs- und Fotocollagen, Transferdruck, 
Gouache, jeweils 76,2 x 762 cm. Privatbesitz R. Rauschen- 
berg 
Anmerkungen 1 - 6 
' Vgl. Wißmann, J.: Collagen oder die Integration von Realität Im Kunst- 
werk, lrl: Poetik und Herrrleneutik, München 1966. S. 327 - 360. 
1 Ohne diesen Illustrailonscharakter selnerArbeiten wären auch die Bil- 
der zu Dantes Inferno nicht lTlÖgliCh gewesen, mit denen er die Illarari- 
Scrle Vorlage illustrierte; Vgl. Liebermanrl, W.S I Die Illustrationen Zu 
Dantes Inferno, irY Katalog Rauschenbsrg, DLisseldorIIBerlln. 1980. 
S. i 18 ff. 
1 Rauschenberg nach: Seckler, D. G. The artist speaks: R. Rauschen- 
berg, in. Art in Amsrica S4l3, 1966. S. 73 l. 
' Ebd. S. B1. 
i Vgl, Davis, D." Strnng Currerlt. in: Katalog Hauschenberg, zil. Anm. 2, 
S. 93 N. 
- Die Prulestderrlonslratlon von x-Earth Dayu _ LLS. mitorganlslert von 
Senator E. Kennedy - richtete sich gegen dlE Verschmutzung von um 
und Wasser durch die Industrie. in der Presse wurde uEarth Daya durch 
andere politische Ereignisse. bes solche. GIB im Zusammenhang rrlit 
dem Vietnam-Krieg standen, etwas an den Fland gedrängt und ironi- 
siert So schrieb der l-HeraldTriburleu am 24. April, also zwei Tage spa- 
ter, lnalnerRandglosse: IEARTH DAY IN NEWYORK -Everybodytolk- 
ed about pcllulion yesterday - Earth Day- but the air hers was more 
pollutadthanusuaLTha Air ResourcesAdrninislrl-zllon saidthatair pollu- 
tion rose tc Mnsatislactorily high leveis' because ot 'Iow winds during 
the morning'. The readlng were: sulrur dioxide 12 parts per rrlilllon . . 1 
Beikaumeinem zweiten KünstlerunseresJahrhunderts 
hat das Belanglose, dem Alltag abgelegte und Ver- 
brauchte solch Ieidenschaftliches Interesse geweckt, 
wie bei Rauschenberg. ZahlreicheEnvironments, Colla- 
gen und Combines usw, die seit den 50er Jahren ent- 
standen sind, weisen eine bunte Vielfalt gefundener 
Gegenstände auf, an denen sich ihr Gebrauchscharak- 
terebensowieihre Herkunftwiderspiegeln(l-Charlenew, 
1954). 
Dieses Interesse am Alltäglichen in der Kunst ist natür- 
lich nicht neu. Die Neugier an Dingen, die uns täglich 
umgeben, mit denen wirganz selbstverständlich umge- 
hen und die Auskunft über unser Milieu erteilen, spricht 
sich in der neuzeitlichen kunsthistorischen Tradition 
schon zu Beginn der Stillebenmalerei aus und findet 
ihren ersten Höhepunkt in der Malerei des 17. Jahrhun- 
derts. Unter den veränderten Vorzeichen des 19. Jahr- 
hunderts untersuchte vor allem Manet das großstädti- 
sche Alltagsmilieu und stellte dessen psychologische 
Auswirkungen auf das bürgerliche Dasein dar. Der - 
bei Manet oft vereinsamte - Mensch in seiner Um- 
gebung tritt als Darstellungsthema in der Kunst des 
20. Jahrhunderts fast vollständig zurück. An seiner 
Stelle finden sich seit den rlready madesr Duchamps 
immer häufigerdie von Menschen selbsterzeugten und 
zweckdienlichen Produkte. Ihnen gilt von nun an immer 
stärker das Augenmerk der Künstler. und in ihrer Form 
nimmt der Alltag in der modernen Kunst Gestalt an. Sie 
übernehmen in ihrer physikalischen Vorhandenheit 
geradezudie Statthalterschaftdes traditionellen illusio- 
nistischen DarstelIungsmodus' und bezeugen in die- 
sem Sinne das Dasein des Menschen in seiner moder- 
nen Lebenswelt. 
