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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXX (1985 / Heft 201 und 202)

xuiioiicipiuiiir, 
äepg Schmölzer stellte kürzlich eine Auswahl seiner Arbeiten 
m Osterreichischen Museum für angewandte Kunst vor 
ächmuck. Fotos. Objekte Sein komplexes Gesamtkomposito- 
ium zeigt a priori angeborene absolute Verbindung zu Natur 
ind Umwelt.Als Schmuckmacher,Gralikeroder Fotograf. Sein 
ieginn im minuzids-prazisen Handwerk einer Goldschmiede- 
ehre sicherte ihm unleugbar Vorteile für seine gesamte Ent- 
vicklung, Das Beherrschen-Lernen des Technisch-Material- 
naßigen bestimmt seine Qrundausbildung. 
)as Ausstellungsbild im Osterreichischen Museum zeigt den 
esten KernderSchmuckarbeiten, dichte Fotogruppen. Ein per- 
tdnliches Bild des Künstlers entsteht. vorn Goldschmied. 
iebrauchsgrafiker, Experimentator und Projektor. Objekte- 
nacher und Fotograf Man kennt seine ersten bildnerischen 
Jrschreie, Fiinge, Broschen, Anhänger u.ä., unbekümmert 
risch, bisweilen mythologisch aspektiert Er fegte damals uber 
ilacht alte Traditionen vom Tisch e nicht in radikalem Neue- 
ungsdrang-.erregteAufsehembeunruhigte.eSchmuckfor- 
nen, die eine Fieaktualisierung des Jugendstils erkennen las- 
aen i und nicht nur eine assoziative -, sind neuer Ausdruck 
echter Sinnenfreude, nicht Replik. Schmuck aus 1952, mit dem 
ron 1985 im Vergleich, laßt den gewaltigen bildneriscnen 
Sprung Schmölzers erkennen. Frühen. unverkennbar eigenge- 
Jrägten Arbeiten folgten diametral Objekte in der Sprache des 
teuenTrends. BeispieLein Objekt, an dem ergefundenen Klein- 
rram auffadelt, das Nebensachliche versinnbildlrcnend. Aus 
scheinbar visueller Unruhe entsteht ein freier. gebandigter 
Drganismus Schmuck hatfurSchmölzereineirschbne-ivorder- 
seite. Die Schwäche des Fiuckwärtstst verdeckt, nichtsichtbar. 
Das reizt ihn zum Ausbruch zur freieren Objektkunst Hierkann 
er einen neuen Weg einschlagen. großzügigerwerden Ein Ding 
sobauerxdaßesrundumbetrachtbarist WennerdieseObjekte 
lDf die Natur stellt, wird ihr Wesen e ob Baum oder Pflanze - 
n reinster Form deutlich. 
Schmölzers Leben ist voller Unruhe. Immer packt ihn eine 
aesondere Erscheinung, ein flüchtiger Eindruck Eine spontane 
ldee oder Assoziation Sein Auge, von Kind an. ist unermüdlich 
rege, ist malerisch stets hungrig Das Komplexe seiner Empfin- 
dungen, kuhl und emotionell zugleich, läuft synchron. Zerietz- 
len Wolkenhimmeln iwie sie uns allen begegnen - entratselt 
er unzahlige nZUYälllgert Gestaltformen, speichert sie sinnge- 
aend. Olt rudimentäre lmpressionen, die sich ihm aufdrängen. 