Unter dieser Perspektive teilt Rauschenberg seine 
Grundhaltung mit anderen Künstlern verschiedenster 
Provenienzen, unterscheidet sich von ihnen aber durch 
seine besondere Motivwahl, seinen Gestaltungsvcr- 
gang und seine künstlerische Zielsetzung. So etwa 
- um nur zwei Persönlichkeiten zu nennen - von 
K. Schwitters, der den Abfall der Zivilisation sammelte, 
um dessen schöne Seite sichtbar zu machen' (nMBYZ- 
bild 25 An). Oder von Andy Warhol, der wie ein lebloser 
Automat auf die 7 vor allem - medial geprägte Welt 
reagiert, um ihr mit Ihren eigenen Mitteln die visuelle 
Konsumierbarkeit und Allgegenwart Ihrer eigenen 
Erzeugnisse rücksichtslos vor Augen zu führen (nBrillo 
Boxesw, 1964). 
Demgegenüber hält Rauschenberg an der Originalität, 
an der Einmaligkeit der an Ort und Zeit gebundenen und 
von ihm gesammelten Gegenstände fest, deren Aus- 
wahl zwar auch nach den Gesichtspunkten des bild- 
kompositionellen Aufbaues fällt, deren Funktion aber 
gleichwohl weniger im ästhetischen Wirkungsbereich 
liegt als vielmehr in ihrer Wiedererkennbarkeit." Damit 
tragen sie einen besonderen Anteil an der prosaischen 
Aussage eines Bildes. Nach Rauschenbergs eigenen 
Vorstellungen sollen sie denn auch nicht zu einer "illu- 
stration of my will, but more like an unbiased documen- 
tation of what I observedr" beitragen. Demnach läßt 
sich seine BildweltintentionellalseineArtd0kumentari- 
scher Rechenschaftsbericht über die eigene, extrover- 
tierte Existenz in deralltäglichen Umweltverstehen. Die 
Materialien in einem Bild sind dabei einerseits an den 
jeweiligen Zeitraum des persönlichen Erlebens ge- 
knüpft, in den sämtliche Aktivitäten des Wahrnehmens, 
Auseinandersetzens, Auswählens. Sammelns, Gestal- 
tens etc. eingehen. Andererseits tragen sie auch ihre 
eigenen Schicksalsspuren, die der tägliche und oft bei- 
läufige Umgang mit ihnen hinterlassen hat. 
So fließt der alltägliche Erlebnisbereich in die Zeit einer 
Bildentstehung Rauschenbergs mitein, dieer häufig mit 
nur sparsam gesetzter, freier Malfaktur kompositorisch 
abschließt. Damit setzt er sich zugleich vom wAbstrak- 
ten Expressionismusu ab, der seine Bildsprache allein 
aus dem spontanen - und in der Spontanität kontrol- 
lierten - Aktionssystem von Künstler - Farbe - Lein- 
wand zu beziehen sucht. Der Aktionsradius Rauschen- 
bergs dagegen dreht sich nicht allein um den 
Gestaltungsakt als Quelle künstlerischer Inspiration 
und Kreation, sondern um das Dasein als seiner eige- 
nen historischen Existenz, die sich an den Spuren frem- 
der Existenzen, von Ereignissen und Ereignisketten 
reibt, diese Spuren sammelt und in iedereinzelnen Bild- 
gestaltung jeweils neu dokumentarisch festhält. 
II 
Sein Interesse an alltäglichen Handlungen, Aktionen 
und Erlebnissen, deren nur scheinbare Belanglosigkei- 
ten durch seine Beschäftigung zu bedeutsamen Zeu- 
gen gegenwärtigen menschlichen Daseins werden, 
scheint Rauschenberg darüber hinaus zu keinen weite- 
ren Absichten verleitet zu haben: "Mywork was never a 
protest against what was going on, it was an expression 
cf my own involvementw (t 966).' Doch schon jeder Ver-
	        

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