Schmölzer begann im 2. Weltkrieg als Soldat der deutschen 
Wehrmacht zu fotografieren. Skandinaviens reine Landschaf- 
ten. Stimmungen. faszinierten ihn. Sein Schauen, seine eigene 
Sicht, pragten sich aus. Das führte auf langen Wegen zu den 
Fotosequenzen späterer Jahre Er querte Kontinente, ließ sich 
an Meeresufern nieder, um tieterals andere in die Geheimnisse 
des Fotografierens einzudringen. Vorliegt ein reiches, viel- 
laltiges Gesamtbild Von reiner Bilddokumentation bis zur 
asthetisch-kombinativen Bildaussage, den phantastischen 
Landschaften. Politisches Engagement und umweltschützeri- 
sche Mitverantwortung prägen das iiSchwarzbuchri des Künst- 
lers. Eine einzige dramatisierte Kettenseouenz anktagender 
Bildautschreie von Hiob überSisyphus bis zum Aschentod nach 
dem atomischen Feuerbrand, Bildschreckliche Abgründe, 
massiv, alarmierend Das Deiormieren der Welt infolge sinn- 
loser Eingriffe in die Natur. Zerstörung, Verwüstung, Bruch der 
Werte, das endgültige Zerfallen unseres Universums. Eine 
erschütternde Szenerie des Untergangs! Schmölzer stößt hier 
Tore auf, die vom Gestalterischen, dem heißen Engagement 
henweisheit und Vision erkennen lassen. Erentreißtsich unge- 
heure Situationen eines diaboiisch-damonischen Lebens, Legt 
grafisch-händisch letzte Hand an, um Eindrücke zu verdichten 
oder zu schließen Sarkastisch brandmarkt er die Motorisie- 
rung. Unter sturverkapselter Ftollerblechstirne laBt er idiotisch- 
seelenlos zwei vtoteii Scheinwerferaugen starren Den Zerfall 
aller Materie kündenstehende Baumleichen an Die präsumtive 
Untergangssaat streut er abschreckend, inkarniert in nacht- 
seitig-embroiden, goldglitzernden Wesenssubstanzen. von 
metastatischen Schründen befallen. Ausfluö seines erahnten 
iioverkillii; jene letzten, allerletzten Wesen "die danach" in 
Asche und Staub zu Ende vegetieren, im tödlichen Glanz und 
Knitterprunk ihrer silbernen Fblientotengewarider. 
Ein kombinativer Exkurs ins Gebrauchsgrafische schließt hier 
den Kreis. Schrnölzer gewann kürzlich in Moskau fur den Ent- 
wurfaines Antikriegsplakates einen Preis. Motiv- eine conterga- 
nische Figuration, aufwühlend, nur dem Schreckensbild der 
Pestilenz vergleichbar. 
Innerhalb der Fotografie nehmen seine ßpiegelungenr einen 
festeri Platz ein Unter Nachwirkung des Kriegserlebnisses. in 
Kriegsgefangenschaft, wo er automatisch dem Begriff Zelt im 
Fluktuierendeswassersnachhing, entstanden EineFotoserie, 
bei der das lllusionistische, Unperspektive und Symmetrische 
tragend ist. Das Endproduktentsteht nach derAufnahme durch 
Stürzen des Bildes Ergebnis: lmaginationen von visuellen 
Situationen wie Landschaften oder Parabeln. 
Wie sehr gerade im Zusammenhang mit der Fotografie künstle- 
rische Gegensatze und Grundsätzlichkeiten Schmolzer bewe- 
gen, beweist sein Disput mit einem namhaften Kunstwissen- 
schaftler um den Begriff der Präfiguration. Schmölzers 
Standpunkt: auch bei der Fotografie kann,wie bei der Malerei, 
präfigurativ vorgegangen werden. 
Die Fotografie, sichtlich dominant im Leben des Künstlers, läßt 
die Frage stellen, ob Authentizität und ästhetische Freiheit sol- 
cher künstlerischen Botschaft eher Zugang zum Nichtkünstler 
schaffe? Das ließe das breite Engagement - er litt nie an Man- 
gel des Darstellbaren i erklären. mit dem er seine ureigene 
Zwiesprache mit dem Menschen betreibt. Wir verbuchen vor 
allem dieses unerschöpfliche Fotooeuvre Schmölzers als rein- 
stes, parabolisches Sensorium seiner Weltsicht Funkelndes 
orbis pictus, von klassischer Zivilisation bis zur Primitivkultur 
kontinuierliches Panorama einer geistig-transzendenten Welt- 
landschaft. 
Scnmolzer, kommunikativ, lehrte fruh, u. a. an der Salzburger 
Sommerakademie In seiner Universalität ein Pratendent und 
Prototyp dafür. wie Kunst und Kunsthandwerk in einer Person 
kopulreren. leopold netopil 
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